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FORSCHUNGEN ZUR
DEUTSCHEN GEISTESGESCHICHTE
DES MITTELALTERS UND DER NEUZEIT
Herausgegeben von P. MERKER und W.STAMMLER
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DIE DEUTSCHEN
VOLKSBÜCHER
Von ne
_ D* LUTZ MACKENSEN
Privatdozent an der Universität Greifswald
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FRIEDRICH PANZER
dem Lehrer und Führer in dankbarer
Verehrung
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VORWORT
IESE Studie ist aus Vorarbeiten zu einem Eulenspiegelbuche
erwachsen; sie möchte versuchen, Wesen und Bedeutung
einer mit Unrecht verachteten Literaturgattung klarzustellen. Die
gewichtige Rolle, die die deutschen Volksbücher in der Geschichte
des deutschen Romans spielen, ist uns seit Liepes trefflichem
Buche, ohne das dieses nie hätte geschrieben werden können,
deutlich; da schien es wünschenswert, die Gattung als solche
einmal stil- und stoffkritisch zu untersuchen, ihre Einheitlich-
keit nachzuprüfen und die geistesgeschichtlichen Zusammenhänge
zu suchen, die zu ihrer Entstehung und Verbreitung beitrugen,
Dabei mußte sich der Blick notwendig von den Büchern auf die,
die sie schrieben oder übersetzten, die sie verlegten und die sie
dann lasen, richten; die Frage nach Herkunft und Ausstattung,
nach dem Anteil der Verleger an Stoff und Formgebung und nach
der Aufnahme der Werke durch das Publikum gewann so erhöhte
Bedeutung, und die Erkenntnis der Doppelgestaltigkeit der Volks-
büchermasse, wie ich sie in diesem Buche zu zeichnen versuche,
war das Ergebnis dieser Studien.
Freundliche Unterstützung wurde mir zuteil von Wolfgang
Stammler, der mir seine wertvollen Sammlungen über Eulenspiegel
zur Verfügung stellte, von der Zentralsammelstelle des deutschen
Wörterbuches (Dr. Diepers), die mehrere Anfragen in liebens-
würdigster Weise beantwortete, von der Leitung der Mannheimer
Kunsthalle, die mir bereitwilligst eine genaue Prüfung des schönen
Materials, das sie gelegentlich ihrer Kalenderausstellung gesammelt
hatte, gestattete, und von der Heidelberger Uniwersitätsbibliothek,
die meine Wünsche in weitgehender Weise erfüllte. Ihnen allen
danke ich auclı an dieser Stelle aufrichtig für die mir gewährte
Förderung. Wertvolle Dienste leistete mir das Werk von P. Heitz
Vorwort
X
und F. Ritter (Versuch einer Zusammenstellung der deutschen
Volksbücher des ı5. und ı6. Jahrhunderts nebst deren en
Ausgaben und Literatur, Straßburg 1924).
Meine Arbeit lag i im Januar 1926 der Philosophischen Fakultät
der Universität Greifswald als Habilitationsschrift vor. Nun lege
ich sie dankbaren Herzens in die Hand des verehrten und ge-
liebten Lehrers: möge sie ihm Freude machen!
Greifswald, im November 1926 Lutz Mackensen
INHALT
VOTWOLL . 2. ee ee Te ee IX
I. Prosaroman und Volksbuch: Die Zeit und die Ent-
Wicklung: » 3.4524. 4.2 0 are 1
II. Die angrenzenden Literaturgattungen. ........ 42
III. Volksroman und volkstümlicher Roman: Gemein-
sames in Stil und Begriffswelt. ............. 65
IV. Volksroman und volkstümlicher Roman: Trennendes
der inneren Struktur .......... BEL IERE 110
Register:
L;,Bersonen .. 2... a m. A Be a ee ee 145
2,.Stofe und. Bücher 4 .4% 24% 3 Sea 24 Lese 4 147
3: Kulturelles + u 8 en 2 en IE end ana 150
4. Formales ..... 2.2.2.2». Se a Dee a Betr Ser 151
Prosaroman und Volksbuch:
Die Zeit und die Entwicklung
ENAISSANCE, Reformation, Humanismus: durch ein drei-
bogiges Tor hält die neue Zeit ihren Einzug. Sie kommt
nicht plötzlich und unerwartet: die Töne, die nun anschwellen und
beherrschende Musik werden, klingen seit Jahrzehnten und Jahr-
hunderten, die einen lauter und auch für das Ohr des späten
Beobachters deutlich wahrnehmbar, die andern leiser und ver-
steckter, aber doch hörbar genug, um sie über den Punkt ihres
Volltönens hinaus zu fühlen und zu ahnen. „Die Reformation
hat ruhige Bildung zurückgedrängt,“ sagt Goethe einmal; er
sieht nicht, daß es eine Linie ıst, die vom Mittelalter zum Be-
ginn der Neuzeit und: in diese hineinführt, daß nichts an sich
Neues geschaffen wird, sondern nur vorhandenes Gut dem ge-
wandelten Zeitgeist entsprechend umgeformt und ausgebaut wird.
Am Eingang der ‚neuen Zeit“, deren Menschen sich selbst
so gerne als „neue Welt“ empfanden, steht richtunggebend. und
bahnenweisend das Mittelalter 1.
Es ist der Geist des Bürgertums, der, im ı4. Jahrhundert er-
starkt, dem ı5. und ı6. sein Gepräge verleiht. Als Dynasten
und Ritter beginnen, ihre Bergburgen aufzugeben und bequeme,
1 Bereits Dietrich Schäfer betont in seiner „Weltgeschichte der Neuzeit“
(2. Aufl., Berlin 1907) die Abhängigkeit der Neuzeit vom Mittelalter (S. 14);
nach ihm hat W. Goetz in grundlegendem Aufsatz („Mittelalter und Renais-
sance*, Histor. Zeitschr.®, 98 [1907] S. zoff.) die Verbindungslinien auf-
gedeckt, die Burdachs weitausgreifende Forschungen vollends darzulegen
bestrebt sind; vgl. „Reformation, Renaissance, Humanismus“, Berlin 21926. Auch
C. Neumann erkennt („Byzantinische Kultur und Renaissancekultur*, Berlin-
Stuttgart 1903, S. 42) die Bedeutung des christlichen Mittelalters für die Re-
ormation an. Weitere Literatur verzeichnet G, Ellinger, Artikel „Humanis-
mus“, Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte I s25ff.
Mackensen, Die deutschen Volksbüicher 1
2 Zeit und Entwicklung
weitläufige Schlösser ohne Befestigungen am Bergfuß zu er-
bauen?, überschreiten sie zum ersten Male die Grenze, die
Stadt- und Burgleben schied, und geben, beobachtenden Augen
näher gerückt, Raum für Nachahmung und Ausgleich. Noch bil-
den sie das Vorbild; den starken Kulturstrom, der in jenen
Jahrzehnten von Frankreich, dem Geburtslande des neuen Bil-
dungs- und Lebensideals®, durch Deutschland flutet, empfangen
die Bürger aus ihren Händen, und dieser Einfluß führt mit der
Zeit zu einer fast sklavischen Abhängigkeit der Bürger in Form
und Sitte vom Adel. Aber die Linien führen hinüber und her-
über; die breite Behaglichkeit des städtischen Bürgertumes greift
auf den Adel über und hat jene Vergröberung des ritterlichen
Geschmackes, jene Freude am Derben zur Folge, die die innere
Scheidewand zwischen dem alten und dem neuen Stande nie-
derreißt. So entsteht ein einheitliches Bild: so feindlich sich
beide Stände oft genug auch gegenübertreten, ihre inneren Vor-
aussetzungen und Veranlagungen sind dieselben. Alles Ideale
liegt nur auf religiösem Gebiet, und selbst hier machen sich
praktisch-materielle Gesichtspunkte oft genug geltend*; im
übrigen bilden für den Bürger Arbeit und Geschäft, für den
Adel Jagd und Turnier, beide jetzt mit dem Schwergewicht auf
dem materiellen Enderfolg, den schmalen Kreis der Interessen 5.
Der Unterschied zwischen Ritter und Knecht liegt nicht mehr
im Lebensinhalt, sondern in der Herrschaft selbst, und wo
die Stände zusammenprallen, ist sie es, um die gekämpft wird.
2 A. Schulz, Das häusliche Leben der europäischen Kulturvölker vom Mittel-
alter bis zur zweiten Hälfte des ı8. Jahrhunderts. München -Berlin 1903,
S. 22.
3 G. Steinhausen, Die Anfänge des französischen Literatur- und Kultureinflusses
in Deutschland. Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte und Renais-
sanceliteratur. N. F. VII (1894) S. 352ff., bes. $. 357.
4 Vgl. P. Merker, Reformation und Literatur. Weimar ıgı8, $. 14.
G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur II? (1913) S. 164; vgl.
ders., Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter®. Wissenschaft und
Bildung Nr. 88 (1921) S. 119.
6 F. Paulsen, System der Ethik. Berlin 1896. II, 37ı f. Neben diesem mate-
riellen Charakter der Zeit gewinnt das starke religiöse Bedürfnis, das D. Schäffer
(Weltgeschichte der Neuzeit? S. 66) in den Mittelpunkt stellen möchte,
nur zeit- und stellenweise eine überragende Bedeutung.
Zeit und Entwicklung | 3
Der Geist der neuen Zeit ist demokratisch, vom Bürgertum geht
er aus, und das Ziel alles Strebens ıst materielle Vorherrschaft.
Der Metzgersohn Hug Schapler, dessen Aufstieg zum Königsthron
eine Fürstin zuerst bewundernd erzählt, und dem wiederum
eine Fürstin deutsches Gewand verleiht, ist der Repräsentant dieses
Zeitgeistes, und Gestalten wie die des armen Fortunat, der ein
Krösus wird, Worte wie die aus dem Loherbuche: das er zuletst
Römscher keiser ... ward oder aus dem „Weißen Ritter“: das er
zuleist ein künnigreich besaß, atmen die ganze herrschaftstre-
bende Sehnsucht der Zeit. Noch in den Amadisromanen spiegeln die
häufigen Berichte von Liebschaften zu (wenn auch nur scheinbar) Un-
ebenbürtigen diese Sehnsucht wieder. Die Erinnerung an Gestalten
wie Cölestin V., der aus bedürfnisloser Anachoretenklause in den
Glanz des Vatikans berufen wurde, mag in diesem Geschlechte
noch lebendig gewesen sein, dessen typische Heilige eine Jeanne
d’Arc ist.
So geht eine ewige Bewegung durch das Zeitalter, es ist die
Zeit des Abenteurertums nicht nur unter den Schriftstellern,
sondern auch unter den Politikern, ja den Staaten selbst?. Das
Streben in die Ferne, das seine äußere Form in vermehrter Reise-
lust, vornehmlich in das bewunderte Land des Vorbilds, Frank-
reich, findet, verbindet sich mit einem Gefühl ungemeiner Kraft
und Lebensfülle, das den wandernden Handwerksburschen mit
dem fahrenden Schüler, den reisenden Bürger mit dem abenteu-
ernden Ritter vereinigt und Grundbedingung für das starke Ge-
meinschaftsgefühl ist, das über Stadt und Land wandert?. Schon
Erich Schmidt hat darauf hingewiesen, daß die Erscheinung des
ewigen Juden just im Verlauf dieser Zeit kein Zufall sein kann 10;
Faust und Eulenspiegel, Peter mit der Magelone und Fortunat,
Herzog Ernst und Brandan: alle wandern sie kraft- und leben-
strotzend über die Lande, und es ist ihr Wandern, das ihnen ihre
7 F. Gundolf, Martin Opitz. München-Leipzig 1923, S. 6.
8 G. Steinhausen, Die Anfänge des französischen Literatur- und Kultureinflusses
ın Deutschland. S. 354.
9 J. Lefftz, Die volkstümlichen Stilelemente in Murners Satiren. Einzelschriften
zur Elsässischen Geistes- und Kulturgeschichte. I. (Straßburg 1915) S. 5; vgl.
G. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung (Leipzig ı871), II 350.
10 E, Schmidt, Zur Vorgeschichte des Goetheschen Faust. Goethejahrbuch IIl
(1892) S. 87.
1*
Es
4 | Zeit und Entwicklung
Bedeutung für die damalige Zeit verleiht. Was Ulrich von Hutten
damals ausrief, war die Stimme der Zeit, die sich in ihm zum
glücklichen Schlagwort formte: „Es ist eine Lust, in diesem
Jahrhundert zu leben!“
Neben diesem Drängen und Suchen nach materiellem Erfolg,
nach nützlichem Ziel bleibt für die Poesie nur ein schmaler Raum
übrig, und selbst er ist von gleichem Gesichtspunkte beherrscht.
Notwendigerweise gewinnt die Kunst jetzt herbes, bürgerliches
Gewand!l, wo sie die Ansprüche einer bürgerlichen Kultur zu be-
friedigen hat, und in diesem Sinne hat Uhland recht, wenn er von
einem unpoetisch gewordenen ı5., einem unpoetisch gebliebenen
ı6. Jahrhundert spricht1?. Wo, mit wenigen Ausnahmen, alle
Dinge nach ihrem materiellen Wert beurteilt werden, muß auch
die Poesie unter das Prinzip der Nützlichkeit gestellt sein; zuerst
in Handschriften, dann in Büchern werden Bemerkungen wie
kurtzweilig und nütz zu lesen, nutzlich zu bredigen und zu lesen,
fast nutzlich vnd gut, wunderbarlich vnd nützlich ze wissen
typische Zusätze zum Titel, die dem Werke zur besonderen Emp-
fehlung gereichen. Das Abenteuerliche, Wunderbare des Inhalts
trıtt daneben zurück; Sachsenheims ‚„Mörin‘“ wird auf dem Titel
der Folioausgabe von 151213 zwar eins obentürlichen handels
halber gerühmt, aber das Hauptgewicht wird darauf gelegt, daß
sie nit allein zu lesen kürtzweilig, sunder auch zu getrewer war-
nung erschiesslich sei. Die Erstausgabe von „Pontus und Sidonia“
(1483) preist das Werk vil guiter schöner lere vnderweisung vnd
gleichnuss halber an und empfiehlt es vornehmlich den Jungen,
so sy hören vnd vernemen die guitat und gross ere vnd tugent so
ir eltern und vordern getan vnd an in gehabt haben, und der
Schluß der „Sieben weisen Meister“ (Erstdruck um 1470) rühmt
die cronick vnd histori mit seiner geistliche usslegung vnd
glosen... mit gar vil nutzlichen beispilen vnd exempeln, die
lustlich, nutzlich und auch fruchtbar sei. Rollenhagen bittet im
ı. Kapitel seines „‚Froschmeuseler““ (1595):
11 J. Lefftz, Murner S. ı0. R. M. Meyer, Die deutsche Literatur bis zum Beginn
des ı9. Jahrhunderts (Berlin 1916) S. 214 spricht von einer „prosaisch ge-
wordenen Zeit“.
12 Uhland, Schriften. II (1866).
13 bei Grüninger in Straßburg.
Zeit und Entwicklung 5
gott verleih dazu raht und gnad,
das es zur leer und lust geraht,
und ı568 stellt Nicodemus Frischlin in seiner akademischen An-
trittsrede in Tübingen, die er in lateinischen Versen hält, fest, daß
Wesen und Würde der Poesie lediglich in dem docere cum delecta-
lione besteht. So kann es nicht verwundern, daß Spalatin in seiner
Vorrede zur Magelone (1535) den Wert des Buches darin sieht,
das billich ein exempel dar auss genommen solt werden, teütsche
bücher für frawen vnnd junck frawen zeschreiben, daß Burkard
Waldis seine Fabeln (1543) der lieben jugent, knaben vnd jung-
frawen zu dienste und fürderung lassen auss gehen, und fast an
allen enden dermassen zugesehen hab, das ich jnen hiemit zur
besserung dienen möcht. Weit in die neue Zeit hinein reicht dieser
„zwecksüchtige Zeitgeist‘, wie ihn Gundolf einmal genannt hatt;
noch 1688 spricht Heinrich Anselm von Zigler in der Vorrede zu
seiner „Asiatischen Banise“ von dem eigentlichen endzweck der
romanen, den er darin sieht, die deutsche sprache zu erheben. Mit
Recht hat Steinhausen 15 darauf hingewiesen, wie notwendig solche
erzieherische Tendenz für die durch ihre nur materiellen Inter-
essen zügellos gewordene Zeit war.
Daß die Literatur unter solchen Voraussetzungen ein anderes
Gesicht bekommt, kann nicht verwundern; ‚Stil heißt nichts an-
deres als Daseinsgestaltung nach einheitlicher Zielrichtung“, be-
merkt Hans Fehr1$ sehr richtig, und die Ziele dieser Zeit waren
zumeist hausbackene. Die Vorherrschaft ritterlichen Geschmackes
hatte durch das Erstarken der deutschen Predigt, die wiederum
durch das Wachsen der Predigerorden erneute Bedeutung ge-
wiınnt17, eine erste starke Einbuße erlitten; Fabel und Lehrgedicht,
dazu die ersten Keime des Dramas, lenken zu den Bahnen hin, in
die mit der Erstarkung der bürgerlichen Schichten der allgemeine
Geschmack einmündet. Dieser Umschwung vollzieht sich nicht
revolutionär, sondern langsam und genetisch; er ist bedingt durch
14 Gundolf, Opitz S. 30. Vgl. Schulz, Häusliches Leben $. 194.
15 Geschichte der deutschen Kultur II? S. 98.
16 H. Fehr, Das Recht im Bilde. München-Leipzig 1923. S. ı2.
17 Vgl. hierzu und zum folgenden: F. Karg, Die Wandlungen des höfischen
Epos in Deutschland vom 13. zum 14. Jahrhundert. Germanisch-Romanische
Monatsschrift XI (1923) 321ff.; J. Lefftz, Murner S. zf.
6 Zeit und Entwicklung
die Zersetzung der ritterlichen Kultur 18. Einzig die Musik verharrt
in fester und ruhiger Stetigkeit; Lucas Osiander und Johannes
Bocard vollenden und krönen hier das Werk ihrer Vorgänger.
Aber die wenigen Bemühungen, die alte, ritterliche Form der
gebundenen Rede in die neue Zeit hinüberzupflanzen, atmen
V Epigonengeist; Herrmann von Sachsenheim hat keine Schule ge-
macht, und Püterich von Reicherzhausen verwendet gar die alte.
ehrwürdige Form zu Brief- und Katalogzwecken. Zwar ver-
sucht Kaspar von der Röhn (um 1473) alte Heldenlieder neu zu
beleben, indem er sie kürzt und die vierzeilige epische Strophe
in eine achtzeilige umwandelt, zwar schafft Ulrich Füetrer (1487)
sein großes Gedicht von der Tafelrunde, in das er die Stoffe vom
Merlin, Parzival, Flore, Lanzelot und Wigalois hineinwebt, aber
gerade diese Versuche zeigen ihre Unvermögenheit: Kaspar von
der Röhns Werk trägt schon mit seinen Kürzungen und Be-
v schneidungen den Stempel der Erzählungsfreudigkeit, des Stoff-
hungers an der Stirn, und Ulrich Füetrer benutzt für die Dar-
stellung des Wigaloisstoffes bereits das Prosawerk. Noch werden
im ı5. Jahrhundert die Gedichte vom Parzival, Titurel, Wilhelm
von Orleans gedruckt, aber diese Drucke sind Endpunkte, nicht
Anfänge. Maximilians Teuerdank (1517) schließt die Reihe der
ritterlichen Epen; außer der gebundenen Form ist hier nur noch
wenig vom alten epischen Geist. zu spüren, das beweisen bereits
die mehrfachen Wiederholungen derselben Abenteuer, die für das
Werk geradezu charakteristisch sind. Als Fischart wenige Jahr-
zehnte später den Eulenspiegel in Verse setzt, zeigt schon der
überlegene, fast spöttische Ton, mit dem er die Reimform be-
gründet, daß diese Form abgetan ist; er wende die gebundene
Rede an, sagt er, dieweil zu jederzeit bey den alien lieben teut-
schen brauch vnd gewöhnlich gewesen, was sie bekandt, gemein,
lieb und werth den leuten machen wöllen, dass sie das jenige in
gesangen, liedern (darmit man auch die vögel fengt) und rei-
mens gedichten fürgebracht haben. Und auch Hans Sachs hält
die Prosa für klarer, natürlicher als die Versform, wenn er es in
der Summa all meiner gedicht ausspricht: „auch fand ich in
18 W. Liepe, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken. Entstehung und Anfänge des
Prosaromans in Deutschland. Halle ıg2ı1. S. 38. F.v. Bezold, Geschichte der
deutschen Reformation. Berlin ı8g90. S. 32.
Zeit und Entwicklung 7
meinen büchern geschriben artlicher dialogos siben, doch vn-
gereimet in der pros, gans deutlich, frey, on alle glos“.
Die Einwirkung des Humanismus auf die deutsche Unter-
haltungsliteratur dieser Zeit dürfen nicht zu hoch veranschlagt
werden. Die italienische Fazetie z. B. stößt in Deutschland auf
kein Verständnis; sie erscheint hier in ganz anderem Gewande?.
Und der Drang zur Kürze, zur Pointe, der sich in literarischen
Neuschöpfungen wie Schwank und Novelle zeigt?20, wird wohl
durch ihn verstärkt, aber seine Grundlagen hat er im all-
gemeinen Geiste der Zeit. Auch die Reformation hat weniger in
die Entwicklung der schönen Literatur eingegriffen, als man ge-
meinhin geneigt ist anzunehmen ?!; ihre freilich große Tat —
vielleicht die größte Schöpfung der Zeit überhaupt — ist die
Geburt des evangelischen Kirchenliedes, das gemeinsam mit dem
Volkslied die ästhetischen Gipfel der deutschen schönen Literatur
jener Zeit bezeichnet. Aber die großen Züge, die der Literatur
ihr Gepräge verleihen, gehen nicht von den Gelehrten, nicht von
den Gotteseiferern, sondern vom Bürgertum aus, und seine Form
ist die Prosa 22.
Es ist nicht das erstemal, daß die Prosa in die deutsche schöne
49 K. Vollert, Zur Geschichte der lateinischen Facetiensammlungen des ı5. und
ı6. Jahrhunderts. Palästra C XIII. Berlin ı913.
20 Karg, Germanisch-Romanische Monatsschrift. XI 328. _
21 Vgl. z. B. Uhland, Schriften II (1866): „Die Poesie des ı5. und ı6. Jahr-
hunderts ist in Tat und Wesen die Poesie der Reformationsperiode“ oder
D. Schäfer, Deutsche Geschichte II (1910) S. 102. Dagegen P. Merker, Refor-
mation und Literatur, Weimar 1918, bes. $.6. Zwischen beiden Auffassungen
steht W. Brecht, Einführung in das ı6. Jahrhundert. Germanisch-Romanische
Monatsschrift III (1911) S. 345. |
22 Vgl. H.K. A. Krüger, Geschichte der niederdeutschen oder plattdeutschen
Literatur vom Heliand bis zur Gegenwart. Schwerin 1913, $S. 53; R. M. Meyer,
Die deutsche Literatur bis zum Beginn des ı9. Jahrhunderts? (hg. Pniower).
Berlin 1920, S. 214; H. Rausse, Geschichte des deutschen Romans bis ı800.
Kempten-München ıg914, S. ı9. J. Dunlop, Geschichte der Prosadichtungen
oder Geschichte der Romane, Novellen, Märchen usw. Übersetzt von F. Lieb-
recht. Berlin ı851, S. 50. AR. Benz (Die deutschen Volksbücher. Jena 1913
$. 10, 17, 26 u.ö.) stellt das Aufblühen der Prosa als eine bewußt künst-
lerische, schöpferische Tat der neuen Kultur hin, die die innerlich unwahre
Versform, die den Werken auch der großen höfischen Epiker geschadet habe,
ersetzen wollte.
8 Zeit und Entwicklung
Literatur eintritt23. Seit dem dreizehnten Jahrhundert werden alte
Reimchroniken hie und da in Prosa aufgelöst, und die Geistlich-
keit legt sich in Predigtmärlein und prosaisch abgefaßten Legen-
den einen erbaulichen Schatz für Predigt und Unterhaltung zu-
recht. Kurz vor 1350 schreibt Herrmann von Fritzlar sein buch
von der heiligen lebine, das mit seinen Auszügen aus Predigten
und frommen Schriften noch deutlich den Stempel des prak-
tischen Handbuches an der Stirne trägt. Im Wenzelpassional,
das fünfzig Jahre später geschaffen wird, ist dieser Charakter
bereits verwischt; ein gediegenes Erbauungsbuch, wendet es sich
an die vornehmen Laienkreise zur Unterhaltung; damit ist der
erste bedeutsame Schritt zur Unterhaltungsprosa gemacht. Aber
hinter all diesen Büchern und ihren unmittelbaren Nachfolgern
steht eine geistlich moralisierende Tendenz; wohl wenden sie sich
an die breiten Volksmassen und: werden von ihnen gerne ange-
nommen, aber sie haben doch kein eigentliches Heimatrecht
unter den lesenden Laien, die an der Schöpfung dieser Prosa
keinen Anteil haben. Ihre Bedeutung für die deutsche Literatur
liegt weniger in ihrem Stoff, in ihrer Art, in dem Geist, den
v sie ausatmen, als vielmehr in ihrer Form; sie arbeiten an der
Geschmeidigkeit der Sprache, an ihrer Eignung zur ungebun-
denen Rede, und so leisten sie an ihrem Teil das gleiche Werk,
das Predigt und Mystik2*, Geschichts- und Rechtsprosa an
dem ihrigen tun. Ihr Vorbild ıst die lateinische Prosa; aus
dem Gebrauch der kirchlichen Weltsprache entwickelt sich
die Übersetzungstätigkeit aus dem Lateinischen, und erst, als
beide Stadien durchlaufen sind, wagt sich die selbständige Prosa
hervor25. So ist das Feld bereitet, als die bürgerlich-laienhafte
Prosa Kulturbedingung wird; sie findet eine formale Tradition,
an die sie anknüpfen kann, Sprache und Publikum sind ihr
gefügig.
% Vgl. zum folgenden W. Liepe, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken S. 34 fl.
%4 Die Mystik ist auch Erzeugerin einer guten Briefprosa, die freilich mit
ihr wieder erlischt. G.Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes. Berlin 1889,
I ız£.
3 W. Scherer, Die Anfänge des deutschen Prosaromans und Jörg Wickram von
Colmar. Quellen und Forschungen XXI (1877) S. 7; vgl. Scherer, A.f. d. A. III
(1877), 202.
Zeit und Entwicklung 9
Diese neue Prosa kommt aus Frankreich. Da finden sich schon
im ı2. Jahrhundert Ansätze zu einer französischen Original-
prosa, im dreizehnten Jahrhundert entwickeln sie sich, und um
die Mitte des Jahrhunderts sehen wir bereits große Zyklenromane
entstehen 26. Zwar läßt sich der Vers schwer verdrängen, das
ganze ı3. Jahrhundert hindurch kämpft gebundene gegen un-
gebundene Rede, und erst in den Prosaversionen der Artus-
romane haben wır reine Prosa vor uns. Sehr wahrscheinlich ist
auch in Frankreich die Prosa nicht autochthon; von Nordfrank-
reich geht die Bewegung aus, und das ist die Gegend, in der
keltischer Einfluß sehr bestimmend auf die romanischen Nach-
barn einwirkt. Für die Kelten aber ist die Prosa die Form der
epischen Dichtung schlechthin ?2?; unberührt von jedem antiken
Einfluß entsteht um die Wende des 7. Jahrhunderts das älteste
irische Epos Täin bö Cüalnge, das den Zug der Iren gegen Ulster
in Prosaform besingt?3, und die Trojaner- und Alexandersage
finden bei den Iren ihre epische Gestaltung in ungebundener
Rede. Wie dem auch sei: ihre Ausbildung und weltgeschichtliche
Bedeutung hat die Prosa bei den Franzosen gefunden; die fran-
zösische Prosa gilt als vorbildlich in ganz Europa; in England ist
sıe Hofsprache bis zu Cromwells Zeiten, in Norditalien bis um
ı500, in Turin bei Hof und Akademie gar bis ins ı8. Jahrhun-
dert hinein. Im ı3. Jahrhundert bedient sich Brunetto Latini
in seinem „Lehrbuch des Lebens“ ıhrer, und Marco Polo folgt
seinem Beispiel in seiner „Reisebeschreibung‘ (1298) 2°. Spanien
empfängt zuerst die Anregung zu eigenem Nachschaffen; an der
Sprache der Kanzlei Alfons X. (um 1250) ausgebildet, durch
Übersetzung geschult, ist seine Prosa zuerst geschmeidigt, die
französischen Ritterbücher nachzuahmen: so gelingt hier der
26 Vgl. zum folgenden W. Liepe, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken S. 29ff.,
H. Morf, Die romanischen Literaturen. Die Kultur der Gegenwart I ıı, ı
S. ı58ff., S. Singer, Die Wiedergeburt des Epos und die Entstehung des
neueren Romans. Sprache und Dichtung U. Tübingen ı9ı0. S. 55.
27 H, Zimmer, Sprache und Literatur der Kelten im allgemeinen. Die Kultur
der Gegenwart XI ı, ı (1909), S. 6ıfl.
23 S, Singer, Wiedergeburt des Epos S. 35.
29 H. Morf, Die romanischen Literaturen S. 159.
10 Zeit und Entwicklung
große Wurf des Amadis3°. Dann folgt Italien; Dantes Francesca
liest schon den prosaischen Lanzelot. Als Deutschland den breiten
Strom der französischen Prosa aufnimmt, hat er bereits ganz
Europa überflutet.
Ansätze zu einer deutschen Unterhaltungsprosa zeigen sich
hie und da schon früher. Kaum wird man den Lucidarius (um
1200) hier anführen dürfen; ungeachtet seiner Stellung, die
er späterhin unter den Volksbüchern einnimmt, ist er nach Ur-
sprung und Tendenz doch mehr ein Lehrer als ein geselliger
Freund. Aber wichtig bleibt trotzdem der Umstand, daß seine
Form die Prosa. ist:
„ez enwere an dem meister nicht blıben,
er hetite ez gerimet, ab er solde,““
bemerkt der versefreudige Verfasser im Vorwort. In Nieder-
deutschland findet sich dann ein erster früher Vorläufer des
Prosaromans; hier entsteht im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts,
kurz vor dem Sachsenspiegel, ein Lanzelot, von dem Bruchstücke
uns erhalten sind. Ungefähr um dieselbe Zeit oder wenige Jahre
später verfaßt ein hochdeutscher Prosaist einen höfischen Roman;
das dürftige Fragment, das ein glücklicher Fund uns kürzlich
beschert hat, läßt kaum erkennen, welchen Stoff das Werk be-
handelt; vielleicht liegt ein Tristan vor uns31. Dann schweigt die
Überlieferung lange Zeit; der Vers herrscht allein, die ungebun-
dene Rede gilt als unaristokratisch: noch ist die soziale Um-
schichtung, die ihre Grundbedingung ist, nicht erfolgt. Als sie
einsetzt, ist auch die Zeit der Unterhaltungsprosa gekommen:
mit Übersetzungen beginnt sie — ein niederdeutsches Fragment
einer Prosaversion des chanson de geste von Girart de Rous-
sillon von etwa ı/4oo steht an der Sptize der Entwicklung®? —,
schreitet über die selbständige Auflösung deutscher Versromane
fort — erst ı465 begegnet uns das erste Beispiel für diese
30 ebda. S. 202. Ph.Strauch („Pfalzgräfin Mechthild in ihren literarischen Be-
ziehungen.* Tübingen 1883, S. 43) läßt die Prosa von den Niederlanden nach
Deutschland kommen.
81 E. Schröder, Fragmente eines mittelhochdeutschen Prosaromans aus dem
Anfang des ı3. Jahrhunderts. ZdA. 59 (Neue Folge 47), 1922, $. ı6ıf., 216.
32 Liepe Elisabeth von Nassau-Saarbrücken S$. 37.
de
Zeit und Entwicklung II
Stufe in einer mitteldeutschen Erzählung von „Valentin und
Namelos“, der eine niederdeutsche Nachdichtung französischer
chanson-de-geste-Dekadenz zugrunde liegt?? — und steigert sich
schließlich zu eigenen, originalen Werken. Fortunat und Eulen-
spiegel, beide vom Beginn des ı6. Jahrhunderts, bezeichnen
hier die Anfänge. Zwischen Übersetzungen und Prosaauflösungen
besteht dabei kein nennenswerter innerer Unterschied, denn auch
die Prosaauflösungen, weit an Zahl hinter den Übersetzungen
zurückstehend, vermitteln ihren Hörern zumeist französisches Ge-
dankengut. Aber von der letzten, der dritten Stufe trennt beide
eine breite Kluft: in den Werken, die zu ihr gehören, wird
deutscher Inhalt von der neuen, nun völlig ausgebildeten Form
umschlossen, sie bildet füglich den Gipfel der Entwicklung.
Und indem wir das Schwergewicht auf den Zusammenhang
zwischen volkstümlichem Inhalt und volkstümlich gewordener
Form legen, unterscheiden wir diese Volksromane®* von den nur
ihrer Verbreitung nach volkstümlichen Ritterromanen.
Wie sehr die Prosaform diesem Geschlechte angemessen ist,
zeigen gelegentliche Bemerkungen der Verfasser. Noch der Luci-
dariusautor hatte bedauert, nicht reimen zu dürfen, auch der
Tristrantauflöser glaubt sich noch entschuldigen zu müssen:
„von der leüt wegen, die solicher gereimbter bücher nit genad
habent, auch etlich, die die kunst der reimen nit eygentlich ver-
steen künden, hab ich ungenannter dise hystori in die form ge-
pracht, und der Wigoleisbearbeiter ist durch etlich edel und .
andere ehrliebende personen, mann und frauwen gebetien worden,
jnen zu lieb die history ungereimbt zu beschreiben‘; er be-
kennt freiwillig, daß er nach den sitten der poeten nichtz enkan.
Ringoltingen, der Erzähler der Melusine, rähmt sich am Ende,
daß er diss buch schlechtlich on rimen nach der substantz, so
best er kund, gesetzt: das Gewicht dieser Worte liegt weniger
rn
3 ebda. S. 5ı.
% Diese vergißt Liepe S. 77, wenn er sagt: „Weder das Auftreten der Prosa-
form in diesem Zeitraum noch die besondere Gestaltung ... sind charak-
teristisch deutsch. Deutsch bleibt nur die Sprachgebung.“ Die Geschichte
des Romans mit Grimmelshausen zu beginnen (W. Stammler, Zeitschrift für
den deutschen Unterricht 30, 337; F. Clement, Die Grundlagen der deutschen
Dichtung. München 1904. $S. 36), geht nirht gut an.
12 Zeit und Entwicklung
auf dem schlechtlich (wie etwa Benz meinen möchte), als auf
der Bemerkung nach der substantz: es kommt auf den Inhalt
an, das Publikum wünscht Stoff, jede Bindung in der Form
wirkt dabei störend. Daß hier schon die Prosaform als künst-
lerısches Darstellungsmittel des Romans empfunden wird35, mag
mit Fug bezweifelt werden; vielmehr ist der Vers zu schwierig,
zu anspruchsvoll für den Leser, der unerhörte Neuigkeiten kennen-
lernen oder sich an altbeliebten wunderbaren Begebenheiten mit
leichter Mühe von neuem erfreuen möchte. Darum ist auch der
Vergleich dieser Zeit mit dem Sturm und Drang nicht recht zu-
treffend: 36 dort ist es ein wirkliches, bewußtes Abschütteln der
Form, eine revolutionäre Tat, die zur Prosa führt, hier eine willige
Annahme fremden Vorbildes, das sich bequem in die Lücke
einfügt, die eine nicht mehr zeitgemäße, langsam abgestorbene
Poesie zurückgelassen hat. Es ist interessant zu beobachten,
wie mit der Zeit die Anpassung an die Prosa immer selbstver-
ständlicher wird; die Melusinenausgabe von 1474 berichtet in
ihrer historischen Einleitung, der Vorlage entsprechend, von der
Entstehung des Romanes noch: und (der Graf) hyes im myit
reymen ein buch machen; spätere Ausgaben des ı7. und 18. Jahr-
hunderts setzen dafür: solches nun solte er in einem Iractat
und vollkommenen buch, nach genealogisch und historischer
beschreibung, einrichten, es sey gleich in reymen oder so gebun-
dener, als ungebundener red-art, wie es ihm am füglichst ge-
deuchte.
Der Unterschied dieser neuen Prosaromane von den letzten
Versepen, deren äußere Nachfolgerschaft sie antreten, liegt nicht
so sehr ım Stoff als vielmehr in der Form: Kaspar von der
Röhns und Ulrich Füetrers Reimwerke sind innerlich dem Tri-
strant, dem Wigoleis sehr verwandt, und ihre Verfasser wollen
nichts anderes als die Prosaisten: nämlich erzählen. R. M. Meyers
DVSERERE
% H. Naumann, Grundzüge der deutschen Volkskunde. Wissenschaft und
Bildung ı8ı (Leipzig 1922), $. 107. Dunlop, Geschichte der Prosadichtungen
$. 3 erfaßt den Zusammenhang schärfer.
86 Bobertag, Geschichte des Romans und der ihm verwandten Dichtungs-
gattungen in Deutschland. I (Breslau 1876), S. 67. R. M. Meyer, Die deutsche
Literatur bis zum Beginn des ı9. Jahrhunderts? (hg. Pniower), Berlin 1920,
S. 214.
Zeit und Entwicklung 13
Beobachtung, daß der Roman unter allen Umständen eine er-
fundene Geschichte sei, während an der historischen Wahrheit des
Epos, auch von dem Erzähler selbst, geglaubt werde3?, trıfft
wenigstens für diese frühe Zeit nicht zu. Im Roman steht die
Erzählerfreude, im Epos der ästhetische Genuß mehr im Vorder-
grunde; es mag an der schwächeren epischen Veranlagung der
Deutschen liegen, daß hier später als bei den Kelten und Fran-
zosen die ungebundene Form Heimatrecht findet38. Aber zwischen
Epos und Roman besteht entwicklungsgeschichtlich ein tiefer
Zusammenhang, eine Linie verbindet sie beide. In seiner feinen
poetischen Art hat Jacob Grimm: das einmal ausgedrückt, als er
von dem Romane sprach, „in welchem das Epos sich, wie der
Rhein in den Sand, verlaufen hat‘ 39. Ein Wort Goethes, das er
zu Eckermann geäußert hat, findet seine Bestätigung besonders
für unsere Zeit: „Es liegt in der deutschen Natur,‘ sagt er,
„alles Ausländische in seiner Art zu würdigen und sich fremder
Eigentümlichkeit zu bequemen. Dieses und die große Fügsam-
keit unserer Sprache macht denn die deutschen Übersetzungen
durchaus treu und vollkommen.“ Und Jahrzehnte später zieht
in seinem Sinne Gervinus die Summe aus den Erscheinungen
unserer Periode, wenn er sagt: „Das dankt man ... der Auflösung
der Reime und Verse in jenen Zeiten, daß man zu lernen anfängt,
sich in fremden Geist zu finden, und daß im strengen Gegen-
satze zu den poetischen Romanen die prosaischen die Farbe ihrer
lateinischen, französischen, italienischen, niederländischen Quellen
ebenso festhalten, wie es jene verwischen.‘ 40
Ihren Ausgang nimmt die junge Unterhaltungsprosa von fürst-
lichen und adligen Kreisen; wie stark das Vorbild dieser Gesell-
schaftsschichten noch immer ist, zeigt. sich gerade in dieser Tat-
87 R. M. Meyer, Vom Romantischen im Roman. Velhagen & Klasings Monats-
hefte. XXVI, ıgıı/ı2, II 290.
38 Chr. Touaillon, Der deutsche Frauenroman des ı8. Jahrhunderts. Wien-
Leipzig ı919, S. 4. |
89 Deutsches Wörterbuch II, 1469.
4% G.G. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung? (Leipzig 1871) II 343.
Auch Goethe erkennt in den „Noten und Abhandlungen zum Divan“ (Wei-
marer Ausgabe I 7, S. 235) den inneren Geist der Prosa; auch diese Stelle
ist für unsere Zeit bedeutsam. Über Poesie und Prosa vgl. ferner J. Grimm,
Kleinere Schriften VI (Berlin 1882), S. 95.
14 Zeit und Entwicklung
‚ sache. Aber von Anfang an wenden sich die neuen Romane an
ein breiteres Publikum, und sehr bald treten Persönlichkeiten
aus diesem hervor, die ihrerseits auf dem von Fürsten und Adel
begonnenen Wege fortschreiten. Der Geist der Werke, die die
Burgadligen dem deutschen Publikum vermitteln, ist in keiner
Weise ein anderer, als der, den die frühen Romane der alten
Gesellschaftsklasse atmen, denn die Einheitlichkeit des Kultur-
bildes wird in dieser Zeit nicht durch die verschiedenen Stände
gestört. Ein Wechsel findet im Lauf der Jahrhunderte nur im
Publikum statt: in ihrer Frühzeit gehören die volkstümlichen
itterromane den Gebildeten an, die später, als die breite Masse
des Volkes von ihnen Besitz ergriffen hat, ihre erbittertsten
Feinde werden. Vom Standpunkt des Publikums aus, aber auch
nur von diesem, kann man also für die späteren Jahrhunderte
die Ritterromane sehr wohl als „gesunkenes Kulturgut‘ bezeich-
nen 1; ihren Ausgang jedoch nehmen sie alle, auch die jüngsten,
aus den Kreisen derer, die sie jedenfalls äußerlich als roh und
unpoetisch ablehnen oder totschweigen.
Es sind besonders zwei Frauengestalten, die, aus fürstlichem
Kreis stammend, fördernd und anregend die neue Bewegung be-
schützen: Elisabeth von Nassau-Saarbrücken und Pfalzgräfin
Mechtild. Elisabeth #2 stammt aus Frankreich; ihre Mutter hat ın
der Geschichte der französischen Prosa eine bedeutsame Stellung
inne; zur Zeit ihrer Kindheit lebt Christine von Pisa (1374
bis ı430) in Frankreich, die erste französische Berufsschrift-
stellerin, die Vers und Prosa gleichmäßig pflegt. Als Elisabeth,
durch ihre Heirat zur deutschen Fürstin geworden, daran geht,
die Werke ihrer Mutter, „Loher und Maller“ (1407) und „Hug
Schapler“, in ‚deutsche Prosa umzusetzen, tut sie, von sich aus
gesehen, nichts Besonderes. „Herzog Herpin““ und die „Königin
Sıbille“ folgen, damit ist ein Stamm von Werken geschaffen,
der in seiner Art vorbildlich ist und zunächst auch vorbildlich
vbleibt. So bildet diese Frau die Brücke für einen Kultur-
einfluß, der, wenn sie nicht gewesen wäre, nicht so leicht und
41 Naumann, Grundzüge der dtschen Vk.S.ı07; Liepe, Elisabeth S.70, Brecht,
Einführung in das ı6. Jahrhundert, 5. 347.
42 Das grundlegende Werk über sie ist die oft men Arbeit von Liepe,
s.$.6, Anm. 48.
Zeit und Entwicklung I5
zwanglos hätte Platz greifen können. Und ein freundlicher
Zufall setzt ihr eine gleich begünstigte Gefährtin zur Seite:
zwischen ı449 und ı456 übersetzt Eleonore Stuart, die Gattin
Herzogs Sigmunds von Tirol und Vorderösterreich, den fran-
zösischen Roman von Pontus und Sidonia, den sie wohl durch
ihre Schwester Margarete, die Gemahlin Ludwigs XI., kennen-
lernte%3, ın deutsche Prosa. Beider Fürstinnen Werke haben ihre
Bedeutung mehr für die Entstehung des Prosaromans als für die
Geschichte der Volksbücher: Eleonorens Werk wird zwar 1483
(bei Schönsperger in Augsburg) gedruckt, spielt aber späterhin
nur eine untergeordnete Rolle, und die Romane der Elisabeth
finden erst im ı6. Jahrhundert im Straßburger Drucker Grünin-
ger einen späten Verleger; als sie auf dem Büchermarkt er-
scheinen, haben ihnen bereits andere, geschmeidigere Werke den
Rang abgelaufen.
Eleonore Stuart steht im Verkehr mit der Pfalzgräfin Mech-
tıld**, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken ıst ihre Base: der Hof,
den die junge Witwe zu Rottenburg hält, ist der Mittelpunkt
des literarischen Deutschlands jener Jahre. Ihr widmet Hermann
von Sachsenheim seine Epigonendichtungen, von ihr erbittet Püte-
rich von Reicherzhausen die neuen Prosaromane in gereimtem
höfischem Briefe: wenn wir vorhin Elisabeth die Brücke zwischen
Frankreich und Deutschland nannten, so ist sie die Brücke
zwischen alter und neuer Zeit; daß der Übergang so leicht und
harmonisch vonstatten geht, ist ihr Werk nicht minder als Elı-
sabeths. Und wieder ist ihr Mäcenatentum ein Nachleben fran-
zösischen Vorbildes: König Johann und Karl V. sind von einem
ganzen Stab von Dichtern umgeben #5, und am burgundischen Hofe
findet die Prosa besondere Begünstigung #6.
#3 P, Wüst, Die deutschen Prosaromane von Pontus und Sidonia. Phil. Diss.
Marburg 1903.
4 Ph, Strauch, Pfalzgräfin Mechtild in ihrenliterarischen Beziehungen. Tübingen
ı883. E. Martin, Erzherzogin Mechthild, Gemahlin Albrechts VI. von Öster-
reich. Zeitschrift der Gesellschaft für Beförderung der Geschichts-, Alter-
tums- und Volkskunde von Freiburg, dem Breisgau und den angrenzenden
Landschaften II (1872), ı47ff. |
#5 W. Scherer, A. f. d. A. III (1877) 2o2.
46 G. G. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung (1871) II 336.
16 Zeit und Entwicklung
Neben diesen fürstlichen Frauen stehen eine lange Reihe von
Fürsten und Adligen der neuen literarischen Form fördernd zur
Seite und suchen so die Lücke auszufüllen, die die. produktive
dichterische Betätigung in jener Zeit bei ihnen zeigt: der einzige
Hutten tritt selbstschöpferisch hervor; Sickingen und Landschad
verfassen nur reformatorische Streitschriften und Sendbriefe, und
mit ihnen ist die Zahl der adligen Schriftsteller erschöpft”.
Aber als Anreger haben sie viel geleistet: ı444 setzt Johann
Hartlieb die Alexander-Geschichte für Albrecht III. in Prosa
um (gedruckt ı472), auf Wunsch adliger Kreise wird 1492
Wirnt v. Gravenbergs Wigalois aufgelöst (gedruckt 1493), 1485
übersetzt der kaiserliche Rat und Kanonikus Marquard v. Stein
den „Ritter v. Turn“. Der Verdeutscher der Melusine (erster
Druck '1ı474) ist ein Adliger; er unternimmt seine Arbeit auf
Wunsch des Markgrafen Rudolph von Hochberg-Neuenburg, und
Veit Warbeck widmet seine „Schöne Magelone‘ (1535) dem Kur-
prinzen Johann Friedrich von Sachsen. Eberhard von Württem-
berg veranlaßt die Übersetzung des Buchs der „Beispiele der alten
Weisen‘, für ıhn werden einzelne Teile der Bibel, Stücke aus
Josephus, Sallust, Columella, Livius, Ovid, Demosthenes, Euklid,
Augustin in deutsche Prosa übertragen #8, und sein später Nach-
folger Christoph gibt die erste Anregung zur Verdeutschung des
Amadis 49, Unter starkem Schutz, unter günstigen Bedingungen hält
die neue Prosadichtung in Deutschland ihren Einzug, und beide
Vorzüge bleiben ihr: so ist ihr Weg für die Zukunft gesichert.
Die ersten Jahrzehnte hindurch ist die Romandichtung Eigen-
tum der führenden Stände, so gut wie das höfische Epos; sie
bleibt es, solange nur Handschriften für ihre Verbreitung sorgen.
v Mit der Erfindung des Druckes wird das anders; weitere Kreise
sind in der Lage, die Bücher zu lesen und zu erwerben. Zu
gleicher Zeit macht die junge Buchdruckerkunst die Gebildeten
mit den neuen Stoffen der Renaissance und des Humanismus
bekannt, denen sich nun ihr vornehmliches Interesse zuwendet.
47 E. Kück, Schriftstellernde Adlige der Reformationszeit. Programm Rostock
1899.
# Das Buch der Beispiele der alten Weisen, hg. von W. L. Holland, Bibliothek
des Liter. Ver. Stuttgart Nr. 56 (1860) S. 249.
#4 H. Rausse, Geschichte des Deutschen Romans bis ı800. (1914), S. 53.
Zeit und Entwicklung 17
Und dann kommt die Reformation und lenkt die Interessen in
den beiden feindlichen Lagern von den alten ritterlichen Werken
ab: mit dem beginnenden Verständnis für die gelehrt-antiken
oder antikisierenden Bücher, mit zunehmender Anteilnahme an
den Streit- und Schmähschriften vollzieht sich die Abkehr der
führenden Stände von der Literatur der Ritterromane. Es ist
dieselbe Zeit, die Raum und Gelegenheit bietet, einheimische
Stoffe in volkstümliches Gewand zu kleiden; erst jetzt kann man
die alten Ritterromane, zu denen nun Ben neuen Volksromane
treten, als Volksbücher bezeichnen.
So ist der Druck die äußere Vorbedingung für die Verbreitung
der neuen Literaturgattung; durch seine Hilfe erst wird das
ganze lesekundige Volk instand gesetzt, an ihr Anteil zu neh-
men50. Denn so leistungsfähig die Handschriftenabschreiber im
ı4. und ı5. Jahrhundert auch geworden sind5l, die Grenzen
ihres Könnens sind, mit der Druckerkunst gemessen, doch gering.
Und zu dem ins Niegeahnte gesteigerten Leistungsvermögen treten
zwei weitere Faktoren, die die Verbreitung der Bücher befördern:
der ungehinderte Nachdruck, der es jedem Verleger ermöglicht,
Neuerscheinungen anderer Pressen seiner eignen anzueignen, und
ganz besonders der geschäftstüchtige Unternehmergeist, der alle
Vertreter der neuen Kunst beseelt. Neben den kostbaren Prunk-
drucken werden sehr bald billigere Ausgaben hergestellt; im
ı6. Jahrhundert löst sich das Buch immer weiter von der Hand-
schrift52. Format und Einband werden handlıcher, alles ist
auf die Aktuellität eingestellt, äußere Schönheit der Bücher wird,
vom Titelblatt etwa ‚abgesehen, nicht mehr angestrebt. Und bald
findet unter orientalischem Einfluß der Pappdeckel statt des
Pergamentbandes seine Verwendung und verringert die Kosten
für Verleger und Käufer. Noch in den ersten Jahrzehnten des
Buchdrucks springen Abschreiber in die Lücken, die er noch nicht
füllen kann, und arbeiten mit an der Verbreitung der gedruckten
Werke; der Verfasser des Tristrant (1484) bittet die das. lesen
50 so schon A. Bachmann und S. Singer, Deutsche Volksbüchet. Bibliothek FA
Literarischen Vereins Stuttgart Nr. 185, S, XI; vgl. Benz, Volksbücher = 26.
Naumann, Grundzüge der deutschen Volkskunde $. 108.
51 G, Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur. II? (1913) S. ı7ı..
52 Vgl. A. Schramm, Schreib- und Buchwesen einst und jetzt. Leipzig v. J., S. zıf.
Mackensen, Die deutschen Volksbücher 8
%
18 Zeit und Entwicklung
oder abschreiben, seine Irrtümer zu verbessern. Ihre Hilfe wird
mit wachsender Leistungsfähigkeit der Pressen unnötig 53; wie die
Verleger von Anfang an bemüht sind, hauptsächlich Texte her-
zustellen, die im Publikum auf Anklang rechnen könnten 54, ist
auch in der Folgezeit ihr ganzes Bemühen darauf gerichtet, dem
Leseeifer und den Interessen der Käufer entgegenzukommen, und
der hat den größten Absatz, der am billigsten verkauft. Die süd-
deutschen Pressen behaupten in den ersten hundert Jahren fast
alleine den Platz; von Ulm und Augsburg verschiebt sich das
Schwergewicht buchhändlerischer Tätigkeit langsam nach Frank-
furt, das um 1550 den Mittelpunkt bildet; sein Verleger Sigmund
Feyerabend 55 stellt den Typ des geschäftstüchtigen, skrupellosen
Volksbuchdruckers dar. Wie die Entwicklung im einzelnen vor
sich geht, davon wird noch zu reden sein. Hingewiesen sei aber
schon hier auf die marktschreierischen Anpreisungen, die, an
Anfang und Ende des Buches angebracht, das Publikum zum
Kaufe anlocken sollen und deutlich genug Zeugnis geben von
dem Geist der Verleger (vgl. oben S. 4f.). Im Anfang der Ent-
wicklung in bescheidenen Grenzen, wächst der Umfang dieser
werbenden Ankündigungen stetig und nimmt schließlich eine
Breite ein, die für den eigentlichen Titel des Buches kaum noch
Platz läßt. So druckt der Straßburger Martin Schott56 1488 das
buch der geschicht des großen allexander, 1489 ein hübsche histori
von der Küniglichen stat troy wie si zerstörett wartt und um 1485
ein lieblich history von dem hochgelehrten meister Lucidario;
nur mit schmückenden Beiworten wird der Inhalt des Buches
dem Leser verlockend zu machen versucht, und andere gleich-
zeitige Werke anderer Verleger halten sich in ähnlichen be-
58 Daß die angeführte Notiz aus dem Tristrant noch im Frankfurter Druck
von 1570 steht, ist lediglich ein Beweis für die Gedankenlosigkeit der Ver-
leger und die Sorglosigkeit der Abdrucke, nicht aber, wie F. Lichtenstein (Zur
Kritik des Prosaromans Tristrant und Isalde, Breslauer Habilitationsschrift
1877, S. 9) will, für noch damals geübte Abschreibertätigkeit.
% Vgl. R. Pietschmann, Das Buch. (In: Die Kultur der Gegenwart I ı, ıgı2\
$. 571.
°5 H. Pallmann, Sigmund Feyerabend, sein Leben und seine geschäftlichen Ver-
bindungen. Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst. N. F. VII (188ı),
S. ıfl, |
56 Ch. Schmidt, Martin und Jean Schott. R£&pertoire Bibliographique Stras-
bourgeois jusque vers 1520. II. Straßburg 1893.
Zeit und Entwicklung 19
scheidenen Grenzen. Aber mit dem Beginn des ı6. Jahr-
hunderts ändert sich das Bild; ı5ıg prunkt der Titel des Wigo-
leis, der 1493 bei Schönsperger in Augsburg unter der ein-
fachen Bezeichnung Wigoleyß vom rade vom grafcuperg er-
‚schienen war, schon in anspruchsvoller Breite: ein gar schöne
liepliche und kurtzweilige history von dem edelen herren Wigo-
leis vom rade. Ein ritter von der tafelrunde mit seinen schönen
hystorien und figuren. Wie er geboren vnd sein leben von seiner
jugent an biss an sein ende geführt und vollbracht hat (Straß-
burg, bei Knoblauch). Die älteste Ausgabe des Salomon und
‘ Markolf (1487 bei Ayrer in Nürnberg) betitelt sich frag vnd
antwort Salomons vnd Marcolfi, im Laufe der Jahrhunderte auf-
geschwellt, lautet der Titel in den Jahrmarktsausgaben des
ı8. Jahrhunderts: der visirliche Marcolphus, bestehend in einem
abentheuerlichen gespräch zwischen dem könig Salomon und
diesem unberichtsamen und groben menschen. Hartliebs Alex-
anderbuch von 1473 kündigt sich schlicht an: hienach volget
die histori von dem grossen Alexander wie die Eusebus beschri-
ben het; ı5og ist bereits anspruchsvoller: das buch der geschicht
des grossen Allexanders wie die Eusebus beschriben und ge-
teuischt (!) hat mit vyl schönen figuren, und 1670 wird eine
ganze ruhmredige Inhaltsangabe geboten: Historia von dem gros-
sen könig Alexander wie der innerhalb zwölff jahren mit grosser
unglaublicher eil fast die gantze welt mit viel schlachten und
grossen siegen durchwandert und gantz Asien von dem Adriati-
schen meer an biss an das Indianische grosse meer unter seine
gewalt gebracht hat. Jetzo aufs neu aus der alten teuischen
sprach in druck gegeben. Neue Bücher, die auf den Plan treten,
eignen sich gleiches Gebaren an; der Titel des Siegfriedbuches
(1726) lautet prahlend genug: eine wunderschöne historie, von.
dem gehörnten Siegfried, was wunderlicher ebeniheur dieser
theure ritter ausgestanden, sehr denkwürdig und mit lust zu
lesen. Aus dem frantzösischen ins teutsche übersetzt und von
neuem wieder aufgelegt. Ob die Ankündigungen Unwahrheiten,
wie die Schlußbemerkungen des Siegfriedbuches, -enthalten, ist
gleichgültig, wenn diese nur ihren Zweck erfüllen, das Publikum
anzulocken; tritt doch schon in des Straßburgers Jakob Frölich
Griseldisausgabe von 1554 die Reklame unverhüllt vor den Käu-
ge
30 Zeit und Entwicklung
fer: „Kauffs, liss es, du würsts loben.“ Von hier bis zu den
großen Anpreisungen, wie sie die jüdisch-deutsche Bearbeitung
des Schildbürgerbuches (1637) aufweist, ist nur ein Schritt; dort
heißt es am Schluß: tut, ir leit, geschwind her bei laufen, schauet
das buch an un tut es behend kaufen, lange tu ich nit dar mit
warten. jetzund is di zeit, das ich mus der mit reisen an alle
plezen un orten. Kan es nit anderst tun, sonsten tut (es) mir ein
anderer kaufman. habe grose zeit da mit ver bracht, libe leit,
ich bit eich, seit des wol bedacht, wie selt ich den anderst
kenen besten, ja, izund mus ich ganz fleisig der mit rum gen. So
schließt denn auch der Titel der jüdisch-deutschen Bearbeitung
des Wigoleis: wann ihr wert drinnen leyen, wert sich euer hertz
‚erfreuen.
Unter diese lebhaft angepriesenen Werke ihren Namen zu
setzen, scheuen sich die Verleger zumeist, besonders dann, wenn
es sich um Nachdrucke handelt. Bereits im ı5. Jahrhundert
erscheinen Romane ohne Angabe des Druckortes und -jahres;
vor ı481 druckt eine Augsburger Presse, wahrscheinlich Anton
Sorg, das Brandanbuch zweimal: so tragen bereits die beiden
frühesten Ausgaben des Werkchens den zeitlosen überzeitlichen
Charakter, der später all diese Bücher vereint. Es wird, abgesehen
von den Vorteilen, die der Verleger aus der Fortlassung von
Ort und Jahr zieht, beim Käufer das Gefühl erweckt, als be-
komme er etwas ganz Neues, soeben Gedrucktes in die Hand;
auch dieser Umstand wirkt auf den nach literarischen Neuig-
keiten lüsternen Leser. Als im ı8. Jahrhundert das für die
neueren Volksbuchausgaben bezeichnende „Gedruckt in diesem
Jahr” in die Lücke tritt, wird dieser Eindruck beim Publikum
nur stärker betont und unterstrichen; aus der Unterlassungssünde
entsteht die wirkliche Täuschung, das ist nur ein Schritt. Daß
bei der Unterdrückung von Druckort und -jahr nicht nur Furcht
vor den Folgen des Abdruckes die Hand im Spiel hat, zeigt die
Tatsache, daß auch Erstdrucke zuweilen beides vermissen lassen
(wie z. B. die oben erwähnten Brandanausgaben) und daß ander-
seits, besonders in den ersten hundert Jahren der Entwicklung,
auch Nachdrucke sehr oft den Namen ihres Verlegers tragen.
Im ı6. Jahrhundert haben die Drucke ohne Ort und Jahr fast
allein den Platz; sie sind nun, ausgeschieden aus der Masse der
Zeit und Entwicklung 21
anderen Literatur, Gemeinbesitz geworden, und wer sie druckt,
erhebt keinen Anspruch auf irgendein Eigentums- oder Verlags-
recht.
Die ersten Ausgaben der Ritterromane erscheinen im Gewande
der ersten Druckerzeugnisse überhaupt: im Folioformat, mit
prächtiger Ausstattung. Aber man erkennt rasch, worauf es an-
kommt: handliche Bücher zu schaffen, die, unbeschwert von
allem Prunk der teueren Werke, auch für den nicht hochbe-
mittelten Bürger käuflich sind. So tritt sehr bald neben den Folio-
der Quartdruck, eine Zeitlang bestehen beide nebeneinander: die
Tristrantausgabe, die Anton Sorg 1484 in Augsburg herausbringt,
erscheint in Quart, ihre Nachfolgerin von 1498 aus dem Verlage
von J. Schönsperger in Folio56a. Aber schon hat der Quartdruck
den Vorzug: Salomon und Markolf erhält in allen Ausgaben des
ı5. Jahrhunderts (1482, 1487 Ayrer, Nürnberg, ı489 Westphal,
Stendal, 1490 Schobsser, Augsburg, ı496 Zainer, Ulm, 1498
ders.; dazu. 2 Drucke o. O. u. J.) dieses Format, und mit dem
ı6. Jahrhundert geht man zum Oktav über: Wigoleis erscheint
1560 bei Weigand in Frankfurt in der neuen handlichen Form,
die er nun beibehält, Salomon und Markolf nimmt sie in der
ersten Hälfte des Jahrhunderts (1530, Nürnberger Druck) für alle
weiteren Drucke an, und in dem Inventar, das über den Nachlaß
des Buchhändlers Gülfferich 1568 aufgenommen wird, ist
kein Volksbuch mehr aufgeführt, das eine andere Form aufweist;
alle vier (Ritter Galmi, Herzog Ernst, Pontus, Eulenspiegel) sind
nur in Oktavausgaben vertreten 5”. Man wünscht handliche, billige,
nicht zu ausgedehnte Bücher: die Lanzelotprosa gelangt ihres
großen Umfanges wegen nie zum Druck 58 und die vornehm aus-
gestattete Ausgabe von ‚„‚Pontus und Sidonia“, die Schönsperger in
Augsburg ı483 herausbringt, wird nicht volkstümlich; erst die
kleinen, immer karger werdenden Ausgaben des 16. Jahrhunderts
gewinnen die Gunst des Publikums. Ähnlich geht es der älteren
Übersetzung des „Herzog Ernst‘, die in ihrer kostbaren Form nicht
in weitere Kreise dringt und erst nach der Umformung in volks-
56a F. Pfaff, Der älteste Tristrantdruck. Germania 30, $. ı9ff.
57 H. Pallmann, Sigmund Feyerabend S. 145.
58 4. Peter, Die deutschen Prosaromane von Lanzelot. Germania 28, 1298,
bes. S. 140.
22 Zeit und Entwicklung
tümliche Form beliebt wird. So scheitert auch der Versuch des
Jheronimus Rodler, seine Übersetzung des französischen Romans
von den Haymonskindern einzuführen, an dem hohen Preise des
Werkes, das in ansprechender Ausstattung, mit schönen Typen, auf
gutem Papier, verziert mit 63 künstlerischen Holzschnitten nur
auf zahlungsfähige Käufer rechnen kann (1535 buch der vier süne
Aimonts); erst 1604 gelingt es dem Deventerischen Buchdrucker
Paul von der Aelst, anknüpfend an den Niederländischen Roman,
den Stoff in anspruchsloserer Form volkstümlich zu machen 59.
Es ist bezeichnend, daß die eigentlichen Volksromane, auch der
frühe Eulenspiegel (1515), von Anfang an in Oktav erscheinen,
während die Erstausgabe der Magelone (1535) und ihre zehn
ersten Nachdrucke (bis 1553) noch Quartformat aufweisen; erst
von 1556 ab geht auch die Magelone zu der kleineren Form über.
Der ritterliche Stoff wird also noch immer als höherstehend
empfunden als der Volksstoff, wie ihn Eulenspiegel und Fortu-
nat bieten, und höhere Kreise wenden sich ihm zu. Erst mit
dem ersten Oktavdruck ist die Umwandlung des Romans zum
Volksbuch vollzogen 6°.
Mit der Entwicklung der Volksbuchform geht das langsame
Werden des Holzschnittes zum typischen Volksbuchschmuck Hand
in Hand. Roethes Hinweis auf die Wichtigkeit der Illustration
für das Verständnis des Werkes61 findet vielleicht bei keinem
andern Literaturzweige so volle Bestätigung wie auf dem unsern,
und es ist bezeichnend, daß auch er die Volksbücher als Schul-
beispiel anführt; in dem gleichen Maße, wie Kunst und Prunk
des Bucheinbandes sich verflüchtigen, wandeln sich die edlen
Linien des alten Holzschnittes zur gedankenlosen Schablone. Als
der Holzschnitt mit. dem gedruckten Buch verbunden wird —
Albrecht Pfister in Bamberg wagt als erster den Schritt vom
Blockbuch zum illustrierten Buch (um 1460), und die Augsburger
Drucker Zainer, Bämler und Anton Sorg folgen ihm 62 —, hat er
59 F. Pfaff, Das deutsche Volksbuch von den Haimonskindern. Freiburg 1887,
S. XXXIX ff.
60 Später ging man zu noch kleineren Formaten über; „Herzog Ernst“ erschien
ı610 in Basel in Kleinoktav.
61 G. Roethe, Besprechung von Könneckes Bilderatlas, A, f.d. A. 26, S. 5.
6 vgl. R. Beck, Neugefundene illustrierte Straßburger Drucke aus dem ersten
Jahrzehnt des ı6. Jahrhunderts. Zentralblatt für Bibliothekswesen X (1893),
Zeit und Entwicklung 23
bereits eine jahrzehntelange Entwicklung hinter sich; der erste
datierte Holzschnitt trägt die Jahreszahl 1423, und auch er hat
bereits Vorgänger63; so stehen die frühesten Buchillustrationen
bereits auf einer beachtlichen künstlerischen Höhe®: auf
nachträgliche Illuminierung berechnet 65, zeigen sie in derben
markanten Strichen die Umrisse und Formen, die sich auch der
Erinnerung des Ungelehrten einprägen. Einzelheiten, ins Spe-
zielle gehende Feinheiten bleiben fort: sie hätten das ungeübte
Auge nur verwirrt66. Denn nicht so sehr aus ästhetischen Rück-
sichten werden die Bilder dem Text eingefügt als aus Gründen
der Belehrung; die lateinischen Originaltexte, die dieselben Ver-
leger besorgen, erscheinen ohne Bildschmuck; sie sind für Geist-
liche und Gelehrte bestimmt, und diese bedürfen einer solchen
Textinterpretation nicht. Aber fast alle deutschen Bücher, fast
alle Übersetzungen sind illustriert; jeder Laie soll sie verstehen
können und auch der, der nicht lesen kann, soll an dem Buche
Anteil haben”. Dieser Tatsache entspricht die Fülle der Holz-
schnitte, mit denen die Ritterromane geschmückt werden: A. Sorg
versieht seine Tristrantausgabe von 1484, deren Umfang 185 Blatt
beträgt, mit 60, Schönsperger diejenige von 1498 mit 70 Holz-
schnitten 68, die fünfte, vermutlich in Straßburg erschienene Aus-
gabe des „Herzog Ernst‘ hat auf 56 Blättern 32 kolorierte Holz-
schnitte. Sebastian Brant sagt einmal ‚„Imperitis pro lectione
pictura est‘, und das Blockbuch der Ars moriendi sieht den Wert
der Illustrationen darin, ut omnibus ista materia sit fructuosa, tam
331ff.; A. Schramm, Schreib- und Buchwesen einst und jetzt. S. 31. L. Baer,
Die illustrierten Historienbücher des ı5. Jahrhunderts. Straßburg ı903, $. 27,
setzt den Begrun der Illustration zehn Jahre zu spät an. Vgl. R. Muther,
Die deutsche Bücherillustration der Gotik und Frührenaissance. München-
Leipzig ı884 I1,S. VL |
63 K. Pfister, Die primitiven Holzschnitte. München 1922, S. 5.
64 Die Bücherillustration verrät am stärksten die Berührungen mit der ita-
lienischen Kunst; F. v. Bezold, Geschichte der deutschen Reformation. Berlin
1890, S. | |
65 L. Baer, Die illustrierten Historienbücher. S. 28.
6% J. Lefftz, Murner. $. 10%
67 L. Baer, Die illustrierten Historienbücher. S$. 27.
68 F. Pfaff, Tristant und Isalde. Bibliothek des lit. Ver. Stuttgart. CLII.
Tübingen 1881, S. 204.
ah Zeit und Entwicklung
literis 'iantum literato deservientibus quam ymaginibus laico et
literato simul deservientibus cunctorum oculis obicitur. Jede Kunst
wird so dem erziehungsfreudigen Zeitalter zum pädagogischen
Mittel. |
Die geschäftsmäßige Verflachung des Buchdruckergewerbes be-
dingt dann sehr bald auch eine Verflachung der Illustration.
Mit dem Ende des ı5. Jahrhunderts schon setzt sie ein; die
Holzschnitte werden, um ein ausreichendes Bildmaterial zu haben,
fabrikmäßig hergestellt, alte Formstöcke werden zerschnitten, um
durch neue Kombinationen der Teile neue Bilder zu erzielen 69,
und in neue Ausgaben werden die Illustrationen älterer Vorgänger
übernommen?®. Die Holzschnitte des Wigoleis von 1493 sind
zwar einfach, aber naturgetreu; sie entsprechen der Situation,
die sie darstellen sollen; von Auflage zu Auflage lösen sie sich
mehr vom Text, wo passende Bilder fehlen, werden bereits ın
früheren Kapiteln abgedruckte Holzschnitte erneut beigegeben.
Nicht einmal die verschwenderische Pracht der Bilder, die das
Feyerabendsche ‚Buch der Liebe“ (1587) dem Wigoleis bei-
gibt, kann über diesen Niedergang hinwegtäuschen; Palast- und
Rüstungsmotive überwiegen die rein erzählenden Darstellungen,
und der Held trägt statt des ihm charakteristischen Rades, das
die Ausgabe von 1493 zeigt, einen farblos-neutralen Helmbusch.
In der Ausgabe von ı611 ist der Tiefstand erreicht: die Szenerie
ist nur selten getroffen, und die prunkenden Palastbilder machen
sich auch dort breit, wo der Text eine Landschaft verlangt?!.
Selbst so gründliche Ausgaben, wie die Grüningerschen Eulen-
spiegeldrucke von 1515 und 1519, die auf die bildnerische Aus-
stattung das Hauptgewicht legen ’?2, halten die Entwicklung nicht
auf, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt den Illustrationen nicht nur
weniger Sorgfalt, sondern auch weniger Raum zubilligt. Der
Druck soll schnell gehen, en soll billig sein: jedes Hindernis zur
Erreichung dieser Ziele ist unerwünscht. Der Augsburger Tri-
strant von 1498 hatte auf 58 Blättern 70 Holzschnitte, der Worm-
69 L. Baer, Die illustrierten Historienbücher, S. 212.
70 R. Muther, Deutsche Buchillustration I, S. XIII
71 F. Schneider, Die höfische Epik im frühneuhochdeutschen Prosaroman. Diss.
Phil. Greifswald ı915, S. 98.
72 E. Schröder, Faksimiledruck des Ulenspegels von 1515. Inselverlag ıg11, S. 6-
Zeit und Entwicklung | 25
ser Nachdruck (um 1550) verringert bei einem Umfang von
92 Blättern die Zahl auf 41; in der Straßburger Ausgabe von
1557 erläutern nur 55 Holzschnitte den 100 Blätter umfassen-
den Text, und die Frankfurter Ausgabe von 1570 fügt nur ein
Bild mehr hinzu, obwohl sie das Werk auf ı32 Blätter auf-
schwellt. Die derbe Formenkunst der alten Holzschnitte macht
immer mehr einer öden Schematisierung oder undeutlichen Ver-
seichtung Platz; daß trotzdem nicht auf den Bildschmuck ver-
zichtet wird, zeugt von dem Verständnis der Buchhändler für die
Wünsche des Publikums: ist doch der Erfolg des „Teuerdank“
z. B. zwar nicht allein, wie Marc Monnier wıll?3, so doch zum
großen Teil auf seine buchhändlerische Ausstattung zurückzu-
führen, und die Reisesammlungen von de Bry und Hulsius, die
in der Masse der Bilder und Skizzen weit über das Maß ihrer
Vorläufer hinausgehen, haben gerade dadurch. ihren außerordent-
lichen Erfolg ”%. .
Wie notwendig die Bildbeigaben dem großen Publikum dieser
mehr lernenden als gelehrten Zeit sind, bezeugt das Wort aus
der Vorrede zu Brants „Narrenschiff“ (v. a5ff.):
wer jeman, der die gschrifft veracht
oder villicht die nit kund lesen,
der siecht im molen wol sin wesen.
Zu der Zahl der Lesenden tritt die nicht unbeträchtliche der
nur Schauenden, und solange ihre Anzahl groß ist, können nicht
genug Bilder den Gang der Erzählung begleiten, sei es nun, daß
sie dem, der nicht lesen kann, den Text ersetzen müssen, sei es,
daß sie dem Vorlesenden zur Verdeutlichung, Verlebendigung an
die Hand: gegeben werden. Es wird damals noch sehr viel vor-
gelesen, eben weil die Kunst des Lesens keine allgemeine ist,
und in diesem Sinne hat Benz?5 recht, wenn er von einer 3
‚lautgesprochenen Prosa, die noch Menschen mit Ohr voraus-
setzte, redet. Bemerkungen in frühen Ritterromanen sprechen
78 Marc Monnier, Literaturgeschichte der ‚Renaissance von Dante bis Luther.
Nördlingen ı888, S. 196. *
74 M. Böhme, Die großen Reisesammlungen des ı6. Jahrhunderts und ihre Be-
deutung. Straßburg 1904, S. 132, 163.
76 R. Benz, Die deutschen Volksbücher. S$. 27.
36 Zeit und Entwicklung
das deutlich aus: „Nu vecht sich an gar ein schon istoria die
lustig zuhoren ist‘, beginnt die alte Bearbeitung von Robert dem
Teufel?*, und die Tristrantausgabe von ı484 meint, daß lange
Vorreden die lesenden vnd zuhörenden verdrießen. In seinem
Vorwort zu „Olvier und Artus‘ bittet der Schweizer Wilhelm Ziely
den, der diß buoch lesen wyrt oder hörenlesen, das er im sovil
glouben geb, als der warheit glichförmig syn mag, die „Sieben
weisen Meister” (um 1470) preisen sich als gar lustlich und
kurzweilig zehoren an und wollen, daß man sie mit fleiss horen
oder lesen möge, und der Eulenspiegelbearbeiter (1515) wendet
sich an die lesenden und zuhörenden. Dieselbe Formel findet
sich bereits im Wigoleis von 1493. Je weitere Volksschichten lese-
kundig werden, um so mehr tritt das Hören in den Hintergrund,
das Lesen in die Vorderlinie; im Fastnachtsspiel von Doktor
Roßschwanz, das 1560 zu Freiburg i. Ü. gespielt wird, rühmt
man sich bereits, daß man Eulenspiegel, Kalenberger u. a. durch
eigene Lektüre kenne?”, und wenn es im Siegfriedbuch des
z8. Jahrhunderts heißt: was derselbe vor ebentheuer und gefahr
ausgestanden, werdet ihr hernachmals hören, so setzt sich hier der
Autor in die Rolle des Erzählers, dem der Leser lauscht; an
Vorlesen ist hier kaum noch zu denken. Das ıst mit ein Grund,
weshalb die Bildkunst der Illustration ihren Niedergang nimmt,
daß die Bedeutung des Vorlesens für den Verleger nicht mehr in
Betracht kommt; durch die Hebung des Schulwesens, an dem
die Reformation ihren bedeutsamen Anteil hat, werden breite
Massen des Volkes instand gesetzt, die ihnen gebotene Lektüre
selbst, ohne vermittelnde Hilfe, zu genießen.
Die Reformation nimmt innerhalb der Geschichte der Volks-
bücher überhaupt eine mehr periphere Stellung ein; ihre Ein-
flüsse sind unverkennbar, und wie sie durch ihre Bemühungen
um die Bildung des Volkes indirekt die Verbreitung der Ritter-
romane und dadurch ihre Wandlung zu richtigen Volksbüchern
befördert, so zeigen auch die Werke selbst, ob sie aus prote-
stantischem oder katholischem Lager stammen. Aber am Geist
76 K. Borinski, Eine ältere deutsche Bearbeitung von Robert Le Diable. Ger-
mania 37, S. 46.
11 Georg Wickrams Werke III, hg. v. Johannes Bolte, Bibliothek des lit. Vereins
Stuttgart 229. Tübingen 1903, $. XVI.
Zeit und Entwicklung | 27
der Bücher hat sie nichts geändert, und das evangelische Mäntel-
chen, das Verleger der neuen Konfession — und sie haben von
nun an bei weitem das Übergewicht — ihnen umhängen, ist meist
recht fadenscheinig. Es liegt im Wesen des frühen Protestantis-
mus, mehr auf die kirchlichen Neuerungen und die sich aus ihnen
ergebenden sozialen Folgerungen zu schauen als auf die gei-
stige und künstlerische Atmosphäre der Zeit, und so hat er, um
mit Troeltsch?8 zu reden, „das künstlerische Empfinden nicht zu
einem Motiv der Weltanschauung, der Metaphysik und der Ethik
erhoben“. Die Vereinigung von „Renaissance, Katholizismus und
moderner Politik“, am vollkommensten im: zentralisierten franzö-
sischen Staat verbunden, bestimmen das geistige Bild der Zeit”?;
die junge Konfession hat vorerst ganz andere Aufgaben zu er-
füllen. So stört sie die Entwicklung der Volksbücher nicht; wie
beim Meistergesang 80 fügt sie wohl hie und da neue Töne hinzu,
aber die alten bleiben bestehen und werden nur, soweit sie ein
zu deutliches katholisches Gepräge tragen, umgewandelt. Der
Wormser Tristrantdruck (um 1550) läßt die beiden einzigen
Stellen, an denen die Augsburger Ausgabe den Namen Marias
nennt, fort; damit glaubt er der gewandelten Konfession Ge-
nüge getan zu haben. In gleicher Weise tilgt der Wigoleis von
1564 kleine theologische Zusätze von der Ausgabe von 1493
und ersetzt z. B. ampt (= Messe) durch das göttlich wort gottes,
schon der undatierte Frankfurter Druck läßt die werde Mutter
Marie, die ı5ıg noch überall ihren Platz behauptet, fort, und
der protestantische Übersetzer der Magelone (1535) überträgt
catholique durch christlich und läßt Stellen, die von Heiligenver-
ehrung, von Maria oder Petrus reden, unübersetzt. Aber trotzdem
läßt er seinen Helden die beiden Silberschlüssel seiner Helmzier
Sankt Peter zu Ehren tragen, läßt ihn die Messe hören und: das
heylig sacrament der ehe begehren. Andrerseits: wie unkatholisch
sind die ängstlichen Bemühungen der Melusine und ihres Ray-
mund, ihren jüngsten Sohn Freymund. vom Eintritt in den
78 E. Troeltschh Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der
modernen Welt. Historische Bibliothek 24. München-Berlin ıgıı, S. 84.
% ebda. S. 86.
% W. Stammler, Die Wurzeln des Meistergesangs. Deutsche Vierteljahrsschrift
für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. I (1923), $. 556.
38 Zeit und Entwicklung
Mönchsorden abzuhalten! Mit der Zeit nimmt man es genauer; die
Basler Ausgabe des „Herzog Ernst“ z. B. (1610) streicht alle
spezifisch katholischen Stellen oder ändert sie ab; die Beichte
wird ausgelassen, statt Messe und Segen wird das evangelium ge-
sungen, an die Stelle der hailig lebenden hausfraw der katholi-
schen Drucke tritt aussdermassen ein schöne haussfraw, aber
auch hier bleibt noch die Stiftung des Bistums Magdeburg durch
Kaiser Otto, bleiben die Wundergeschichten der Adelheid unan-
getastet, und spezifisch protestantische Züge sind nicht einge-
drungen8!. Das einzige aus der Reformationsstimmung heraus-
geborene Volksbuch ist der Faust, und auch er erscheint erst,
nachdem die ersten großen Kämpfe vorüber und der Protestantis-
mus keine Frage mehr, sondern bereits eine Tatsache ist (1987);
mit seiner weitausschweifenden Moral, seinen Bibelzitaten, seinen
Hinweisen auf Luther trägt er den Charakter der antikatholischen
Streitschrift an sich, wie denn auch bald Fausts Universitätsjahre
von Wittenberg nach Ingolstadt verlegt. wurden, um der evan-
gelischen Hochschule keinen Makel anzuheften und gleichzeitig
die katholische zu verunglimpfen; sehr wahrscheinlich ist ein
lutherischer Geistlicher der Verfasser des Buches82. Es ist be-
zeichnend, daß in demselben Werke auch zum ersten und ein-
zigen Male humanistische Ideale in den Vordergrund treten; die
Vorlesung Fausts über Homer, sein Angebot, die Urtexte an-
tiker Dichter herbeizuschaffen, das Versprechen des lateinischen
Textes: all das sind Züge der neuen Zeit. Aber es bleibt bei
diesem einzigen Werke — das Wagnerbuch ist nur sein ver-
wässerter Abklatsch —; zwar zeigt sich auch der Autor des „ge-
hörnten Siegfrieds“ deutlich als Protestant, wenn er ein Marien-
gebet durch ein evangelisches ersetzt, das er an den zweiten Artikel
81 Stickelberger, Lied und Volksbuch von Herzog Ernst. Z. d. A. 46 (1902), $. 101 ff.
K. Sonneborn, Die Gestaltung der Sage vom Herzog Ernst in der altdeutschen
Literatur. Phil. Diss. Göttingen 1914, S. 49f. Es muß allerdings darauf hin-
gewiesen werden, daß auch die vorreformatorischen Ritterromane nicht allzu
katholisch gestimmt sind. Wo Couldrette das Wort „Katholizismus“ gebraucht,
setzt Ringoltingen in seiner Melusine stets „Christentum“ oder den Begriff
des Christentums, die Litanei des Glaubensbekenntnisses kürzt er, statt Maria
und der Heiligen ruft er nur Gott an, manche klerikalen Stellen unterdrückt
er usw.
82 FE. Schmidt, Faust und das ı6. Jahrhundert. Goethejahrbuch III (1882),
S. 101; E. Traumann, Goethes Faust I. München 1913, S$. 13.
Zeit und Entwicklung 29
von Luthers Katechismus anlehnt, wenn er biblische Wendungen
in Lutherischer Fassung und protestantische Gesangbuchverse
bringt und auf Schritt und Tritt seine Unkenntnis katholischer
Verhältnisse dartut83, aber der Geist seines Buches ist der der
volkstümlichen Ritterromane, nicht der Geist der Reformation
oder des Humanismus. Wichtiger als die äußerlichen Beein-
flussungen der Volksbücher sind die inneren, die Großtat von
Luthers Bibelübersetzung wirft ihre Lichter auch auf diese Lite-
raturgattung; seit 1530 etwa wird der Stil geschmeidiger und
‚glatter, die Werke lesen sich lebendiger und leichter®®, und ein
stilistisch so fein abgerundetes Volksbuch, wie es Veit Warbeck
1535 in seiner „Magelone“ bietet, ist ohne Luthers Bibel un- .
denkbar. Der Abstand etwa des Loher gegen die Magelone ist
weit größer als der des Wigoleis gegen den gehörnten Sieg-
fried.
Noch viel weniger als die Reformation bedeutet der Dreißig-
jährige Krieg einen Bruch in der Fortentwicklung der Volks-
bücher. Die Hemmung, die freilich durch die mehr oder weniger
feiernden Buchdruckerpressen vorhanden ist, wird in dem Augen-
blicke überwunden, als wieder die Möglichkeit, in breiterem Um-
fange zu drucken, gegeben ist. Die Ausgaben und Auflagen, die
nach dem großen Kriege erscheinen, unterscheiden sich in nichts
von denen, die unmittelbar vor seinem Ausbruch herauskommen,
denn daß sie hie und da ein altmodisches Kleid gegen ein zeit-.
gemäßeres vertauschen, rührt ihren Kern, ihren Inhalt, den Geist,
den sie atmen, nicht an. Lange schon vor dem Kriege sind sie
zu wirklichen Volksbüchern gediehen, in Form, Ausstattung und
Inhalt setzen sie nur ihren Weg auf der Linie, die sie seit Jahr-
zehnten beschreiten, fort, und auch das Publikum bleibt das
gleiche85. Daß der große Religionskampf sittengeschichtlich keine
Epoche bedeute, hat schon Steinhausen bemerkt8®, und die Ge-
schichte der Volksbücher bestätigt diese Beobachtung. Sie bleiben
dieselben, und nur das sie umgebende Rankenwerk zeigt den
Einfluß der Zeit. |
&® E. Schröder, Das Volksbuch vom gehörnten Siegfried. Vierteljahrschrift für
Literaturgeschichte V (1892), S. 48o0ff.
& P. Merker, Reformation und Literatur. Weimar 1918, S. 4ı.
8 So gegen E. Schröder, Volksbuch vom gehörnten Siegfried, S. 487.
86 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur II2, S. 303.
30 Zeit und Entwicklung
Bereits Gervinus weıst darauf hin, wie sehr das äußere Ge-
wand der Bücher von der jeweiligen Zeit ihres Druckes abhängig
ıst87. Wenn die Frankfurt-Leipziger Ausgabe des „Herzog Ernst‘
das Bild des Helden mit Stockdegen und Stulpstiefel ziert88,
so gibt es dadurch nur äußerlich zu erkennen, wie sehr die An-
schauungen des Publikums über den Begriff des Ritterwesens
sich geändert haben. Die Zeit ist eine andere geworden; Zierlich-
_ keit und Alamodeauftreten ist an die Stelle des mannhaften
Rittertums getreten, Galanterie wird für Höfischkeit geboten. Und
das Publikum ist ein anderes, es hat kein Verständnis mehr für
das Heldentum, das es sich durch maßlose Bluttaten und derbe
Kraftsprüche ersetzt. Im Fortunat (1509) zeugen Namen wie
Cassandra, Agripina, Andolosia, Marsepia, Gemrana vom hu-
manistischen Geist der Zeit, das Siegfriedbuch des ı7. Jahr-
hunderts kennzeichnet sich durch seine Florigunda und das ba-
rockhafte Löwhardus89 als Kind seines Jahrhunderts. Die Ände-
rungen, die am Wigoleisdruck von ı611 gegen den von 1564
vorgenommen sind, beziehen sich in der Hauptsache auf die
Einfügung höfischer Fremdwörter, neuer Wortbildungen, die
Handhabung einer modernen Satzführung; sie sind bedeutend
einschneidender als die Korrekturen, die der Druck von 1564
gegenüber der Ausgabe von 1493 aufweist; hier hat sich die
Aufmerksamkeit des Verlegers vornehmlich auf orthographische
und lautliche Erscheinungen gelenkt?0%. Immerhin merzt die
Wormser Auflage des Tristrant (1549) eine ganze Reihe von
Worten aus, die seit dem: alten Augsburger Druck unmodern ge-
worden sind?l, und auch Feyerabend ersetzt im „Buch der Liebe“
(1587) eine Reihe von veralteten Ausdrücken durch neue: so
breutlauff durch hochzeit, vrlaub durch erläubnuss??, aber der
Stil wird dadurch kaum fühlbar geändert. Das ist erst im
87 G,G. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung 5 II S. 354.
8 K, Sonneborn, Herzog Ernst $.43.
89 E. Schröder, Siegfried S. 486. |
% F. Schneider, Die höfische Epik im frühneuhochdeutschen Prosaroman
S. 115, 124
N F. Lichtenstein, Zur Kritik des Prosaromans Tristrant und Isalde. Breslauer
Habilitationsschrift 1877, S. 23.
92 O, Weidenmüller, Das Volksbuch von Wigoleis vom Rade, Diss. Göttingen
1910, $. ı2f.
Zeit und Entwicklung 31
17. Jahrhundert der Fall, als die neue Welle französischen
Wesens über Deutschland flutet; die Volksbücher dieser Zeit
tragen wie keine andern den Stempel ihres Jahrhunderts an
der Stirn. Im späten Druck der Melusine (spätes ı7. Jahrhundert)
wird die Titelheldin als tugendnymphe und tugendartig, der
Ritter Raymund als cavalier mit reichen tugendgaben geschildert,
den seine Gattin mit allerwertester herzbesitzer anredet; der etwa
gleichzeitige Held des Siegfriedbuches nennt seine Geliebte: aller-
liebste, meina vill ehr- und tugendreiche jungfrau, euer liebden,
und Raymund ladet seine Eltern zu seiner Hochzeit mit den
Worten ein: wofern ich nun die ehre und gewogenheit ihrer
bey der ansehnlichen gegenwart künftigen montags früh geniesen
könnte, würde ich und meine liebste, solches für ein sonderbares
glück und gnade aufnehmen, und es auch höchst-danknehmig zu
beschulden in keine vergessenheit gestelli seyn lassen: man
braucht nur solche Stellen zu lesen, um die Zeit zu erkennen, die
sie schrieb. Bereits Jacob Grimm macht auf eine „in den papier-
nen Complimentenstil des ı7. Jahrhunderts umgeschriebene“
Fassung der „Sieben weisen Meister‘ aufmerksam®3. Das gerade
hebt die Volksbücher aus der übrigen Literatur heraus und stellt
sie in eine Reihe mit dem Volkslied, das jede Zeit mit ihnen nach
ihrem Gefallen verfährt, ohne Scheu und Ehrfurcht vor dem Bis-
herigen, und das ist auch der Umstand, der ihre Lebenskraft
durch die Jahrhunderte wach erhält; fordern doch die Bearbeiter
des Tristrant und des Wigoleis ihre Leser und Hörer geradezu
- dazu auf, die Werke nach ihrem Gutdünken zu verbessern. Als
die „Schildbürger‘“ ins Jüdisch-Deutsche umgeschrieben werden
(1637), wird nicht nur eine Übersetzung geliefert, sondern die
Geschichte wird in jüdische Verhältnisse übertragen, ähnlich
ergeht es den andern Volksbüchern des jüdischen Ghettos: Her-
zog Ernst?5, Dietrich von Bern, Floris und Blancheflur, Oktavian,
Fortunat, Eulenspiegel, Genovefa; diese wird erst im ı9. Jahr-
hundert von polnischen Juden ins Hebräische übertragen 9%. In
% Jacob Grimm, Kleinere Schriften VI (1882) S. 84.
% M. Steinschneider, Über die Volksliteratur der Juden. Archiv für Literatur-
geschichte II (1872), S. 19; Jeep, Hans Friedrich von Schönberg, der Ver-
fasser des Schildbürgerbuches. Wolfenbüttel ı890, S. 139.
%5 Jacob Grimm, Heidelberger Jahrbücher II 222.
96 M. Steinschneider, Volksliteratur der Juden S. ı8f.
v
32 Zeit und Entwicklung
diesem Zusammenhange sind die Änderungen interessant, die die
dänische Bearbeitung des deutschen Tristrant von 1792 an dem
Werke vornimmt: im Kern bleibt der Gang der Handlung ge-
wahrt, aber am Rankenwerk ist manches umgeformt: die Isolde
vertritt eine Indiana, Tochter des Großmoguls, und der Morholt
der Vorlage ist in den Sohn des Kaisers von China Kunchin ver-
wandelt. Die prüde Zeit gestattet Tristan nur mehr, die Hand sei-
ner Indiana zu küssen, sie streichelt ihm dafür die Wange ??.
Was Reformation und Dreißigjähriger Krieg, was selbst die
Alamodezeit nicht vermögen, die Aufklärung hat es versucht, die
„bessernde‘‘ Hand an den Kern des Werkes zu legen. Schon die
letzten Änderungen des dänischen Tristrant legen von diesem
Bestreben Zeugnis ab; man ist prüde geworden und will dem
Volke nur „gereinigte‘ Ausgaben in die Hand geben. Und gleich-
zeitig schwindet der Glaube an den Stoff, der nun im besten
Falle als kuriose Geschichte, meist aber ın der Absicht, dem Leser
durch die als ungeheuerlich empfundenen. Wundertaten der alten
Helden Abscheu vor der Lüge zu erregen, dargeboten wird. So
hat der Christlich-Meynende (1726) nach eigener Angabe im
Grunde das Bestreben, durch seine Faustausgabe der galanten
Welt die Falschheit der alten Historie vor Augen zu führen; un-
gläubig und skeptisch steht er seinem Stoffe gegenüber; so stellt
z. B. auch das Neuruppiner Wagnerbuch von 1798 eine ratio-
nalistische Bearbeitung für die Aufklärung dar?®. Es ist beson-
. ders die Solbrigksche Buchhandlung in Leipzig, die sich um
Neuausgaben der Volksbücher im Geiste der Aufklärung be-
müht?9, aber für sie hat sich kein Mann gefunden, der an ihnen
tut, was Hebel mit seinem „Rheinischen Hausfreund“ (1808
bis ı81ı) für die Neubelebung und Hebung des Kalenders
leistet100: sie verlaufen im Sande, und als dann die Romantik an
97 W. Golther, Tristan und Isolde in den Dichtungen des Mittelalters und der
neuen Zeit. Leipzig 1907, S. 248ff.
% Das Wagnervolksbuch im ı8. Jahrhundert. Herausgegeben von J. Fritz.
Deutsche Literaturdenkmäler des ı8, und ı9. Jahrhunderts. 3. Folge. 30 (1914),
$S. XXI. |
%» P. Witkop, Heidelberg und die deutsche Dichtung. Leipzig-Berlin 1916, S. 96.
100 H.Hettner, Geschichte der deutschen Literatur im ı8. Jahrhundert* (Braun-
schweig 1893), S. 301.
Zeit und Entwicklung 33
sie herangeht, ist es mehr das halbwissenschaftliche Interesse an
den alten Stoffen und alten Formen, das sie zur Betätigung reizt,
als das Bestreben, dem Volke zu geben, was es verlangt. Die
Lücke, die so entsteht, vermögen auch die schwächlichen Kom-
promißwerke der Schwab, Simrock und Marbach nicht auszu-
füllen: sie wenden sich viel mehr an die Kinder als an das Volk.
Seit dem ıg. Jahrhundert fristen die Volksbücher ein Schein-
dasein; noch Uhland erzählt von Jahrmarktausgaben des Sieg-
friedsbuches101, und freilich entsprechen diese späten Nachläufer
alten Verlegergeistes122 dem Geschmack des Volkes mehr als
‚die halbwissenschaftlichen Erneuerungen. Aber ihre alte Kraft
ist dahin, langsam siechen sie dahin und machen neuen Volks-
büchern Platz.
Wenn Jacob Grimm neben Sprach- und Bildverunstaltung auch
die Zensurkastrationen als Grund für den Untergang der Volks-
bücher anspricht10%, kennzeichnet er deutlich den Anteil, den die
Drucker und Verleger am Fortleben dieser Literaturgattung neh-
men: solange sie allein Form und Geist bestimmen, blühen die
Volksbücher; als andere intellektuell oder pädagogisch tendenziös
gerichtete Männer an sie herangehen, ist ihr Ende nicht mehr .
fern. Wohl ist ein richtiger Kern in den Görresworten: „Der
Lebensgeist, der nur im Besten kräftig wohnt, bewahrt auch eben
das Beste nur vor dem Verderben, wie nur geistreicher Wein den
Wechsel der Jahre überdauert‘‘ 10%; prägnanter hat W. Stammler
denselben Gedanken kürzlich ausgesprochen: „Von der dahin-
sinkenden Generation übernimmt die junge nur das, was ihrem
Weltgefühl entspricht, und schafft daraus Neues, stofflich, sti-
listisch, weltanschaulich“ 105; aber das Schwergewicht liegt in
der Geschichte der Volksbücher beim Verleger, nicht beim Publi-
kum: nur dadurch, daß er dem Geschmack des Publikums ent-
101 Uhlands Schriften I (1865), $. 428.
302 „. d. Hagen (Museum für altdeutsche Literatur und Kunst I 1809, $. 242)
nennt an typischen Volksbuch-Buchhandlungen: Die Endterische Buchhand-
lung in Nürnberg, Solbrigk in Leipzig, Zurngibel und Littfas in Berlin; heute
steht Reutlingen an erster Stelle.
108 J. Grimm, Kleinere Schriften VI (1882), S. 85.
1%4 J. Görres, Die teutschen Volksbücher (Heidelberg 1807), S. 266. (Neudruck,
besorgt von L. Mackensen, Berlin 1925.)
16 W. Stammler, Die Wurzeln des Meistergesanges S. 529.
Mackensen, Die deutschen Volksbücher 8
34 Zeit und Entwicklung
gegenkommt und dem vorhandenen Stoff die entsprechende Form
gibt, wird die Lebenskraft dieser Bücher durch die Jahrhunderte
wachgehalten, und dadurch, daß er an diesem alten Gut beharr-
lich festhält, beeinflußt er seinerseits den Geschmack des Publi-
kums, das für diese Lektüre in Betracht kommt. Die Prunkaus-
gabe, in der Sigismund Feyerabend 1587 unter dem Titel „Buch
der Liebe“ ı3 Volksbücher vereinigt, wird nie volkstümlich und
erlebt keine zweite Auflage10%; der letzte Versuch, die Bücher
einem gebildeten Publikum angenehm zu machen, scheitert so,
trotz des Erfolges, den das „Buch der Liebe‘ hat. Die wirklichen
Volksbücher verleugnen nie die Art ihrer Entstehung; sie werden
hastig und ohne Aufwand gedruckt und auf den Markt geworfen:
ebenso wie auf die Ausstattung wird auf den Text keine allzu
große Sorgfalt verwendet. Die ersten zwölf Ausgaben des Bran-
danbuches z. B. sind wörtliche Abklatsche des Erstdruckes, höch-
stens, daß Druckfehler hie und da ausgemerzt werden 107, und sinn-
lose Mißverständnisse unterlaufen oft genug bei der Geschwindig-
keit und der Achtlosigkeit des Druckes. Nur so ist es verstärd-
lich, daß Lucidarius, der Titel des ältesten Prosabuches, auf
späteren Titelblättern als der Verfasser des Werkes angesprochen
wird, daß man Eusebius, der als Verfasser der lateinischen
Alexandervorlage gilt, seit 1509 zum Übersetzer des Buches
stempelt, daß die Herzog Ernst-Ausgabe von ı610 den Titel des
Ernstliedes völlig sinnlos übernimmt10, Diese Betriebstüchtigkeit
greift erst im ı6. Jahrhundert um sich, als Stoff und Form
bereits begonnen haben, sich einzubürgern; Zainer in Ulm z. B.
hat mit seinen ersten Prosaromanen wenig Glück und stellt von
1474-1476 seine Tätigkeit in diesem Verlagszweige völlig ab19.
Hundert Jahre später ist das Bild völlig geändert; 1593 erscheint
das für die Verlegertüchtigkeit typische Werk, das Wagnerbuch:
eng nach dem Vorbilde des sechs Jahre älteren Faust gearbeitet,
zeigt es deutlich den Ehrgeiz, den beispiellosen Erfolg, den jener
106 Die von Goedeke gebuchte Auflage von 1578 existiert nicht: A. Schmidt,
Zur Bibliographie der älteren deutschen Literatur. Zentralblatt für Biblio-
thekwesen X (1893), S. 443.
107 Brandan, hg. C. Schröder, Erlangen 1871.
108 Seickelberger, Lied und Volksbuch von Herzog Ernst. Z.d.A. 46 (1902), $. ı02.
109 H. Wegener, Die Zainer in Ulm. Beiträge zur Bücherkunde des XV. und
XVI. Jahrhunderts. I. Straßburg 1904. S. 14.
Zeit und Entwicklung 35
geerntet, auch für sich einzuheimsen: daher auch seine Scheu,
die Katholiken zu verletzen, und die kläglichen Versuche, beide
Konfessionen zur Lektüre heranzulocken: ich hab es also ge-
macht, damit darinnen nichts gefunden, welches erstlich gott
und seinem wort zuwider und der römischen kirche zum nach-
theil, auch aller jugend ein aergernuss seyn möchte!10. Die
größeren Verleger ziehen sich immer mehr von den Volksbüchern
zurück; „unbedeutende Buchdrucker, welche ihre feiernden Pressen
beschäftigen‘ wollen, treten an die Stelle der großen Unterneh-
mer, die sich mit dergleichen chartequen und leichtfertigen sachen
nicht abgeben mögen!11,
Sie gehen denselben Weg, den lange vor ihnen die intellek-
tuellen Kreise des Publikums beschritten. Als in der zweiten
Hälfte des ı6. Jahrhunderts bereits die völlige Umwandlung zum
Volksbuch vollbracht ist, als auch das eigentliche Volksbuch-
publikum gefunden ist, drucken in Frankfurt noch bedeutende
Verleger, wie Rabe-Weygand, Feyerabend, Rebart-Hahn, in Straß-
burg Frölich, in Köln Nettitz, am Ende des Jahrhunderts in
Leipzig Nerlich, Volksbücherliteratur und finden ihren Vorteil
dabei. Aber der Versuch Feyerabends, den Lieblingen des kleinen
Bürgers erneut Aufnahme bei der führenden Schicht zu ver-
schaffen (1587 Buch der Liebe) mißlingt: Humanismus und
Reformation haben die Abkehr dieser Kreise vom ritterlichen
Stoff bedingt; nur solange diese beiden noch nicht in den Kreis
der Erscheinung getreten sind, ist die Oberschicht Träger der
Prosaliteratur112. Der Humanismus schafft recht eigentlich den
Gegensatz von Gebildet und Ungebildet, Gelehrt und Ungelehrt;
mit der Wertschätzung der antiken Literatur, der lateinischen
Sprache sinkt die Achtung vor dem heimatlichen Gut, „ihr langes “
Rivalisieren, der endliche Sieg der gelehrten Tendenzen, ist das
Thema der Literaturgeschichte des ı6. Jahrhunderts“ 113. Und .
110 C, Kiesewetter, Faust in der Geschichte und Tradition. Leipzig 1894. S. 496.
111 4. Kirchhoff, Lesefrüchte aus den Akten der kurfürstlich sächsischen Bücher-
Commission zu Leipzig. Archiv für Geschichte des deutschen Buchhandels
VIII. (1883). S. 87.
12 H. Naumann, Grundzüge der deutschen Volkskunde. Wissenschaft und
Bildung ı8ı. Leipzig ı922, S. 109. Ä
118 . Brecht, Einführung in das ı6. Jahrhundert. Germanisch-Romanische
Monatsschrift, III (1911), S. 344, 348. |
ge
36 Zeit und Entwicklung
die Reformation nimmt die Geister auch derer gefangen, die nicht
an der humanistischen Bewegung teilhaben; Streitschriften, Ten-
denzlieder, Traktate fliegen hinüber und herüber, und das Inter-
esse für andere Dinge schwindet. Es ist bezeichnend, daß schon
die frühen Übersetzer der Prosaromane ihren Stoffen kritisch
und ungläubig gegenüberstehen; Wilhelm Ziely sagt in seiner
vorred des vertütschers zu Olwier und Artus: harby wil ich ouch
ein yetlichen gebeten han, der disz buoch lesen wyrt oder hören
lesen, das er im sovil glouben geb, als der warheit glichförmig
syn mag, lisz es für syn wert, dasz man es lesz mit semlichem
glouben, als man liszt das heilig euangelium, das kan man nit
thuon, und auch Ringoltingen entschuldigt seinen Stoff in der
Melusinenvorrede: wiewolen es nun vielen sehr schwer zu glauben
fället, was dieser geschicht inhalt allhie vorstellet, so ist es doch
der sonder- und wunderbaren allmacht gottes nicht zu viel oder
unmüglich. Auch der Bearbeiter der Herzog Ernst-Prosa unter-
drückt höfische Schilderungen von kürze und ettlicher unglauben
wegen. Luthers Mahnruf, deutsche Historienbücher zu schaffen:
o wie manche feyne geschichte und sprüche sollt man itzt haben,
die ynn deutschen landen geschehen und gangen sind, der wyr
itzt gar keyns wissen114, bleibt, von wenigen Ausnahmen abge-
sehen, ungehört und findet keinen Anklang, und Leute wie
Caspar Scheid und Fischart, die sich mit dem Eulenspiegel
ernsthaft beschäftigen115, sind eine Seltenheit. Noch im Anfang
des ı7. Jahrhunderts erhebt sich eine Stimme: Salomon Schweig-
ger beklagt 1608, daß der Eulenspiegel so gering geschätzt werde,
darin doch viel mehr kunst und weisheit stecket dann im Al-
coran!16, aber auch dieser eine Weckruf ist nur ein Zeugnis für
die Gegnerschaft der oberen Schichten gegen diese Bücher. Der-
selbe Fischart, der den Eulenspiegel so warm verteidigt, macht
sich an anderer Stelle11? über die ganze Literaturgattung lustig:
und ist kein wunder, da sie doch auch durch meine (des Podagras)
114 M. Luther, An die Radherrn aller stedte Deutsches lands: das sie Christ-
liche schulen auffrichten vnnd hallten sollen. 1524.
115 Vgl. Fischart, Vorrede zum „Eulenspiegel Reimensweiß“.
116 Ein newe ReyB beschraibung auß Teutschland nach Konstantinopel und
: Jerusalem durch Salomon Schweigger. Nürnberg 1608; vgl. A. Birlinger, Zu
den Volksbüchern. Germania 15, 101.
117 Fischart, Podagrammatisch Trostbüchlein. Ausgabe von 1591, K7 ab;
Zeit und Entwicklung 3 7
schickung aller völker historien durchlesen, aller poeten fabeln,
die erdichtet geschichten von kaiser Oktavian, Ritter Galmy,
Pontus, Wigoleis vom Rad, Trew Eckart, Brissonet, Lewfrid mit
dem Goldfaden, Peter mit den silberschüsseln, Ritter vom Thurn.
Melusina, Tristrant, könig Loher und Maller, Hug Schappler.
Valentin und Vrso, Olivier und Arto, Reinhart und Gabriotto,
Eurialo und Lucretia, Florio und Biancefora und das ganze
Heldenbuch sampt dem Centonovella, dass ich jetzt der andern
schnakenbücher und pantagrualischen affenteurlichkeiten ge-
schweige. Schon ı544 wird Sturm gelaufen gegen die gemaynnen
bücher (welche darzu geschriben, das sye vonn müssigen weybe-
ren vnnd männern gelesen werden) kain andere materi nitt haben,
dann allein von kriegen vnnd bulschaften!!8, und vier Jahre
später wettert ein katholischer Pfarrer119: wie wagt ihr denn
von gottes wort zu reden, als wärs des pfaffen von Kalenberg,
Markolfus oder eines andern buben wort? Es ist einer der wenigen
Punkte, in denen Protestanten und Katholiken damals einig sind,
diese heftige Ablehnung der Volksbücher: 1573 verfaßt Wil-
helm Sarcerius seinen „Geistlichen Herbarius“ gegen den „schänd-
lichen Eulenspiegel“ und seinen Anhang, und der Verleger Spieß
bezeichnet seine Erstausgabe des Faust (1587) als geringen
meßkram. Nur die Damen der höheren Stände scheinen sich
auch weiterhin an der alten Lektüre nach Stoff und Form erbaut
zu haben; Spalatin widmet in seiner Vorrede zur Magelone diese
geradezu den Frauen (1535): sonst ist es warlich wol ein solche
schrifft, die alle frawen vnnd junckfrawen zu erlichen kurtz-
weyl wol on alle ergernuss mögen lesen vnd hören, vnd vil
erlicher, denn mitler zeyt yederman aussecken oder ergers trey-
ben, da nicht geringe fahr und beschwerung bey steet; auch Bebel
weist in der Vorrede zum: dritten Buch seiner Fazetien auf die
Bedeutung der Frauen im Publikum hin120, und Vives’ Buch
Von vnderweissung ayner christlichen frauwen (Augsburg 1544.
118 J, L. Vives, Von vnderweysung ayner Christlichen Frauwen, übersetzt von
Christophorus Bruno. Augsburg 1544. I, 5.
119 4. Birlinger, Zeugnisse zu den Volksbüchern. Germania ı7, 92.
120 Bebel, Fazetien III, Vorrede: nihil etiam nunc acceptavi, quod non a gra-
pibus viris recitari audivi et maiori ex parte avud matronas, quae res me
movit, ut et nostris confabulationibus adiungerem.
38 Zeit und Entwicklung
übersetzt von Christophorus Bruno) warnt das weibliche Ge-
schlecht vor solcher Lektüre121. Ä
Pestiferi libri: so sieht das führende Publikum des ausgehenden
ı6., des ı7. Jahrhunderts diese Bücher an. Einige, vornehmlich
der Eulenspiegel122 und die Zauberbücher, die sich an den Faust
anschließen 123, werden noch ım ı6. Jahrhundert auf den Index
gesetzt. Es gilt als besonderer Ruhm, diese Literatur für eigene
Werke nicht zu benutzen 12%. Philander von Sittewald stellt Ritter
Löw, Tristrant, Peter mit den silbernen schlüsseln und andere
dergleichen als schimpflich und vntrewlich dar125 und klagt über
. die Damen, die statt Gebets- und Erbauungsbüchern Eulenspiegel,
König Löw, Melusina, Ritter Pontus, Herr Tristram, Peter mit
den silbernen schlüsseln, Albertus Magnus usw. in schönen Ein-
bänden bei sich tragen126; Moscheroschs Freund Heinrich Schill
121 J. L. Vives, De institutione foeminae christianae I, 5 (Ausgabe: Hannover
1614, S. 201): De pestiferis libris, cujusmodi sunt in Hispania Amadisus
Splandianus, Florisandus, Tirantus, Tristanus: quarum ineptiarum nullus est,
finis, quotidi prodeunt novae: Celestina laena nequitiarum parens, carcer
amorum. In Gallia Lancelotus a lacu, Paris et Vienna, Punthus et Sydonia
Petrus provincialis et Margalona, Melusina, domina inexorabilis.. In hac
Belgica Florius et Albus flos, Leonella et Canamorus, Curias et Floreta,
Pyramus et Thisbe. Sunt in vernuculas linguas transfusi, ex Latino quidam,
velut infacetissimae facetiae Poggii, Euryalus et Lucretia, Centum fabulae
Boccatii, quos omnes libros conscripserunt ociosi, male feriati, imperiti viciis
ac spurcitiis dediti, in queis miror quid delectet? nisi tam nobis flagitia
blandirentur; vgl. A. Reifferscheid, Zur Geschichte der Volksbücher. Zeitschrift
für Kulturgeschichte. N. F.IV (1875), S. 705.
122 1,69 wird durch ein Edikt Philipps II. Reynaert de Vos, Ulenspieghel, Vir-
gilius, Bruder Rausch verboten: E. Pfaff, Arnims Trösteinsamkeit?. Frei-
burg i. Br. ı890. S. XV; der Antwerpener Index von 1570 untersagt Wlen-
spieghel, apud Joannem von Ghele, sine privilegio et anno: F. G. Reusch, Die
Indices Librorum Prohibitorum des ı6. Jahrhunderts, Bibliothek des Liter.
Vereins Stuttgart ı76, Tübingen ı886, S. 318. Der Index Sixtus’ V. von 1590
verbietet speculum vitae aulicae: edd., S. 516; schon der Mailänder Index von
1554 enthält neben Poggio und Bebel Ulenspiegelii facetiae: H. Reusch, Der
Index der verbotenen Bücher. Bonn ı883. I 223°,
123 Im Index Sixtus’V. (1590): Libri omnes... divinationum de futuris contin-
gentibus — prohibentur omnino; vgl. H. Reusch, Die Indices librorum pro-
hibitorum S. 455.
124 Vgl. Lazarus Sandrub, Delitiae historicae et poeticae. 1618, S. 7.
125 Moscherosch, Gesichte Philanders v. Sittewald I. Schergen-Teufel, I. Gesicht.
126 Moscherosch, ebd., I. Venus Narren, 3. Gesicht.
Zeit und Entwicklung‘
39
übernimmt die Stelle fast wörtlich in seinen Der Deutschen
Sprach Ehren-Krantz (1644)127: ein Zeichen, wie notwendig
solche Klage der Zeit erscheint. Die Volksbücher sind bei den
geistig Hochstehenden verachtet; schon werden sie als bauren-
roman!?8 bezeichnet; auch der Bürger wendet sich von ihnen
ab, und der Landmann tritt an seine Stelle. Es ist bezeichnend,
daß in der Sprüchwörtersammlung, die fast allen Drucken des
„Herzog Ernst“
Adels häufig werden: .
angehängt wird, nun auch Schmähungen des
.. aller adel hat einen misthaufen zum
vater und die verfäulnis zur mutter, heißt es da z. B.129,
Das ı8. Jahrhundert bringt dann die systematische Zertrümme-
127 Joh. Heinrich Schill, Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz. Neben einem
Namenbuch. Straßburg ı644, S. 304. Die Stelle ist beinahe wörtlich aus
Moscherosch übernommen:
Moscherosch.
vill waren vnder ihnen, welche schöne
vergülte bücher trugen, andere gantz
schwarz mit corduan vberzogen, so
ich dem ansehen nach für horas sacras,
sacras litanias, rosengärtlein, catechis-
mus, Jesus Sirach, Psalter, Haber-
mann, Paradeissgärtlein, Andachten,
Wasserquelle, Wahres Christenthumb,
Vbung der Gottseligkeit, Selb-betrug
etc. achtete, als aber ich sie ein wenig
auffthate, und das innere besahe, so
waren es der Amadiss, Schäfferey, Roll-
wagen, Gartengesellschaft, Schimpf
vnd Ernst, Eulenspiegel, König Löw,
Melusina, Ritter Pontus, Herr Tri-
stram, Peter mit den silbernen schlüs-
seln, Albertus Magnus, Hebammen-
buch, Traumbuch, Zirckelbuch, Loss-
büchlein, Rätzelbuch, und viel der-
gleichen mehr.
E. Martin, der die Stelle aus Schill
Schill.
dann manche hat schöne mit sammet
oder schwartz cardoan überzogene
vergülte bücher mit aller hand ben-
deln, so ihres liebsten favor, wie sie
es nennen, gewesen, in ihrer stüben,
dem ansehen nach meynt einer es
weren Rosen-Gärtlein, Catechismus-
Schul, Psalter, Jesus Syrach, Paradiss-
Gärtlein, Andachten, Wasserquelle,
Arndts Wahres Christenthumb, der
Selbst-Betrug, aber wenn man solche
auffblättert, so find man was sie seynd,
nemblich der Amadis, Schäfferey,
Schimpf und Ernst, Fortunatus, Astrea,
Dianae de monte majore, Ritter Löw,
Magellona, der Ritter Gallmi, Herr
Tristram, Albertus Magnus, Melu-
sina, Octavianus, Eulen Spiegel, Ge-
fängniss der Lieb, Carcell de Amor.
abdruckt (Jahrbuch für Geschichte,
Sprache und Literatur Elsaß-Lothringens. XIII [1897], S. 222), weist auf
den Zusammenhang mit Moscherosch nicht hin.
123 Joh. Chr. Ettner, DeB Getreuen Eckharts unwürdiger Doctor. SAUBENDIE 1697.
S. 112; vgl, J. Bolte, Warbecks Magelone S. LIV.
129 K. Sannebarn, Die Gestaltung der Sage vom Herzog Ernst in der altdeutschen
‚Literatur. Phil. Diss. Göttingen 1914, S. 44.
ho Zeit und Entwicklung
rung dessen, über das das 16. ausgehende Jahrhundert gelächelt
hätte, das ı7. Jahrhundert scharf bekämpft hatte. Noch Gott-
sched zwar ist duldsam: ‚Der Pöbel muß auch seinen Zeit-
vertreib haben: und man kann ihm ja denselben nach seiner Art
gönnen, wenn er ihn nur nicht in Büchern sucht, die ihn noch
dümmer und lasterhafter machen als sonst schon ist‘‘130, Aber
als man nun daran geht, die alten Volksbücher durch rationa-
listische, pädagogische zu ersetzen (vgl. oben!)131, ist die Todes-
stunde der alten Literatur gekommen, und obrigkeitliche Be-
fehle132 und Beschlagnahmungen 133? machen ihr vollends den
Garaus. In die Lücke treten die Schauererzählungen und Ge-
spenstergeschichten, die Kriminal- und Detektivromane; sie blei-
ben eine Zeit und verschwinden dann wieder, denn ihnen fehlt
180 Gottsched, Die vernünftigen Tadlerinnen II, ı3. Stück. Gottschedausgabe
II, 134.
181 R. Z. Becker z. B. versuchte in seinem „Not- und Hülfsbüchlein“ (1788) und
seinem „Mildheimischen Liederbuch“ (1799) neue Volksbücher zu schaffen.
1322 Vgl. Siegfried und Florigunde. Ganz umgearbeitet, neu aufgelegt und in
ein heilsames Lesebuch verwandelt. Leipzig, Solbrig (nach ı805), $. 8. (mit
Bezug auf die Volksbücher): „obgleich der Umlauf dieser albernen Dinge
durch obrigkeitliche Befehle untersagt ist“.
188 ‚810 wurden im oberpfälzischen Schwarzhofen „altherkömmliche Volks-
bücher wie die harmlosen Vier Hairnonskinder den Krämern fortgenommen“;
vgl. F. Pfaff, Arnims Trösteinsamkeit?, S. XV. Ludwig Tieck gibt in seiner
„Denkwürdigen Geschichtschronik der Schildbürger in zwanzig lesenswürdigen
Kapiteln“ (1796, ı. Kap.) ein gutes Bild der damaligen Zustände: „Als ich
schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, fand ich auf der Straße endlich noch
einen kleinen, unansehnlichen Buchhändler sitzen, der aber bei aller seiner
wenigen Fignr die seltensten Werke feil hatte, die man vergebens in den
größeren Handlungen suchen wird. — Der kleine Kaufmann erzählte mir
unter Tränen, wie sehr er sich wundere, daß ich desgleichen Bücher kaufte,
da ich doch wahrscheinlich zu den aufgeklärten Männern gehörte, die jetzt
dergleichen Bücher so sehr verachteten und ihnen einen so schlimmen Ein-
fluß auf die Sitten des gemeinen Mannes zuschrieben, daß er bisweilen auf
den Gedanken gekommen sei, sich für ein verderbliches Mitglied des Staates
zu halten. Man suche ja zum besten der Menschheit den Till Eulenspiegel,
die Heymonskinder, den gehörnten Siegfried und dergleichen Bücher, durch
andere, neuere, ungemein abgeschmackte, zu verdrängen; es stehe, fuhr er
fort, zu befürchten, daß man ihn nächstens als einen Sittenverderber über
die Grenze bringen würde, so wie er prophezeite, daß man diese Volks-
geschichten mit der Zeit den Bauern so gut mit Gewalt wegnehmen würde,
wie das Schießgewehr.“
Zeit und Entwicklung . hı
das, was den Volksbüchern das Leben gab: die Anteilnahme der
Besten im Lande an ihrer Entstehung. Von ihrem Auftreten an
vom Spott der führenden Schichten begleitet, weichen sie dem
ersten neuen Eindruck, der das Volk gefangen nimmt; die Aktuelli-
tät ist an die Stelle der alten Überlieferung getreten, und Goethes
Stoßseufzer bleibt im Grunde unbeherzigt:
„Und wenn nun eure Kinder dichten,
bewahre sie ein gut Geschick
vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten.“
U v
:
Die angrenzenden Literaturgattungen
(Legenden, Kalender, medizinische und naturwissenschaft-
liche Bücher, Reisebeschreibungen, Amadis, Los-, Zauber-
und Hernenbucher)
A" Eingang der Fühnsrhschkeukiehen Unterhaltungsprosa
steht die Legendendichtung in ungebundener Rede, die ihrer-
seits wieder von der franziskusbegeisterten deutschen Predigt
ihren Ausgang nimmt!. Aus dem gereimten Legendenwerk wächst
sie heraus; mitten in versgefügten Passionalen finden sich ihre
Anfänge?, noch im vierzehnten Jahrhundert werden die Stoffe
von Heiligen Georg, Oswald, Alexius, Kunigunde, Gregorius
und Philipps Marienleben in Prosa umgesetzt, und am Ende des
Jahrhunderts entsteht im Wenzelpassional das erste große Sam-
melwerk (1391-ı4ıg), das freilich erst ı471 zum Druck
kommt?, in demselben Jahre, in dem auch das berühmte ‚Leben
der Heiligen“ seinen Weg aus den Buchdruckerpressen ins
Publikum nimmt, sieben Jahre vor der Sammlung „Der Seelen
Trost,“ die in Form und Gepräge den Gipfel dieser Legenden-
literatur darstellt. |
Was die Legendenprosa mit den Prosaromanen verbindet, ist
‚nicht ihr Inhalt und nicht ihr Zweck. Ursprünglich nur als Stoff-
sammlungen für Predigt und. Erbauungsstunde gedacht, gehören
diese Bücher ganz den Geistlichen an, die sie dann unter steter
Betonung ihres erzieherischen Wertes dem Publikum übermitteln;
der Geist der Masse, wie Benz* meint, hat mit ihnen gar nichts
zu tun5. Als pädagogische Wegweiser für rechte Christen werden
i Vgl. R. Benz, Die deutschen Volksbücher, S$. ı8ff.
2 F. Wilhelm, Deutsche Legenden und Legendare. Leipzig 1907, S. 97.
8 ebders., S. ı74fl.
* Die deutschen Volksbücher, $. ı8ff.
5 Das hat Lieve in seinem mehrfach zitierten Buche endgültig erwiesen ($. 63).
Angrenzende Literaturgattungen h3
sie ın die Welt gesandt, nur solange keine andere Prosa vorhan-
den ist, vertreten sie die Stelle einer Unterhaltungsliteratur, ein
Geist erfüllt sie alle und: erzeugt das Typische, Schablonenhafte,
das ihnen allen die bestimmende Marke aufdrückt6. Nur die
Namen der Heiligen wechseln, ihre Taten bleiben dieselben”,
und Breite und äußerliche Fülle muß die mangelnde Tiefe er-
setzen; schon die Titel der späteren Drucke geben davon Zeug-
nis: Der Heilgen Leben ... mit me Heilgen dan vor getruckt
sein benennt der Straßburger Verleger Grüninger seine Folio-
ausgabe von ı5ı4. So ist es bezeichnend, daß diese Werke,
soweit sie als Unterhaltungslektüre gewertet sein wollen, wenig
Anklang beim Publikum finden: „Wilhelm von Östreich“, auf
Johann von Würzburg getreulich fußend, kündigt sich zwar
durch seinen Titel als Roman an: ein schön vnd gantz kurtz-
weilige historia, von hertzog Wilhelm aus Österreich, und eins
königstochter aus Zisia, Agley genandt, wie sie nach langer aus-
gestandener gefahr, durch wunderbarlich ebenthewr zusammen
vermehlet ... gantz lustig und kurtzweilig zu lesen (ı48ı bei
A. Sorg in Augsburg); aber er kommt über diesen einen Druck
nicht hinaus: die Flut der neuen Prosaromane erstickt ihn®.
Ein ähnliches Geschick hat der „Herzog Ernst‘, der auf latei-
nischer Vorlage fußend in Ton und Stimmung unter der Hand
der ins Lateinische und. aus dem Lateinischen übersetzenden
Geistlichen völligen geistlichen Charakter gewinnt; er wird erst
nach erneuter Umarbeitung zum eigentlichen Volksbuch®. Die
meisten dieser Legendenwerke bleiben ungedruckt: schon ihre
weitschweifige Länge macht sie für Verbreitung ungeeignet. Das
buch vom heilgen Karl zeigt den typischen. Aufbau: vier Stoffe,
verschiedenen Vorlagen entstammend, sind unorganisch anein-
ander gereiht, ohne daß das Verhältnis zu den Quellen besonders
6 H. Günter, Legendenstudien. Köln ı906, S. VIII; E. Tiedemann, Passional
und Legenda aurea. Palästra 87 (Berlin 1909), $. 139.
? Das haben besonders Günters Legendenstudien erwiesen.
8 F. Schneider, Die höfische Epik im frühneuhochdeutschen Prosaroman. Phil.
Diss. Greifswald ı915, $. ıo1ff.
® Vgl. Herzog Ernst, hg. von K. Bartsch, Wien ı869, $. LXXIIff£., X. Sonne-
born, Die Gestaltung der Sage vom Herzog Ernst in der altdeutschen Lite-
ratur. Phil, Diss. Göttingen 1914, $. 34.
Ah Angrenzende Literaturgattungen
eng bewahrt bleibt!0; so entsteht ein ungefüges, breites Werk,
das leicht von den abgerundeten neuen Romanen in den Hinter-
grund gedrängt wird.
Die Bedeutung der Legendenliteratur für die Geschichte der
Volksbücher liegt vielmehr auf formalem Gebiet. Die Prosa hat
sich an ihnen geschult und gebildet; hier haben die Formeln
und charakteristischen Satzbildungen ihre Ausbildung und ihren
Eingang in die Unterhaltungslektüre gefunden, und mit dem
Stil gleitet das erzieherische Moment, das fromme Ideal in die
neuen Ritterromane über. Von diesem Gesichtspunkt aus kann
man die Legenden als Vorläufer der Ritterbücher bezeichnen:
es gibt hier keinen Helden, der nicht auch durch seine eifrige
Frömmigkeit, sein tugendsames Leben als Vorbild dienen soll.
Den Übergang vom Legenden- zum Volksbuch bilden einige
Werke, die inhaltlich zwar ihre geistliche Herkunft nicht verleug-
nen, aber durch die Fülle der Abenteuer, die sie bieten, dem
weltlich gerichteten Geschmack des Publikums entgegenkommen
und so auf weite Strecken hin die eigentliche religiöse Tendenz
vergessen lassen; ihre Beliebtheit steht hinter den ritterlichen
Kreisen entstammenden Romanen nicht zurück. Das Buch vom
Brandan, das die Bußfahrt des heiligen Abtes mit einer reichen
Menge von unerhörten Begebenheiten, wie sie ähnlich Herzog
Ernst erlebte, zum Vorwurf hat, wırd am Ende des ı5. Jahr-
hunderts in Prosa aufgelöst und erfährt bis ı521 dreizehn
Auflagen; seine frische lebendige Kürze macht es beliebt1!1. Da-
durch, daß Geistliche den Stoff in die Hand nehmen, erhält
auch der Orendel einen Anflug legendarischen Charakters, wie
ihn Herzog Ernst bekommen hatte; bei der Auffindung des hei-
ligen Rockes gedruckt (1512 bei Othmar in Augsburg), erhält er
sich durch anschauliche, kurzgefaßte Erzählerart eine Zeit in der
Beliebtheit des Publikums12. Zwiespältigen Charakter trägt auch
das Griseldisbuch: nicht die künstlerisch höherstehende Novelle
des Boccaz dient ihm als Vorlage, sondern Petrarkas Werk, das
10 ng. von A. Bachmann und S. Singer, Bibliothek des literarischen Vereins
Stuttgart CLXXXV, Tübingen 1889, S. ı ff.
11 Vgl. W. Meyer, Die Überlieferungen der deutschen Brandanbegebenheiten.
Diss. Gött. 1918.
12 Vgl. A. E. Berger, Orendel. Ein deutsches Spielmannsgedicht. Bonn ı888,
S. XIIff.
Angrenzende Literaturgattungen I)
sich durch seine moralisierende Tendenz, die einseitige Ideali-
sierung der Charaktere, seine aufdringliche Darstellung der rein
didaktischen Geschmacksrichtung des Meißner Klostergeistlichen,
der als erster die Übersetzung: wagt, mehr empfiehlt als Boccaz:
seinem Vorgänger folgt dann Steinhöwel, dessen Übertragung
ı471ı bei Zainer in Augsburg erscheint. Wie man das Buch auf-
faßt, davon legt der Titel der Ausgabe Zeugnis ab, die Jacob
Frölich in Straßburg 1554 druckt: zwo liebliche vnd nützliche
historien, von gehorsam, standt-hafftigkeit, und gedult erbarer
frommen ehe-frauwen, gegen ihren ehgemaheln, menglich gut und
nützlich zu lesen. Bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein nicht un-
beliebt, tritt die Griseldis doch erst nach erneuter Umarbeitung
durch den Diakon Johann Fiedler von Reichenbach (Dresden
1653) und den Pater Martinus von Cochem (Dillingen 1687) in
den Kreis der eigentlichen Volksbücher ein: an ihre moderni-
sierten Werke knüpfen die anonymen Drucke an13. Steinhöwel
ist vielleicht auch Verfasser der Apolloniusübersetzung nach latei-
nischer Vorlage (1471), die es bis 1552 zu neun Auflagen
brachte; es ist interessant, wie mit dem Anwachsen der Literatur
der Ritterromane diese Werke zurücktreten: von den neun ge-
nannten Apolloniusausgaben datieren sieben vor 15161%. In diesen
Kreis gehört endlich noch der Genovefastoff, von einem Jesu-
iten am Ende des ı7. Jahrhunderts (Dillingen 1685) zum ersten
Male dem deutschen Publikum vermittelt15, unter anderem Titel
(„Die geduldige Helene,“ „Hirlande“) bei den Lesern beliebter
als in seiner ursprünglichen Form: auch hier kontrastiert
18 Vgl.v. Westenholz, Die Griseldissage in der Literaturgeschichte. Heidel-
berg ı888, S. 10, 28; G. Widmann, Griseldis in der deutschen Literatur des
ı9. Jahrhunderts. Euphorion XIII (1906), S. ıff.
14 Vgl. C. Schröter, Griseldis. Apollonius. Mitteilungen der deutschen Gesell-
schaft zur Erforschung vaterländischer Geschichte und Altertümer in Leipzig.
V, 2 (1872), $S. LXXVIfE.
15 Die Unschuld in Drey unterschidlichen Ständen, mit drey weitläuffigen
schönen geschichten als mit lebendigen farben abgebildet, Wie sie nemlich
in der Welt von den Feinden betranget, Von den Menschen erkennet, Und
von Gott gekrönet wird. In drey Theil abgetheilt. Bey deren jedem etliche
Red-Verfassungen angefüget seynd von den Ursachen und Würkungen der
Verleumbdunge, und mit was Mitteln man sich dawider schützen könne.
Alles nicht weniger annehmlich als nützlich zu lesen. Sönderbar für das
Hochadelige Frauenzimmer. Dillingen 1685.
46 Angrenzende Literaturgattungen
die asketische Idee, die Neigung zur Moral, mit den bunten, aben-
teuerlichen Geschehnissen, durch die das Buch seine Verbreitung
gewinnt16. Wo dieser lockende Inhalt ganz fehlt, ist der Weg
zum Volksbuch für die Legendendichtung verschlossen: sie muß
andere Wege einschlagen, um ihr Publikum zu suchen, und findet
schließlich im unterhaltenden Teil der Kalender ihre bescheidene
Stelle.
Eine Darstellung deutscher Volksbücher darf an den Kalendern
nicht vorübergehen, nicht so sehr aus literarhistorischen Grün-
den — denn ihr ästhetischer und inhaltlicher Wert ist beschei-
den, und sie haben weniger als andere Literaturgattungen Einfluß
gewinnen wollen oder können —, als vielmehr aus solchen kultur-
geschichtlicher Art: das geistesgeschichtliche Bild der Volksklassen,
die letzte und. bedeutungsvollste Träger der Volksbuchliteratur
werden, wäre ohne sie nicht voll, und. ihre persönliche, innere
Note haben sie mit den Volksromanen gemein. Mehr noch: der
Kalender dringt selbst dahin, wo auch das nur erzählende Volks-
buch nicht hinlangt; er ist „für Hunderttausende in den breiten
Volksschichten das einzige weltliche Buch, das ihnen in die
Hände kommt‘17, So ist er das Volksbuch xar’ 2£oyjv: aus dem
Bedürfnis des Bauern herausgewachsen, hält er sich durch die
Jahrhunderte, unbeirrt um jeden Wechsel in Mode und Ge-
schmack. Die italienischen Bauern vor Cäsar haben bereits kalen-
darische Merktafeln, die in der Hauptsache alles enthalten, was
den späteren deutschen Bauernpraktiken eigentümlich ist: Tag-
und Nachtgleichen, längste Tage und längste Nächte, Wind-,
Wetter- und Landbauregeln; an sie knüpft Cäsar an18. Der älteste
germanische Kalender entstammt dem 6. Jahrhundert, er ist
gotischen Ursprungs, vom ı2. Jahrhundert ab benutzt der Skan-
16 Vgl. J. Zacher, Die Historie von der Pfalzgräfin Genovefa. Königsberg
1860, $. 8ff. Der erste, auf dem Dillinger Jesuitenwerke fußende Volks-
buchdruck (bei Everaerts in Köln, o. J.) reicht nicht über das ı8. Jahrhundert
hinaus. Der Genovefastoff ist im ı8. Jahrhundert als Puppenspiel und Ballett
beliebt; vgl. Theaterjournal für Deutschland vom Jahre ı777 (Gotha), Monat
Jänner, $. 64; ferner C. J. Weber, Dymocritos, Stuttgart 1840. XII 69.
17 A. Hauffen, Fischart-Studien. Euphorion V (1898), S. 26.
18 L. Sig, Vorgregorianische Bauernkalender. Ein Beitrag zur christlichen
Kalenderkunde. Programm des Bischöfl. Gymnasiums zu Straßburg 1905,
$. 7. Plinius, hist. nat. III, 47 berichtet von diesen Bauernkalendern.
Angrenzende Literaturgattungen h7
dinavier seine Runenkalender in Brettchenform, bis ins 19. Jahr-
hundert hinein bleibt er ihnen treu1?. So sieht der erste deutsche
gedruckte Kalender, der Münchener Türkenkalender von ı455,
auf eine lange. Entwicklung; er ist keine Neuschöpfung, vom
Augenblick seines erstens Auftretens an kann er auf die Gunst des
Publikums rechnen. Zahlreiche meist einjährige Einblattkalender,
meist mehrjährige Heftkalender folgen ihm; der deutsche Kalen-
der Königsbergers (Regiomantus), der ı475 zum ersten Male
erscheint und 1494 und: ı513 Neubearbeitungen erforderlich
macht, ist z. B. für drei Mondzirkel zu neunzehnjährigen
Perioden berechnet. Erst 1564 wird, auch für die Heftkalender
die einjährige Berechnung Regel?0, außer dem Kalendarium bil-
den Wetterprognosen, Bauernregeln, medizinische Ratschläge,
astrologische Weissagungen, Aderlaßvorschriften ihren Inhalt: die
Bezeichnung lasstafel, lasszettel wird neben dem selteneren alma-
nach geradezu Kalendername; das Wort kalender selbst wird am
wenigsten gebraucht?!. Welche Bedeutung schon in den frühen
Jahren seiner Entwicklung der Kalender im literarischen Leben
hat, zeigt die Rolle, die er unter den Streitschriften der Refor-
mationszeit einnimmt; Thomas Murner ist nicht der einzige, der
sich seiner Form zur Polemik bedient (1527 Kirchendieb- und
Ketzerkalender) 22. Die Heftform führt zum Kalenderbuch, aus
diesem entsteht gegen Ende des 16. Jahrhunderts der Schreib-
kalender, die Vorstufe zum Almanach der späteren Zeiten: so
geht die Linie aufwärts in das Reich der schönen Literatur.
Viel früher zweigt sich eine andere Entwicklung vom eigent-
lichen Kalender ab, die zwar nicht aus den Kreisen des ursprüng-
lichen Kalenderpublikums hinausführt, aber bedeutungsvoller wird
als die Almanache: die belehrenden Anhänge werden, italienischem
Vorbild folgend, am Ausgang des ı5. Jahrhunderts abgetrennt
und erscheinen als „Prognostikon“ oder „Praktika deutsch“ ge-
w L, Sig, Vorgregorianische Bauernkalender $S. 33. Ein skandin. Runen-
kalender aus der 2. Hälfte des ı9. Jahrhunderts befindet sich auf der Gothaer
Bibliothek.
20 A. Hauffen, Fischart-Studien, S. 27.
21 W. Uhl, Unser Kalender in seiner Entwicklung von den ältesten Anfängen
bis heute. Paderborn 1893, S. 45; 4A. Hauffen, Fischart-Studien, S. 27. Der
Name kalender seit etwa 1470: Uhl S. 35.
®2 Uhl S. 75. |
h8 Angrenzende Literaturgattungen
sondert, meist in Kleinquart oder Oktav, 6—-ı2 Blätter stark 23.
Aus dem 16. Jahrhundert sind allein über 500 dieser Büchlein be-
kannt?*: keine andere Literaturgattung hatte je solche Verbrei-
tung. Die von ihnen geschiedenen Kalendarien führen ihr Leben
als „Bauernkalender“ geringsten Umfanges weiter: nach kurzer
Aufführung der wesentlichsten astronomischen Angaben folgt die
Tages- und Monatstafel, links gewöhnlich die Leiste mit den
Monatsbildern, daneben die Tage durch die betreffenden Hei-
ligensymbole auch dem Nichtlesekundigen verständlich, unter je-
dem die bekannten Zeichen für Wetter, Gestirne und Landbau-
regeln: so sind sich diese 2—/ Seiten umfassenden Blätter durch
die Jahrhunderte gleich geblieben; der 1809 in Brixen erschienene
Bauernkalender ist z. B. ein fast genaues Ebenbild seines Vor-
gängers von 1567 (Augsburg, Hofers Erben), und noch in un-
sern Tagen werden sie in gleicher Form in Steiermark gedruckt.
Daß der Staat bei Beginn des ı8. Jahrhunderts sie durch Ein-
führung des Kalenderstempels als Finanzquelle ausbeutet, ist
allein schon ein bedeutsames Zeichen für ihre Verbreitung 25. Aber
„Bücher“ sind sie nicht mehr, und: nur als Ausläufer einer gro-
ßen Bewegung sind sie für uns von Interesse.
Die Prognostiken dagegen gewinnen gerade durch ihre Tren-
nung vom Kalendarium einen literarischen Einschlag; während die
lateinisch geschriebenen den Gelehrten verbleiben, wenden sich
die Deutschen an das Volk, besonders das Landvolk. ‚In diesem
biechlein wirt gefunden der pauren pracktik und regel, darauff
sy das gantz iar ain auffmercken haben.“ Der Titel dieser 1508
erschienenen Prognostik 26 ist bezeichnend für die ganze Gattung.
Mit der Christnacht beginnt es gewöhnlich: Die wysen vnd clu-
gen meister vnd sternseher haben funden wie man in der hei-
ligen Christnacht mag sehen und mercken an dem wetter, wie das
gantz iar in würckung sein zukunfft werd thun und spricht
28 A. Hauffen, Fischart-Studien, S. 28f.
%4 A. Richel, Astrologische Volksschriften der Aachener Stadtbibliothek. Zeit-
schrift des Aachener Geschichtsvereins XIX (1897), S. 49ff.
25 A. Kirchhoff, Kalenderprivilegien. Archiv für Geschichte des deutschen
Buchhandels. XV (189382). S. ı,
26 Vgl. G. Hellmann, Repertorium der deutschen Meteorologie. Leipzig 1883,
S. 551.
Angrenzende Literaturgattungen 49
also2?; dann folgen Bemerkungen über die Jahresplaneten, Wetter-
verkündigungen, besondere Vorgänge am Sternhimmel, Prophe-
zeiungen allgemeiner Natur, Regeln für das Land und die eigene
Person, für gesunde und kranke Tage, mit dem unerläßlichen
Aderlaßmännchen: das ist in groben Zügen der gewöhnliche In-
halt2®. Hie und da werden Zusätze angehängt, astrologischer
Art: die Verteilung der Städte und Länder unter die Tierkreise,
ein Verzeichnis der Glücks- und Unglückstage, belehrend: zoo-
logische, botanische Mitteilungen oder Kochregeln, oder unter-
haltender Natur: lehrsame Geschichtchen, Schwänke, Heiligen-
legenden, das ganze Buch nie ohne ein starkes religiöses Moment,
nie ohne moralische Absicht: so wird die Einheitlichkeit aller
Volksbücher gewahrt. Protestantische Kreise übernehmen wie dort
auch hier die Führung, von ihnen gehen auch die religiösen
Praktiken aus, die nicht auf Astronomie und Astrologie, sondern
auf der Heiligen Schrift fußen?9. Literarische Namen wie Pam-
philus Gengenbach und Grimmelshausen 30 finden sich unter den
Kalenderverfassern, noch tief im ı9. Jahrhundert erscheinen Bü-
cher des alten Geistes und der alten Form: „Der untrügliche
Wetterprophet oder Wetter- und Bauernregeln auf alle Monate
27 vgl. In diesem Biechlein wirt funden der Pauren Practick vnd Regel,
darauff sy das gantz iar ein auffmercken haben vnnd halten. Straßburg
ohne Jahr.
28 vgl. A. Richel, Astrologische Volksschriften S. 4gff.; einige Titel geben ein
deutliches Bild des Kalenderinhalts: In disem kalender da findet man gar hüpsche
vnd gutte lere und vnderwysung der zwölff monaten wie sich die menschen in einem
‘yeden sollen regieren vnd halten. Nach innhalt vnd lere der zwölff meister. Auch
von den zwölff zeichen. Umd von den syben planeten, was sy natur vnnd eygen-
schafft sy dem menschen geben, unnder welchem er geboren ist. Auch wie man sol
suchen, under welchem planeten vnd zeichen ein mensch geborn sey. Auch wann gut
sey lassen. Und was alle iar sontag buchstab. Oder wann es ein schalt iar sey. Die
guldin zal. Und wie lang sey zwischen Wyhennacht vnd der herren faßnacht. Auch
findet man was man in einem yeden zeichen tryben vnd handtieren sol. Vnd des hat
ein yedes sein eygne tafel, als daruor geschriben steet. Straßburg, Matthias Hup-
fuff 1515. In Versen gibt den Inhalt der Kalendarius teutsch Maister Joannis
Küngspergers (1514). Auch hier zuweilen die Aufforderung zum Kauf im
Titel: Kauffs, ließ, es wirt wol bessern den guten acker. Practica auffs
MDxliiij Jar, Straßburg 1543, M. J. Cammerlander.
29 A. Hauffen, Johann Fischart. Berlin-Leipzig 1921. I, 144.
80 Des Abenteuerlichen Simplicissimi ewig-währender Calender. Nürnberg 1670.
Mackensen, Die deutschen Volksbücher 4
50 Angrenzende Literaturgattungen
des Jahres“ (Erfurt 1844)31; um größere Handlichkeit zu er-
zielen, werden späterhin gern Sedezdrucke ausgegeben.
Gerne wird hier noch die Reimform herangezogen:
„Dieses Büchlein ist also gemacht,
Wie das Jahr nach den Monat wirt geacht,
Auch Natur und Influß der Stern’,
Auch thut es weiter lern’n,
Von Speiß, Tranck und Purgieren,
Baden, Lassen und Regieren,
Schwanger Frauen, die fruchtbar sind,
Wie man ziehen soll die Kind,
Von der Pest sich machen frey,
Drumb ist es ein Buch der Arczney* —
so kündigt sich ein dreiundzwanzig Bogen starker Reimkalender
von ı49ı an32. Besonders für die erteilten Lehren und Regeln
bleibt der Vers, der Merkreim sein will, beliebt:
„Du solt nit lassen das glid an dir,
So yedes zaichen sein ader ryer“ %
oder:
„Im Jennar du nicht laß dein blut,
Doch wer dirs noth, so ists auch gut “%
Manche solcher Kalenderverse leben heute noch im Andenken des
Volkes, ernstgemeinte und scherzhafte,
Die rasche und vollständige Verbreitung der Kalender und
Praktiken — selbst dem Lucidarius wird seit 1566 der Jacob
Köbelsche Bauernkompaß angehängt — erzeugt hier denselben
Vorgang, der die Entwicklung des Prosaromans zu endgültigem
„Volksbuch“ bedingt: die Abkehr der führenden Schichten von
dieser durch sie belebten Literatur. Pamphilus Gengenbach, einst
selbst Praktikenschreiber, klagt über die Kalendersucht:
O gott wie seer mich wunder nympt
das all welt ietz und dar vff gründt
All iar zu wissen künfftig ding,
was vns der louff des hymels bring
Vnd nemen der practica war
Wie es gon soell das künfftig iar“,
81 Hellmann, Repertorium der deutschen Meteorologie $. 574.
82 Niedersachsen XXII (1916), S. 104.
33 Kalendarius Teutsch von Königsberger 1514.
81 Alt und New Schreib Kalender auffs Schaltjahr, nach der heilsamen geburt
vnsers Herrn und Heylands Jesu Christi 1632.
Angrenzende Literaturgattungen 5ı
und im Simplizissimuskalender (1670) werden die einzelnen Sor-
ten aufgezählt, nach denen sich das Publikum drängt: „diese
rieffen, langt mir her den alten: den newen: den schreib: den
bawerncalender; den gelehrten bawrn; den Welper, den gold-
und galgenmeyer, den hauptkriegs: friedens: history: artzney
kräuter: wunder: hauss: ich vnd weiss nit was vor calender‘.35
Und noch 1726 seufzt Gottsched: „Ich wollte, daß unsere Herren
Kalendermacher, anstatt anderer Alfanzereyen vom Wetter, Ader-
lassen, Haarabschneiden, Holzfällen, Purgieren, Kinderentwöhnen.
zuweilen schreiben möchten: Gebt acht auf den Himmel!‘ 36 Die
Gegnerschaft setzt hier nur anders ein als beim Prosaroman:
wollte sie dort erziehen und, bessern, so versucht man hier, durch
Spott und Satire die verachtete Literatur zu beseitigen. Freilich
— das Ergebnis ist bei beiden Bemühungen das gleiche: ein
negatives.
Die ersten komischen Laßtafeln erscheinen schon vor 1500;
das älteste uns bekannte Beispiel datiert von 148037: hier setzt
also die Gegenbewegung viel früher ein als beim Prosavolksbuch.
Der Grund ist deutlich: die Kalender haben die Stufe der
Volksbücher eher erreicht. Im Anfang sind diese Satiren noch
individuell in ihrem Witz; Meister Hans Foltz steht mit seiner
Practica teutsch mit am Anfang der Bewegung 38. In Luzern wird
ım ı6. Jahrhundert ein Fastnachtspiel: Bracdica von seltzamen
geschicht dis jars, calculiert durch doctor Rossschwantz von
langen Lederbach aufgeführt, schon 1509 war eine Practica doc-
tor Johanns Rossschwantz erschienen®9. So fußt eine Satire auf
der andern; neue Gsedanken und Scherze sind nur in den älteren
Spottkalendern zu finden: Practica teutsch doctor Gril von kytiel-
perg, gepractiziert inn der hochen schul do dy küe auff steltzen
geend nennt sich eine Satire aus dem ersten Viertel des 16. Jahr-
hunderts#0. Männer, die früher selbst Kalender verfaßt haben.
%5 Des Abenteuerlichen Simplicissimi ewig-währender Calender. Nürnberg 1670,
S. sk.
36 a Gesammelte Schriften, hg. E. Reichel, Berlin o. J. II, 88: Die
vernünftigen Tadlerinnen II 9.
87 4. Hauffen, Johann Fischart. I 1455 Uhl, Unser Kalender S$. 87.
88 Goedeke, Pamphilus Gengenbach. Hannover 1856, S. 627.
39 A. Hauffen, Johann Fischart. I 146.
40 Goedeke, Gengenbach S. 627.
4*
52 Angrenzende Literaturgattungen
schreiben nun Spottpraktiken, so Pamphilus Gengenbach, so auch
der Organist des Schottenklosters Johann Rasch, der in den acht-
ziger Jahren des 16. Jahrhunderts den Typ des satirischen Ka-
lendergegners darstellt*!. Als Jacob Henrichmann von Sindel-
fingen 1568 Bebels Fazetien deutsch herausgibt, schickt er ihnen
ein scherzhaftes Prognostikon voraus, in dem er allerhand, Selbst-
verständlichkeiten nach hergebrachtem Muster prophezeit: ım
Schwarzwald werde kein Wein wachsen, Frauen und Jungfrauen
werden ein schwaches Gedächtnis, aber langes Haar haben usw.*2,
und neunzig Jahre später beginnt Schupp eine seiner großen
Selbstverteidigungen mit einer Nachbildung von Hans Steinbergers
Scherzkalender23: so wird die Kalendersatire zur literarischen
Kunstform. Aber Erfolg hat auch die Satire nicht: das Volk
ist konservativ und läßt sich‘ sein Besitztum so leicht nicht neh-
men, durch Spott am allerwenigsten.
Eng an die Kalender schließen sich die medizinischen und
naturgeschichtlichen Büchlein an, wie jene für praktische Be-
dürfnisse berechnet; ohne gelehrten Apparat, unbeschwert von
allen langatmigen Reflexionen, bringen sie das, was Bürger und
: Bauer ın ihnen suchen: Hausmittel für Krankheiten, besonders
häufig für die beiden Fälle, die den Menschen am meisten er-
regten: Pest und Geburt, daneben die alten Rezepte zur Erlangung
von Wunschdingen, wundersame Fähigkeiten von Steinen, Pflan-
zen und Tieren. Die alten, berühmten Gelehrtennamen finden sich
4 Nagl-Zeidler,Deutsch-ÖsterreichischeLiteraturgeschichte. Wien-Leipzig 1898,
I 559.
“2 vgl. J. Scheible, Das Schaltjahr, welches ist der teutsch Kalender. Stutt-
gart ı846. I, 8ff. Auch zu künstlichen Spielereien bieten die Gegenpraktiken
Gelegenheit: so ergeben die Anfangsbuchstaben der Practica Practicarum
des Frater Joh. Nas (Ingolstadt ı571) das Alphabet. Vgl. zum Gegenstand
. auch S. Günther, Münchener Erdbeben- und Perdigienliteratur in älterer Zeit.
Jahrbuch für Münchener Geschichte IV 1890) S. 250.
#3 Schupp, Streitschriften, hg. von Carl Vogt. Halle ıgı0, S$.33ff. Ein Bild,
wie die Praktiken vertrieben wurden, gibt ein Kupferstich der stadt-kölnischen
Sammlungen von ı589, der Kölner Straßenausrufer, darunter auch Praktiken-
verkäufer darstellt. Darunter der Spruch:
al manch pracktick und zeitung new
sind war und vfrecht bei mein trew.
S. P. Norrenberg, Kölnisches Literaturleben im ersten Viertel des ı6. Jahr-
hunderts. Viersen 1873. S. 2gff.
Angrenzende Literaturgattungen | 53
auf den Titelblättern neben neuen, weniger bekannten, und viele
sind ganz namenlos. Aber am liebsten greift das Volk zu den Bü-
chern, die den Namen des Albertus Magnus, des großen Scho-
lastikers des ı3. Jahrhunderts“, tragen#5 und die in ihrer Art
kleine Kompendien alles Wissens- und Begehrenswerten aus dem
Reich der Medizin und Natur sind. Mit Regeln für Schwanger-
schaft und Geburt heben sie an, kurze, prägnante Ratschläge
wechseln mit richtigen Rezepten: Das die fraw ir zeyt überkomm.
Nym viola vnd myrra in ein geschirr usw., und zwischen heil-
same Lehren wie z.B. die Warnung vor dem Schnüren bei der
Schwangerschaft, mischen sich ernst gemeinte und treu befolgte
Hausmittel zur Erreichung großer, unerforschbarer Geheimnisse:
die Jungfrauenschaft eines Mädchens zu prüfen, die Frauen
keusch zu machen. In den folgenden Teilen gewinnt dann das
Wunderbare die Oberhand: sechzehn Kräuter zauberischer Natur
werden genannt, die Liebe, Unbesiegbarkeit, Fruchtlosigkeit und
andere Wunschdinge verheißen, Gesteine mit unerhörter Wunder-
macht werden empfohlen: Magnes ist gut zur Keuschheitsprobe.
Obtalmius macht unsichtbar, Gena enthüllt die Zukunft, Gurini
läßt die Menschen im Schlaf ihre Missetaten bekennen. Und
mannigfache Zauberkraft bergen die Glieder der Tiere: die Füße
der Turteltaube, an einen Baum gehängt, machen diesen un-
fruchtbar. So möchten diese Bücher dem Leser die Mittel an die
Hand geben, zu werden wie die bewunderten Helden seiner Ro-
mane; was dort theoretisch erzählt wird, wird hier praktisch zu
erreichen versucht. Eine Beschreibung von Art und Kraft der
Gestirne darf nicht fehlen: so wird der Zusammenhang mit den
Kalendern gewahrt. Und mit dem „Pestregiment‘ wird der Schluß
gemacht: so schließt sich das Ganze, das mit Schwangerschaft und
4 vgl. H. Langenberg, Aus der Zoologie des Albertus Magnus. Programm
Elberfeld 1891, S. ı.
#5 Albertus Magnus, Das buch der versammlung oder das buch der heimlig-
keiten Magni Alberti, von artzney vnd tugenden der kreuter vnnd edel gestein
vnd von etlichen wolbekannten thieren. Straßburg, Knoblauch 1516. Den
typischen Titel der späten Volksbuchausgaben s. bei Görres, Volbsbücher
$. 27. Der Frankfurter Buchhändler Harder verkauft in der Fastenmesse 1569
(Meßmemorial des Frankfurter Buchhändlers Michel Harder, hg. v. E. Kelchner
und R. Wülker 1873) 227 Exemplare des Albertusbüchleins: das meist ver-
kaufte Volksbuch! \
as ee eb
—-
54 | Angrenzende Literaturgattungen
Geburt begann, zum wohlgefügten Ringe. Geburts- und Pestvor-
schriften werden auch von der Obrigkeit begünstigt und ver-
breitet; ı5ı2 erteilt Maximilian ein Privileg für ein Regelbuch
für Schwangere und Hebammen, das große Verbreitung ge-
winnt46, und der Artzney Büchel zur zeit der Infection zu ge-
brauchen sind viele. In ihnen zeigt sich gelegentlich auch ein
‚frommer Einschlag, der den Albertusbüchlein fremd ist; die
Krankheit kommt über die Menschen, um zorn vnd straff gottes
anzuzaigen, Himmelserscheinungen verursachen sie und künden sie
an. Und als letztes Mittel wird empfohlen: wer aber ungeflohen
bleibt, der soll sich selbst vnd die krancken wol getrösten, und
erwegen, dass des zeitlichen todis niemands gefreyet noch vber-
haben sein kan, und sich demnach gott dem allmechtigem vnd
seinem aingebornen sohn unserm herrn und erlediger Jesu Christo
ohn vnderlass beuehlen*!. Auch in den kleinen Gelegenheitsregeln
für Pestzeiten, die, selten über 4—6 Seiten lang, meist noch an-
dere Rezepte enthalten“, wird am Schluß gern zum Gebet auf-
gefordert. Andere Büchlein wieder behandeln, stofflich sich enger an
die Albertushefte anschließend, die wissenswerten Dinge in Frage
und Antwort; der Bau des menschlichen Körpers wird so durch-
gesprochen: warum haben wir Nasenlöcher? warum niesen wir?
warum haben wir einen Rücken? soll ein Hermaphrodit als
Mann oder Frau heiraten? Mit besonderer Ausführlichkeit wird
das Sexualleben behandelt: ihm gilt neben den Wunderdingen
das vornehmliche Interesse der Zeit. Am Schluß wird gern zum
Kauf anderer Bücher angelockt: wie geschicht die geburt, oder
wie sol man sich darin halten. Sollichs zu wissen vnd erfaren,
liss hie von Eucharium Rösslin docior der artzney. der gar ein
hüpsch biechlin darvon vss hat lassen gon im truck genant Der
schwangern frawen und hebammen rosengarten%?: so zeigt sich
# Der Swangern frawen vnd Hebammen Rosegarten. Worms o. J. (1512).
47 Artzney Büchel Zur Zeit der Infection zu gebrauchen. O. O. 1620, S. ı2.
# Regiment-weß man sich jtzumt vnd fortan zur zeit der pestilentz mit essen,
trincken, vnd baden halten sol. Auch findestu hie in mancherley bewerter
artzneien zu den bösen zeen. Von deß gebranten weins tugenden zven vnd
zwentzig artickel. O. O. 1531.
# Ein hüpsch biechlin das durch die natürlichen meister Aristotilem, Aui-
cennam, Galienum, Albertum vnd anderm natürlichen meistern von mancher-
ley seltzamen fragen beschribenn vnnd der menschlichen natur gar nutz-
lichen zu wissen. Propleumata Aristotiles. Straßburg, Hupfuff 1515, am Ende.
Angrenzende Literaturgattungen 55
der buchhändlerische Unternehmergeist, der an der Gestaltung
und Verbreitung der Volksbücher seinen bedeutsamen Anteil hat,
auch in diesen Werken.
Neben diesen Gelegenheitslehrbüchern, die kommen und gehen,
deren Titel mannigfach wechseln, und: an denen nur Inhalt und
innere Diktion dieselben bleiben, geht, ehrwürdiger und ernster
in Inhalt und Form, ein Buch durch die Jahrhunderte, das als das
älteste Volksbuch die längste Lebensdauer von allen bewahrt: der
Lucidarius50. Von Heinrich dem Löwen als Laienlehrbuch ange-
regt, wird er um 1200 von einigen Geistlichen aus lateinischen
Schriften zusammengestellt; seine Form ist von Anfang an die
‘Prosa. 1479 bei Anton Sorg in Augsburg zum ersten Male ge-
druckt 51, erlebt er bis 1491 bereits zwanzig Drucke; zwischen 1494
und ı689 zählen wir achtundfünfzig Ausgaben: keinem an-
dern Volksbuche ist eine derartige Verbreitung beschieden 52.
Eine Enzyklopädie auf geistlicher Grundlage, umfaßt der Luci-
darius alles, was dem Menschen jener Zeit wissenswert erscheint:
Katechismus, Erdbeschreibung, Naturkunde; der Inhalt wird im
Lauf der Jahrhunderte oft verstäüämmelt, verringert und erweitert,
nur der Kern bleibt; schon der älteste Druck hält Lucidarius
oder, wie manche Handschriften und Drucke schreiben, Eluci-
darius für den Verfasser, erst das ı7. Jahrhundert verwischt den
Irrtum, indem es dem Werk einen neuen Namen, „Kleine Cosmo-
graphia“ (von 1665 ab) gibt; unter diesem läuft es bis ins
ı9. Jahrhundert. Nach der Reformation wird der Inhalt in prote-
stantischem Sinne umgebildet; Cammerlander ist der Verfasser
‚dieser Überarbeitung (1534), an die sich die folgenden Drucke
nun anschließen: aber auch diese Änderungen halten sich in den
gewohnten Grenzen, die Grottesdienstordnung, die Ausdeutung der
Kirchengebräuche, der geistlichen Gewänder usw. fallen fort,
das andere bleibt zumeist. Charakteristisch für das Werk ist die
Gesprächsform, die es aus seiner Vorlage, dem Elucidarium des
50 K. Schorbach, Studien über das deutsche Volksbuch Lucidarius und seine
Bearbeitungen in fremden Sprachen. QF. 74. Straßburg 1894.
51 Diß buch heyßet Lucidarius. das spricht zu teütsch also vil als ein er-
leüchter.
#2 Im Lager des Frankfurter Buchhändlers Gülfrich nimmt der Lucidarius
mit ı259 Exemplaren 1568 die erste Stelle ein: H. Pallmann, Sigmund Feyer-
abend S. ı37ft.
56 Arigrenzende Literaturgattungen
Honorius, entlehnt, und die andere Werke besonders medizint-
scher Natur nachahmen. Es ist ein Zeichen stolzen Selbstver-
trauens, wenn Seifried Helbling seinen fünfzehn Gedichten den
Titel dieses weitbeliebten Volkslehrbuches beilegt (‚Der kleine
Lucidarius“), und zugleich ein Beweis für die Zugkraft dieses
Namens.
Der „Ritter vom Turn‘ bezeichnet die äußere Grenze dieser
lehrhaften Volksbücher, er selbst kein eigentliches Volksbuch
mehr, aber in Form und Art der Verbreitung jenen doch ähn-
lich. Ein Ritter erteilt seinem Sohne allerhand Lehren, deren
manche uns anstößig erscheinen möchten, die aber im Sinne der
damaligen Zeit nicht eigentlich zotig gedacht sind. Freilich:
es sind gerade diese Abschnitte des Buches, die es wert und be-
liebt machen; 1493 erscheint es, von Marquard von Stein aus
dem Französischen übersetzt, zum ersten Male, bis 1682 wird
es zwölfmal gedruckt, seine Verbreitung kann sich also mit der
der meisten Volksbücher nicht messen. Aber als Erziehungsbuch
zu ritterlichem Wesen erfüllt es eine Aufgabe, parallel etwa den
Werken, die Regeln und Zaubermittel zur Erlangung ritterlicher
Kraft und Abenteuerlichkeit darbieten: so hat es seine Bedeutung
für die ganze Literaturgattung.
Der lehrhafte Zug der Zeit hat in diesen Werken allen die
Oberhand gewonnen; das Unterhaltungsmoment steht weit im
Hintergrunde, namenlose Lehrbücher, Hilfen, die durch ihre Un-
gelehrtheit das Vertrauen des Ungelehrten erwerben: das sind diese
Bücher. So sind sie weniger durch ihren Inhalt und die Art, wie
sie ihn darbieten, als durch ihre Form, die sie in manchen Punkten
mit den Volksromanen vereinigt, für uns bedeutungsvoll, sie ver-
vollständigen erst das Kulturbild der ganzen Bewegung. Eine
Mittelstellung zwischen ihnen und den Prosaromanen nehmen
die Reisebeschreäbungen ein: von jenen haben sie die Lust am
Fabulieren, die Freude am Unerhörten, Niedagewesenen, von
diesen die Lehrhaftigkeit als Prinzip, den Lehrbuchton; man-
cherlei Legenden zudem finden bei ihnen einen Unterschlupf. So
sind sie als deutliche Übergangsglieder gekennzeichnet.
Die Kreuzzüge hatten die Sehnsucht zur Weite bei allen ge-
weckt; durch Pilger und Kreuzzugteilnehmer waren die ersten
wunderbaren Berichte von fernen Ländern ins Volk gedrungen.
Angrenzende Literaturgattungen 57
So war die schlummernde Empfänglichkeit für solche Geschich-
ten geweckt, so wurde sie immer von neuem erregt und gesteigert.
Und nun kommen die Entdeckungen, die niegeahnte Wunder
erschließen, kommt die gewaltige Ausdehnung der Handelsbe-
ziehungen: immer von neuem wird die Sehnsucht und Neugierde
der breiten Schichten aufgewühlt, die gewöhnlichen Abenteuer
genügen nicht mehr, je unglaublicher, je fabelhafter die Dinge
sind, die erzählt werden, um so freudiger werden sie aufgegriffen.
Holt man jetzt doch sogar die Berichte des Altertums über Asien
neu hervor, um dem Volke Genüge zu tun53. Herzog Ernst, Alex-
ander, Brandan werden von neuem beliebt, Faust und Eulenspiegel
sind Wanderer, und erst das Zauberflughütlein vervollständigt
das Glück des unermeßlich Reichen. Ahasver, der ewige Jude,
wird in diesem Zeitalter geboren: das ist ein tiefes Symbol. Noch
im ı8. Jahrhundert heißt „eine allgemeine Reisehistorie“ ‚die
allerbeliebteste Art von Büchern“.54
So ist es das abenteuerfrohe, bunte Gewand, das die Reise-
berichte dem Publikum teuer macht. Von den führenden, volks-
erziehenden Kreisen, die freilich selbst ıhre Freude an solcher
Lektüre haben55, wird ıhr Wert anders beurteilt: „Es haben
aber die Reisen“, heißt es in einer Sammlung des ı8. Jahr-
hunderts5%, „noch darin vor andern Geschichtsbeschreibungen
einen ausnehmenden Vorzug, weil sie uns lebhafteste Beispiele
von der liebreichen und wundervollen Fürsorge Gottes allent-
halben recht rührend vor Augen stellen“, und. an anderer
Stelle57: „Es muß dasselbe zur Aufklärung der Wahrheit in den
Geschichten, zur Richtigkeit in der Erkenntnis aller Dinge, zur
Weisheit und Klugheit, und, mit einem Wort, zum Unterricht in
53 A. Bovenschen, Untersuchungen über Johann von Mandeville und die Quelle
seiner Reisebeschreibung. Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin.
ı888 (XXXIII) S. 180.
5 Neue Sammlung der merkwürdigsten AEIBOBPSCHIENtER, VI. Frankfurt-
Leipzig ı753, Vorbericht.
55 Besonders beliebt sind die Reisesammlungen von de Bry und Hulsius; vgl.
M. Böhme, Die großen Reisesammlungen des ı6. Jahrhunderts und ihre Be-
deutung. Straßburg ı904, $. 132. Diese Sammlungen „Volksbücher“ zu
nennen ($, ı63), geht nicht wohl an.
5% Neue Sammlung der merkwürdigsten Reisegeschichten. I. Frankfurt 1749,
$. XXI.
57 ebda. VI (1755), Vorbericht.
58 Angrenzende Literaturgattungen
Verbesserung des Verstandes und Wollens, für alle Stände unter
den Menschen dienlich gemacht werden.“ Das ist auch der
Standpunkt des ı5. und ı6. Jahrhunderts, so kommt es, daß hier
keine Polemik eingreift wie sonst bei den Volksbüchern.
Freilich: die großen Beschreibungen der Weltfahrer dringen
nicht ins Volk; sie sind zu wissenschaftlich, um populär zu wer-
den, und die Art ihrer Darstellung ist nicht rasch, nicht aben-
teuerlich genug. Aber ein Werk des ausgehenden Mittelalters er-
füllt diese Bedingungen; farbenfroh und kurzgedrängt vereinigt es
eigene bunte Erlebnisse mit alten, wohlbekannten, immer von
neuem begierig gehörten Wundermären aus dem Alexander, Her-
zog Ernst, aus dem alten Testament und den Legendarien. Was
schadet es, daß der geistliche Übersetzer die Namen verdreht,
daß die gebildete Welt das Buch als größte Aufschneiderei und
unhaltbare Kompilation mitleidig belächelt!
Eın Lütticher Arzt Jean de Bourgogne ä la barbe ist sein Ver-
fasser (f 1372), lange Jahre, die er beim Sultan von Ägypten
als dessen Arzt verbringt, geben ihm eine lebendige Anschauung
vom Orient. In der Heimat von schwerer Krankheit genesen,
geht er an die Zusammenstellung seines Werkes, das er unter
fingiertem Namen (Johann von Mandeville) seinen französischen
Landsleuten darbietet. Nur ganz wenige Partien des Buches sind
sein eigenes geistiges Eigentum: was er vom ägyptischen Sultan
und dessen Hof erzählt, hat er selbst erlebt. Das andere, die
Fahrt zum heiligen Grab, nach Persien und Indien und in die
fernsten Wunderländer, hat er aus Reisewerken und anderen
Büchern ausgeschrieben58. So trägt dies Werk gleichen Ent-
stehungscharakter wie Eulenspiegel, Faust und Schildbürger.
Rasch wird es beliebt: englische, italienische, hoch- und: nieder-
deutsche, lateinische, spanische, niederländische, dänische, böh-
mische und irische Übersetzungen erscheinen; Feyerabend nimmt
es in sein Reyssbuch des heylgen Lands (1609) auf5?, des Ver-
68 A. Bovenschen, Untersuchungen über Johann von Mandeville, $. 206ff.; Sven
Martinsson, Itinerarium orientale. Mandevilles Reisebeschreibung in mittel-
niederdeutscher Übersetzung. Phil. Diss. Lund ı918, S. VIIIff. Die kompi-
latorische Methode wird schnell verfemt; Rauwolff (Beschreibung der Reyß
Leonhardi Rauwolffen, Frankfurt ı582) betont in seiner Vorrede ausdrück-
lich: was andere geschrieben, hab ich in mein büchlein hieher nicht getragen.
69 A. Bovenschen, S. 194, s. Anm.ı; vgl. auch J. Vogel, Handschriftliche Unter-
Angrenzende Literaturgattungen 59
fassers Grab im Wilhelmiterkloster bei Lüttich wird ein Wall-
fahrtsort wie Eulenspiegels letzte Rulıestätte in Mölln; Püterich
von Reicherzhausen scheut den Umweg von zwölf Meilen nicht,
um es zu besuchen, und erzählt im ‚Ehrenbrief‘‘ von Grabstein
und Wappen.
Die deutsche Übersetzung schafft ein Metzer Domherr, Otto
von Demeringen 60, so .erhält das Werk eine noch stärkere geist-
liche Note als es bereits besaß. Es will berichten von manigen
wunderbaren sachen, von fremden landen vnd seltzamen thie-
ren, von fremden leuten vnd von irem glauben, von irem wesen
vnd von iren kleidern vnd von vil andern wundern, aber zu-
nächst wird im frommen Eingang die Heilsamkeit und Gottwohl-
gefälligkeit der Palästinafahrten dargelegt, die heiligen Marterge-
räte, Kreuz, Rock, Dornenkrone usw. werden erbaulich beschrie-
ben, Legenden hie und da eingewoben, Jerusalem andächtig ge-
schildert und: die griechisch-katholische Lehre ablehnend darge-
stellt. Die Glaubwürdigkeit der mannigfachen Abenteuer wird
fromm erwiesen: alle Wunder sind glaubhaft, denn Gott kann
alles. Aber vom zweiten Buch ab tritt der geistliche Ton zurück,
und Fabellust und Wunder behaupten den Platz: dem Werk ist
ja durch den ersten Teil seine Daseinsberechtigung gegeben!
Leicht und unbekümmert ist der Übergang: der die welt gantz
vmbfaren wil in kauffmanns oder in bilgerins wyse der fint
in allen landen heilig stet und gross heiligihuz (!), aber der in
rittier oder herrschaft wyse ziehen will, der sol farn in des
keisers von Persien land, darnoch in des grossen hunds land und
yn priester Johans land. Die alten Reisesagen reihen sich anein-
ander: Menschen mit Hunds- oder Kranichköpfen, mit nur einem
Bein, Geißmenschen, Wunderfrüchte wie die Paradiesäpfel mit
den Kreuzen im Kerngehäuse oder die Äpfel, die von Natur an-
gebissen sind; Märchen mischen sich darein: vom Jungbrunnen,
von der Drachenjungfrau, die durch einen Kuß, von dem Sper-
bermädchen, das durch sorgfältige Hütung eines Sperbers er-
suchungen über die englische Version Mandevilles. Programm Krefeld ı8gı.
Der „Versuch einer Literatur deutscher Reisebeschreibungen, sowohl Ori-
ginale als Übersetzungen“ (Prag ı793) nennt Montevilla bereits nicht mehr.
60 Von der erfarung des strengen ritters Johannes von montaville. Straßburg
Knoblauch ı507. Der Titel des späten Volksbuches bei Görres, Volks-
bücher, S. 53.
60 Angrenzende Literaturgattungen.
löst werden kann, und Schwankmotive tauchen zwischenhinein
auf wie das von den Schlangen, die eheliche und uneheliche Kin-
der voneinander unterscheiden können. Es ist bezeichnend, wie
gerne bei erotischen Dingen verweilt wird: bei der Beschreibung
der griechisch-katholischen Lehre wird besonders auf die Be-
sonderheiten im Sexual- und Eheleben eingegangen, die Viel-
weiberei des Sultans und des Königs von Calonach, der Weiber-
kommunismus im indischen Lande Lamori, doppelgeschlechtige
Wunderwesen, die Abnormität der Amazonen — all das wird
liebevoll berichtet, und hie und: da finden sich auch obszöne Aus-
drücke wie das gesellen gelt verdienen: hier zeigt sich mancher-
lei Verwandtschaft mit den Ritterromanen. So ist das Buch be-
liebt geworden und hat sich die Jahrhunderte hindurch neu er-
halten; zu Anfang des ı9. Jahrhunderts nimmt es unter den
Jahrmarktsdrucken eine hervorragende Stelle ein ®1.
In die ritterliche Welt gehört der Amadis mehr hinein als
der Montavilla. Sein äußerer Werdegang ist dem der Volksprosa-
romane sehr ähnlich: aus Frankreich kommt er 62, sein Auftreten
erzeugt eine Flut von Fortsetzungen und Nachahmungen, sehr
rasch wenden sich die eigentlich führenden Schichten von ihm
ab, für die er doch eigentlich geschaffen ist: die Vorrede der
Übersetzung des ersten Buches redet alle gelehrte, erfarne män-
ner, sonderlich alle, die vom adel, und ansehnliche leuth sind,
an. Und von ihrem Standpunkt aus gesehen steht er in einer
Reihe mit den Volksbüchern: wo sie jene bekämpfen, wird auch
sein Name genannt, und Zorn und Hohn gießt sich über ihn wie
über jene. Und doch ist er kein Volksbuch im eigentlichen Sinne;
er ist nicht zum Jahrmarktsgut geworden, seine Leser bleiben
die jungen Söhne, Töchter und Frauen bürgerlicher Kreise, und
als die Zeit seiner Sensation vorüber ist, tritt er zurück und ver-
schwindet bald vollständig, um andern Romanen Platz zu machen.
Die Gründe, die seine Trennung von den eigentlichen Volks-
büchern verursachen, liegen in seinem Inhalt, in der Art seiner
61 A. Bovenschen $. 195.
62 G. Steinhausen (Die Anfänge des französischen Literatur- und Kultureinflusses
in Deutschland. Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte und Renais-
sanceliteratur. N. F. VII, 1894, $S.374) sieht in ihm das bedeutendste Zeichen
des französischen Kultureinflusses.
Angrenzende Literaturgattungen 61
Erzählung. Die volkstümlichen Romane berichten von zumeist
wohlbekannten Recken der Vergangenheit; aus ihnen baut sich
der ungelehrte Leser sein Bild vom vergangenen Rittertum auf.
Der Amadis stellt aber seinen Helden in die Zeit des Lesers, und -
indem er ungeheuerliche Begebenheiten erzählt, als ob sie gestern
geschehen seien, erzeugt er bei dem wirklichkeitsfrohen Publikum
aus dem Volke Unglauben und wird notwendig auf wirklichkeits-
fremde Elemente (schwärmende Frauen, abenteuersüchtige Jüng-
linge) beschränkt. Seine Weitschweifigkeit hindert eine rasche
Verbreitung; hätte sich ein geschickt kürzender Bearbeiter ge-"
funden, vielleicht, daß er gefallen hätte. Der Umstand vollends,
daß sich an das erste Buch eine lange, unübersichtliche Reihe
von Fortsetzungen im selben Stil, mit denselben Abenteuern, im
gleichen Schema gearbeitet anschließt, macht eine Volkstümlich-
keit im Sinne der Volksbücher unmöglich 63.
Die Heimat des Amadis ist Spanien6, wo er, im ı4. Jahr-
hundert bereits von einheimischen Dichtern erwähnt, 1490 durch
Garci-Ordoniez de Montalvo seine endgültige Gestaltung erhält;
1508 erschienen die vier ersten Bücher im Druck; Nachahmungen
und Erweiterungen (bis zum ı2. Buche) folgen rasch. Das vor-
nehme, durch seine dämmrige Stille vielsagende Buch erfährt
dann in Frankreich seine psychologische Vertiefung®5; der Ar-
tillerieoffizier Seigneur Des Essars Nicolas de Herberay übersetzt
von 1541-1568 die ersten acht Bände: sein Werk ist die Vor-
lage, deren Übertragung ins Deutsche Herzog Christoph von
Württemberg anregt. Der unermüdliche Feyerabend übernimmt
den Verlag; 1569-1575 erscheinen bei ihm dreizehn Bücher, das
sechste, von Fischart übersetzt, wird zur Herbstmesse des Jahres
1572 fertiggestellt ®. Vom Übersetzen geht man zum Nachahmen
über, so schwillt der Umfang des Amadisromans immer stärker
63 Schon Uhland (Schriften II [1886], S. 567) stellt fest, daß der Amadis nicht
geeignet ist, in Deutschland volkstümlich zu werden.
% vgl. A. Hauffen, Johann Fischart I ı65ff.; H. Morf, Die romanischen Lite-
raturen (Kultur der Gegenwart I], ıı, ı, 1909) S. 209.
65 vgl. W. Küchler, Empfindsamkeit und Erzählungskunst im Amadisroman.
Zeitschrift für französische Sprache und Literatur XXXV (1909), S, ı76ff.
66 A. Hauffen, Fischart I 47; eine (unvollständige) Bibliographie der Amadis-
literatur bei Küchler S. ı58f.
62 Angrenzende Literaturgattungen
an. 1595 zählt er bereits a4 Bände. Jede neue Fortsetzung ist
ein Schritt weiter von den Volksbüchern fort.
Eine Mischung von Abenteuerlust und Empfindsamkeit: das
ist sein Inhalt; mit dem Amadis hat die „empfindsame‘“ Periode
begonnen”. Die Liebe der Volksromanhelden ist ein kraftvoll-
selbstverständliches Siegen auf der Seite des Helden, eine restlose,
durch die völlige Überlegenheit des Ritters bedingte Hingabe seiner
Geliebten; hier dagegen wechseln Freud und Leid ständig mit-
einander, Hemmnisse stellen sich den Liebenden in den Weg, und
“ die Überwindung dieser Hemmnisse steht im Mittelpunkt der Er-
zählung. Amadis steigt vom Pferd, um im Grase besser an seine
liebesmelancholische Stimmung denken zu können: im Volks-
roman wäre eine solche Szene undenkbar. Das erotische Moment
ist auch hier besonders liebevoll hervorgehoben: alle Helden sind
unehelich erzeugt, welch eine pikante Erfindung! Aber das lehr-
hafte Prinzip wird auch hier nicht vergessen: der Titel der
ersten Ausgabe” empfiehlt das Buch den Jungen, denen es nütz-
lich zu lesen sei, und im erziehungsfreudigen Deutschland wird
das Werk mehr als Regelbuch für ritterlichen Anstand und
höfische Ausdrucksweise betrachtet denn als Unterhaltungsbuch ;
so erscheint 1597 eine Sammlung „schöner zierlicher Orationen“,
die aus den a4 Amadisbüchern zusammengezogen ist®9, und noch
Lauremberg spottet über einen, dem der Roman Anstandsbuch
ist: „Do must de halve Amadis em redensarten geven.“
Seine Verbreitung im ‚7. Jahrhundert ist außerordentlich
groß 0, so wird sein Einfluß auf die Literatur bedeutend. Opitz,
der den Amadis in zwei Gedichten erwähnt, preist im Aristarch
(1617, 1624) seine deutsche Übersetzung als Musterbeispiel für
die Zierlichkeit der Muttersprache”?1; der französische Amadis be-
67 Küchler S. ı58ft.
68 Neu abgedruckt ist das erste Buch von A. v. Keller in der Bibliothek des
Literarischen Vereins.
698 G. Steinhausen, Anfänge des französischen Literatur- und Kultureinflusses
S. 374
70 K. Borinski (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur
Gegenwart. Stuttgart-Berlin-Leipzig ıg921, I 502) schreibt den Erfolg des
Amadis seiner verführerischen Hofmacherei und seiner spannenden Verwick-
lung zu.
11 Höpfner, Amadis, nicht Bienenkorb. Zeitschrift für deutsche Philologie va
(1877), S. 467 ff.
Angrenzende Literaturgattungen 63
findet sich schon um ı550 in der Privatbibliothek Kurfürsts
Johann Friedrich des Großmütigen?2. 1577 berichtet der Buch-
händler Fickler, er verdiene am Amadis mehr als an Luthers
Postille, vier Jahre später klagt er, wie gemein solch buch worden
bei weib und mannen, hoch und niedern standes??, und das Lager-
verzeichnis seines Tübinger Kollegen Gruppenbach führt 1597
wohl eilf leiste bücher Amadis, aber kein einziges Volksbuch
auf?*, Es ist diese zeitweilige ungemeine Verbreitung, die den
Roman an die Grenze der Volksbücher stellt. Wie sehr er in
seiner Raum- und Zeitlosigkeit die Geschichtsauffassung beein-
flußt, zeigt der Umstand, daß erst Buchholtz in seinem Christ-
lichen Teutschen Groß-Fürsten Hercules und der Böhmischen
Königlichen Fräulein Valiska Wunder-Geschichte (1659) den
Weg zu einer historischen Geschichtsbetrachtung zurückfindet”5.
Aber mit dem Augenblick, wo moderne deutsche Romane er-
scheinen, sinkt seine Bedeutung; langsam: verschwindet er in. der
Lektüre der breiteren Masse.
Neben diesen großen, einheitlichen Gattungen von mehr oder
weniger volkstümlichen Literaturwerken laufen eine Menge weni-
ger wichtiger Bücher: neben den Praktiken die Losbücher’?$,
fußend auf griechischen und römischen Orakelwerken, durch die
im ı2. Jahrhundert eindringende Punktierlehre der Araber neu
belebt; an die Faustbücher anknüpfend: eine lange Reihe von
Zauber- und Magieschriften??, die durch ihre genaue Beschrei-
bung von Beschwörungsriten, strotzend von gelehrt klingenden
Namen, und durch die Angabe, daß Faust selbst der Verfasser sei,
die Gunst des Publikums anzulocken versuchen; schließlich die
wahrhaftigen Historien?®, die sensationelle Ereignisse des täg-
72 J. Bolte, Magelone S. XXX VIII.
73 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur II (1913), $. 295.
74 Archiv für Geschichte des deutschen Buchhandels II (1879), S. 244fl.
75 F. Gotthelf, Das deutsche Altertum in den Anschauungen des ı6. und ı7. Jahr-
hunderts. Forschungen zur neueren Literaturgeschichte XIII (1900), S. 68.
76 J. Bolte, Zur Geschichte der Losbücher. In: Georg Wickrams Werke IV
(Bibliothek des Literarischen Vereins 230, 1913), $. V, S. 276ff., und neuer-
dings: Zur Geschichte der Punktier- und Losbücher. Jahrbuch für histor.
Volkskunde I (1925) S. 185 ff.
77 Scheible hat in seiner „Bibliothek der Zauber-, Geheimnis- und Offenbarungs-
bücher* (Stuttgart ı84gff.) mehrere herausgegeben.
78 7. B. Warhafte beschreibung von der Königin in England, warum sie die
64 Angrenzende Literaturgattungen
lichen Lebens beschreiben und durch die anspruchslose Aus-
stattung und ihre Aktuellität rasche Verbreitung finden: eine
Literatur von Gelegenheitsbüchern, die mit dem Aufkommen
neuer Sensationen verschwinden. Durch ihren Ton und die Art
ihrer Entstehung und Verbreitung gewinnen sie volkstümlichen
Charakter, und wenn sie auch für die eigentliche Gattung der
Volksbücher bedeutungslos sind, so vervollständigen und ergänzen
sie doch das Bild: was sie beliebt macht, haben sie mit jenen
gemeinsam, denen sie parallel laufen. So erwächst aus ihrer
Betrachtung ein tieferes Verständnis für die Dinge, durch die die
Volksbücher ihre Verbreitung und ihre Zugkraft erhalten haben.
Königin von Schottland hat ermorden lassen. Geschehen im Jahr 1587 am
ı0. Febr. Sehr lieblich. aber doch erbärmlich zu lesen, jedermänniglich zu
einem exempel. Aus englischer sprach in teütsch vertiert. Köln 1587, 49. —
Wahrhaftige historia von Johann Pfefferkorn, einem getauften Juden, welcher
zu Hall in Sachsen seinen überaus großen und erschrecklichen missethaten
halber lebendig verbrannt ist worden. Ursell 1606, 4°. — Leben und tod
des berüchtigen Juden Joseph Süß Oppenheimers aus Heidelberg oder kurze
und zuverlässige nachrichten von dessen herkunft, geschwinder erhebung,
lasterhaftem leben und plötzlichem fall. Nebst einem vorbericht, wie die
bisher heraus gekommenen nachrichten von diesem juden mit unterschied
zu lesen sind. Frankfurt-Leipzig ı738, 4°. |
IH
Volksroman und volkstümlicher Roman:
Gemeinsames in Stil und Begriffswelt
E ersten Kapitel ist versucht worden, den Unterschied anzu-
deuten, der zwischen den aus fremden Ländern nach Deutsch-
land gekommenen Prosabüchern und: den im Lande selbst ent-
standenen Volksromanen besteht: die Art ihrer verschiedenen
Entstehung legt diese Trennung nahe. Daß die zunächst nur
äußerliche Scheidung auch innere Verschiedenheiten bedingt, die
eine Gegenüberstellung von „Volksroman“ und „volkstümlichem
Roman“ rechtfertigt, das zu zeigen wird Aufgabe eines späteren
Absatzes sein; hier genüge es, die Trennung noch einmal fest-
zustellen: sie ist vorhanden, aber sie ist nicht so groß, daß die
Werke beider Gattungen nicht so viele gemeinsame Punkte hätten,
daß beide zusammen ein einheitliches Bild ergeben, das Bild der
deutschen Volksliteratur.
Das Publikum selbst trennt die einen Werke nicht von den
andern, seine Gunst oder Ungunst verschenkt es nicht nach
stilkritischen Gesichtspunkten. Als die ersten Prosaromane nach
Deutschland kommen, haben die französischen Ritterbücher ihnen
den Weg bereits geebnet, und im ersten Jahrhundert laufen beide
nebeneinander: in der Bibliothek Johann Friedrichs des Groß-
mütigen stehen die französischen Bücher der Haymonskinder, von
Tristan, Pontus, Melusine, Ogier u. a. m.i. Und als dann mit
Fortunat und Eulenspiegel die einheimischen Stoffe dem Leser-
kreis angeboten werden, reihen sie sich leicht in die schon vor-
handenen deutschen Romane ein; als etwas prinzipiell Neues
werden sie nicht empfunden. Hans Sachs besitzt den Eulenspiegel
neben dem Herzog Ernst, die Melusina neben dem Brandan?,
in alten Bücherlagern sind Werke beider Gattungen zahlenmäßig
1 Bolte, Magelone, S. XXXVIII.
2 R. Genee, Hans Sachs und seine Zeit. Leipzig 1894, $. 464.ff.
Mackensen, Die deutschen Volksbücher 5
66 Stil und Begriffswelt
annähernd gleich vertreten, ein Straßburger Glasermeister stellt
um ı625 in seiner Bücherei den Ritter Puntus zu Friedrich Bar-
baross, Eylenspiegel zum Hertzog Ernsten, die History des Ritters
vom Radt zur Mellusina®. Die heftige Abwehr der führenden
Stände wendet sich gegen beide Arten volkstümlichen Lesestoffes
in gleicher Weise, so bei Moscherosch, so bei den andern allen,
und Tiecks Peter Leberecht hört in seiner Kindheit Ahasver
neben Siegfried und den Haymonskindern, ohne einen Unterschied
zu empfinden. s
Beliebt wird, was in kurzer, prägnanter Form die größtmög-
liche Fülle des Abenteuerlichen bietet. Das Brandanbüchlein, das
diese Vorzüge in hervorragender Weise in sich vereint, erlebt in
den ersten zwanzig Jahren seines Bestehens 6 Auflagen, bis
ı525 treten 7 weitere hinzu®: für diese Zeit ein Zeichen ganz
ausnahmsweiser Beliebtheit; sehr wahrscheinlich ist es schon ein
Einfluß des kleinen deutschen Werkes, wenn Eulenspiegel sich
gerade Brandans Haupt aussucht, um damit die Menge zu äffen”.
In späteren Jahrzehnten treten andere Bücher an seine Stelle:
Fortunat wird vornehmlich beliebt®, neben ihm ragen die Mage-
3 In dem Inventar z. B., das 1568 über Gülfferichs Nachlaß aufgenommen
wird, werden 995 Exemplare vom Herzog Ernst, 953 vom Eulenspiegel, 981
vom Pontus verzeichnet: H. Pallmann, Sigmund Feyerabend, S. 145.
* E. Martin, Beiträge zur elsässischen Philologie. Jahrbuch für Geschichte,
Sprache und Literatur Elsaß-Lothringens XIII (1897), S. 219. Unter 77 Büchern
im ganzen besitzt dieser Glaser (Lorenz Fritsch) ı2 Volksbücher.
6 Moscherosch, Gesichte Philanders von Sittewald I, Venus Narren, 3. Ge-
sicht; Joh. Heinr. Schill, Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz (Straßburg 1644),
S. 304. |
6 Sanct Brandan, hg. von C. Schröder, Erlangen ı87ı.
7 Ulenspiegel ı515, hg. von Knust, Hist. zı.
8 In Michel Harders Meßmemorial von 1569 (hg. von E. Kelchner und R. Wülcker
Frankfurt-Paris 1873) nimmt der Fortunat mit ı96 verkauften Exemplaren
unter den Romanen die erste Stelle ein, obwohl sein Preis (14!/, Schilling)
nicht besonders gering ist (der Markolph kostet z, Appollonius 8, eine Bauern-
praktik 61/, Schilling). Sigmund Feyerabend (Pallmann S. 156ff.) setzt in der
Fastenmesse 1568 von ihm 224, in der Herbstmesse desselben Jahres ı68 Stück
ab, im ersten Falle ist er das dritthäufigste, im zweiten das zweithäufigste
verkaufte Volksbuch. Im .Gülfferichschen Nachlaß (Pallmann $S. 137 ff.) steht
er unter den Romanen an fünfter Stelle (510 Exemplare); der Leipziger
Buchhändler Simon Huter bestellt sich 1568 von ihm 50 Exemplare, nur vom
Eulenspiegel und Oktavian fordert er mehr an (Pallmann $. ı61ff.). Der
Stil und Begriffswelt 67
lone?, mehr die Melusine10 und der Eulenspiegel!!, zeitweilig
auch der Ritter Pontus!?2, Loher und Maller!3, Oktavian14 und
Leipziger Sortimenter Andreas Hoffmann hat im Jahre 1600 von ihm drei
Exemplare am Lager, nur vom Fierabas hat er mehr (4. Kirchhoff, Sorti-
ments-Meßlager in Leipzig. Archiv für Geschichte des Deutschen Buch-
handels XVII, 1904, S. 53 ff.).
9 Der Absatz der Magelone hält sich in bescheideneren Grenzen: 1568 setzt
Feyerabend ı42 Exemplare in der Fasten-, ı26 in der Herbstmesse ab,
Gülfferich hat im selben Jahre 477 Exemplare am Lager (sechste Stelle unter
den Romanen), Huter fordert nur ı2 Exemplare an: nur von Tristrant und
Wigoleis wünscht er weniger. Dagegen verkauft Harder ein Jahr später
ı76 Exemplare: in seinem Meßmemorial kommt die Magelone gleich nach
dem Fortunat. Im Lager Hoffmanns fehlt sie ı600 ganz.
10 Mit ı92 Exemplaren steht die Melusina unter den zur Fastenmesse 1568
von Feyerabend verkauften Romanen an vierter Stelle, wird jedoch bei der
Herbstmesse (113 Exemplare) von der Magelona, Pontus und Tristrant über-
flügelt. In Gülfferichs Bücherlager behauptet sie mit gı2 Exemplaren den
dritten Platz, steht dagegen in Huters Bestellungen (1568) hinter Eulenspiegel,
Oktavian, Fortunat, Hug Schepler und Lucidarius weit zurück (22 Exemplare).
Harder setzt (1569) von ihr die drittmeisten Exemplare (158) ab.
11 Für die Beliebtheit Eulenspiegels zeugen schon seine vielen Auflagen.
Feyerabend verkauft ihn auf beiden Messen des Jahres ı568 am häufigsten
(481 und 270 Stück); während er bei Gülfferich nur einen bescheidenen Platz
(mit 386 Stück an ıi. Stelle) einnimmt, fordert Huter im gleichen Jahre von
ihm fast doppelt soviel wie vom Oktavian, der in seiner Liste an zweiter
Stelle steht (117 gegen 60 Exemplare). Seltsam ist es, daß Harder im Jahre
darauf nur 77 Stück absetzt (10. Stelle unter den Romanen), auch in Hoff-
manns Lager tritt er zurück.
12 Unter den wenigen Romanen, die der Leipziger Sortimenter Christoph
Ziehenaus ı563 am Lager hat, befindet sich auch der „Ritter Pontus“ (ein
Exemplar): A. Kirchhoff, Das Sortimentslager von Christoph Ziehenaus in
Leipzig. Archiv für Geschichte des deutschen Buchhandels. XVII (1904),
S. ızff. Feyerabend verkauft in der Fastenmesse ı518 nur 68 Stück, in der
Herbstmesse dagegen ı32; diese Steigerung ist um so auffälliger, als in der
Fastenzeit das Geschäft zurückzugehen pflegte. Auch in Gülfferichs Lager
hält sich Pontus mit 403 Exemplaren etwa in der Mitte, Huter fordert
ihn überhaupt nicht an. Dagegen setzt Harder ihn nach Fortunat, Magelone
und Melusine am häufigsten ab (147 Stück).
18 „Loher und Maller“ spielt im allgemeinen im Buchhandel eine mittlere
Rolle (77 bzw. 64 Exemplare bei Feyerabend 1564, 37 bei Harder 1569,
sonst selten erwähnt), dagegen nimmt er in Gülfferichs Lager mit 1249 Exem-
plaren bei weitem die erste Stelle unter den Romanen ein.
14 Oktavian wird von Feyerabend sehr häufig verkauft (260 bzw. ı40 Stück);
in Fasten- und Herbstmesse behauptet er zwischen Eulenspiegel und For-
5%
68 Stil und Begriffswelt
Fierebras15 hervor. Faust, der zur Herbstmesse des Jahres 1587
erscheint (die Dedikationsschrift datiert vom September), erlebt
im selben Jahre noch 4 Nachdrucke und eine Überarbeitung,
die ebenfalls im gleichen Jahre nachgedruckt wird, wird schon
1588 gereimt und ins Niederdeutsche, 1592 ins Niederlän-
dische und Flämische übersetzt16. Von dem durchschlagenden
Erfolg des Buches legt ein Brief Zeugnis ab, den der Braun-
schweiger Sangmeister Ludolf Lüders am 30. Oktober 1587 —
also kurz nach dem Erscheinen — an Wolff Ernst Grafen zu
Stolberg schreibt: schicke E. G. den Platinam, vndt weill die
negste Franckfurter messe doctoris Johannis Fausti historia erst-
lich auss gangen, deren exemplaria dieser buchfurer bey ein 50
mitgebracht, aber ehe ichs bin gewar worden all auffgekaufft,
aussgenommen diess eine!!. Das Ahasverbuch, 1601 zum ersten
Male aufgetaucht, erlebt im Jahre 1602 nicht weniger als neun
Auflagen, davon vier bei demselben Verleger (Suchnach in
Bautzen) 18. Diese Ziffern reden eine deutliche Sprache. Ver-
gleicht man vollends, daß ein rühriger Buchhändler wie Sigmund
Feyerabend auf der Fastenmesse 1568 von Wickram Rollwagen-
büchlein nur ein Exemplar, vom: Hugschapler dagegen 158, vom
tunat seinen Platz. Simon Huter wünscht von ihm 60 Exemplare (gegen
ı27 Eulenspiegel, 50 Fortunat), in Harders Memorial steht er an siebenter Stelle
(135 Exemplare, ebensoviel werden von einer weniger beliebten Ausgabe des
Albertus Magnus abgesetzt). In Hoffmanns Lager ist er (1600) zweimal ver-
treten.
15 Fierrabras Historia ist der einzige Roman, der 1564 in David Zepffels Nach-
laß gefunden wird (36 Exemplare gegen 754 epistolae obscurorum vivorum,
466 Virgilius teutsch): Pallmann S. ı52ff. Ziehenaus besitzt ihn dreimal.
Während Feyerabend nur ein mittelmäßiges Geschäft mit ihm macht (8ı
bzw. 57 Stück), steht er in Gülfferichs Lager an fünfter Stelle (685 Exem-
plare); Huter fordert ihn nur in 20o Exemplaren an (ebensooft wie den wenig
beliebten Barbarossa). Auch Harder hat mit ihm keinen Erfolg; mit 37 Exem-
plaren steht er bei ihm an fünftletzter Stelle. Dagegen ist er in Hoffmanns
Lager mit fünf Exemplaren verhältnismäßig reich vertreten.
16 Das Volksbuch vom Doktor Faust; hg. von Zarncke und Braune (Neudrucke 7/8,
1878), S. IVfk.
17 K. Engel, Zusammenstellung der Faustschriften vom ı6. Jahrhundert bis
Mitte ı884. Oldenburg ı885, S. 61. Der Brief ist in der Zeitschrift des
Harzvereins VII (1874), S. 362 abgedruckt.
18 Neubaur, Bibliographie der Sage vom ewigen Juden. Zentralblatt für Bi-
bliothekswesen X (1893), S. 249ff.
Stil und Begriffswelt 69
Eulenspiegel sogar 481 Stück absetzt, oder daß im gleichen Jahr
ein Leipziger Händler (Simon Huter) von dem beliebten Narren-
schiff des Seb. Brant ı5, vom Fortunat dagegen 50, vom
Eulenspiegel »ı7 Stück anfordert, so ermißt man, welche Be-
deutung diese Bücher für das Publikum haben. Der Frankfurter
Buchhändler Harder verkauft in der Fastenmesse von ı569 das
Heldenbuch nur vier-, den Fortunat hundertsechsundneunzigmal:
es läßt sich angesichts dieser Tatsachen nicht begreifen, wie es
ausgesprochen werden konnte, daß das große Publikum für
Eulenspiegel, Schildbürger usw. kein Verständnis gehabt habe!9.
Es ist bezeichnend, daß zwei einheimische, im Gang ihrer
Erzählung von fremden Einfluß unberührte Romane zugleich
auch die beliebtesten sind: Fortunat und Eulenspiegel. Der For-
tunat ist das erste der Bücher, die es wagen, sich den aus frem-
den Ländern kommenden an die Seite zu stellen; weil er keine
Vorgänger hat, war man lange Zeit bemüht, ihm eine Heimat
außerhalb Deutschlands zu suchen: Görres wollte ihn den Eng-
ländern oder Nordfranzosen 20, andere dem byzantischen Kultur-
kreise21 zuschreiben; erst junge Forschung hat gezeigt, daß wir
hier ein Werk vor uns haben, das aus Märchen- und Sagenmotiven
und viel Erlebnissen des täglichen Hansestadtlebens die Geschichte
seines Helden aufbaut: ein Augsburger Bürger, jedenfalls ein
Binnenländer, ist sein Verfasser22. So wird. es zum hohen Liede
des Kaufmannsstandes, ein bedeutsames Zeichen dafür, wie hoch
der Handelsberuf trotz aller zeitgenössischer Satiren und Sprich-
wörter, trotz der Polemik der Kirche und der führenden Geister
in der Wertschätzung des Jahrhunderts steht23; seine Beliebtheit
ist mit dadurch bedingt. Die Gestalt des Fortunat wird sehr rasch
19 F. Pfaff, Arnims Trösteinsamkeit, 2. Freiburg ı890, $. X.
% Görres, Volksbücher, S. zı ff.
21 F. Bobertag, Geschichte des Romans und der ihm verwandten Dichtungs-
gattungen in Deutschland, I. Breslau ı876, S. 83f.; nach ihm H. Rauße,
Geschichte des deutschen Romans bis 1800. Kempfen-München 1914, S. 22.
Die Auflage von ı480, die Bobertag anführt, besteht nicht.
22 H. Günther, Zur Herkunft des Volksbuches von Fortunatus und seinen
Söhnen. Diss. Freiburg 1914.
% Das übersieht M. R. Kaufmann, Der Kaufmannstand in der deutschen Lite-
ratur bis zum Ausgang des ı7. Jahrhunderts. Grenzboten XL (1910), IV, ı14[ff.
70 Stil und Begriffswelt
volkstümlich, und sie bleibt es lange Zeit; gelegentliche Erwäh-
nungen geben davon genug Zeugnis ®%.
Der Eulenspiegel, dessen älteste und bekannte Ausgabe von
ı515 datiert, ist sehr wahrscheinlich viel älter; schon ı4gı
spielt die Braunschweiger Chronik (II 256, a1) auf einen seiner
- Streiche an, und ı520 finden wir in einem Ausgabenregister
des Klosters Ilsenburg zwei Eintragungen, die vom Ankauf eines
Büchleins quod intitulatur Ulenspegel berichten 26, vielleicht ist
hier der niederdeutsche Ureulenspiegel gemeint. Im selben Jahre
radiert Lucas van Leyden den Volkshelden; zwei Jahre später
fügt Johann Pauli in seine Sammlung „Schimpf und Ernst“ elf
Eulenspiegelhistorien ein2?: auch dies ein Beispiel für die Be-
liebtheit der Schwänke. Luther ist wohl mit ihnen vertraut 28;
in Büchertiteln wird Eulenspiegels Name häufig??, zu Meister-
liedern 3° und Komödien 31 werden seine Historien benutzt, am
eifrigsten von Hans Sachs, der manchen Geschichten gar doppelte
Gestalt gibt32. Für Schalksnarren anderer Länder wird er Vorbild
und Quelle, so für den polnischen Piotr Jatorski (1591)3%, auch
ins Jüdisch-Deutsche wird er im 17. Jahrhundert übertragen 3%.
%4 So in Schweiggers Werk ein Newe reyssbeschraibung auss Teutschland nach
Konstantinopel und Jerusalem. Nürnberg 1608, $. 74; s. A. Birlinger, Zu den
Volksbüchern. Germania XV, ı00f.
23 Auf Hist. 73 (Schalksäen): dar me hen na Aken gheyt, villichte is der schelke
dar ok beseyt.
28 vgl. E. Schröder, Faksimiledruck des Ulenspiegels von ı515. Inselverlag
ıg11, $. 4.
%7 Es sind dies die Historien 6 (bei Pauli Nr. 651), ı2 (652), 34 (347), 38
(650), 45 (642), 49 (658), 63 (514), 68 (632), 70 (644), 79 (373), 80 (48),
83 (653).
28 vgl. Randglossen zu Jesus Sirach (1533) XIX 5; Auslegung viel schöner
Sprüche aus der h, Schrift (1546), Ev. $. Joh. 1.
2 vgl. Der Barfüßer Mönche Eulenspiegel und Alcoran. Wittenberg 1542;
Das ander Teyl des buchs Schimpff und Ernst, welches nit weniger Kurtz-
weiliger denn ... Eulenspiegel etc. 1544 usf.
% vgl. Lappenberg, Dr. Thomas Murners Eulenspiegel S. 282.
81 Makropedius fußt z. B. in seiner Komödie „Aluta“ auf Eulenspiegel Hist. 36.
32 Die Eulenspiegeldichtungen des H. Sachs hat R. Köhler zusammengestellt;
Ergänzungen bietet R. Bechstein, Germania VII, 304.
88 A. Brückner, Archiv für slawische Philologie XI, 468 ff.
3% M. Steinschneider, Über die Volksliteratur der Juden, Archiv’ f, Literatur-
geschichte II, ı9.
Stil und Begriffswelt 71
Noch am Ende des ı8. Jahrhunderts bekennt Flögel vom Eulen-
spiegelbuch 35: „So mag es mir denn wohl auch keine Schande
sein, wenn ich gestehe, daß es mein erstes Lesebuch war, aus dem
ich das Lesen fast ganz allein erlernet‘; auch heute steht das Buch
noch in hoher Gunst bei allen Volksschichten.
Die Melusine bringt es im ı5. Jahrhundert zu so vielen Auf-
lagen, daß sie in der ‚Reihe der beliebtesten Volksbücher mit an
erster Stelle zu nennen ist. Von Jehan d’Arras Ende des 1/4. Jahr-
hunderts zuerst niedergeschrieben, setzte Couldrette die Sage 1401
in Verse; auf ihm fußt Ringoltingens Übersetzung (1456 voll-
endet, erster Druck 1474) 36. Luther nennt sie einmal in einer seinen
Tischreden als Beispiel für einen succubus oder teufel??, Jacob
Ayrer schafft auf der Grundlage des Volksbuchs ein Doppeldrama
Von der schönen Melusina?®. Der Faustbearbeiter Widmann er-
wähnt ihre Historie als allgemein bekannt, und unter den Stük-
ken, die Peter Squenz mit seinen Handwerkern agieren will, ist
auch sie neben der Magelone und dem Ritter Pontus vertreten 4°.
Kornmanns De linea amoris commentarius (1629) führt sie als
bezeichnendstes Beispiel für die volkstümlichen historiae amatoriae
auf, durch deren Lektüre der angehende Liebhaber ad colloguium
sese praeparet. Auch späterin bleiben Stoff und Buch beliebt.
1777 bearbeitet Zachariä die schöne Melusine, und August Wil-
helm Schlegel findet in seinen Vorlesungen warme und begei-
sternde Worte: „Die Hauptmomente der Geschichte sind... groß
gedacht und dargestellt, der Eindruck des Ganzen ein tiefes Grau-
8 Flögel, Geschichte der Hofnarren. Liegnitz-Leipzig 1789.
3% M. Nowack, Die Melusinensage, ihr mythischer Hintergrund, ihre Verwandt-
schaft mit anderen Sagenkreisen und ihre Stellung in der deutschen Lite-
ratur. Phil. Diss. Zürich ı886; HM. Frölicher, Thüring von Ringoltingens
„Melusine*, Wilhelm Zielys „Olivier und Artus“ und „Valentin und Orsus“
und das Berner Cleomadus-Fragment mit ihren französischen Quellen ver-
glichen. Phil. Diss. Zürich 1889. J. Kohler, Der Ursprung der Melusinensage
(Leipzig ı895) nennt das Volksbuch nicht.
37 Tischreden 2992f.
8 W.Wodick, Jacob Ayrers Dramen in ihren Verhältnis zur einheimischen
Literatur und zum Schauspiel der englischen Komödianten. Phil. Diss. Bres-
lau ıgı2, $. 20,
39 G. R. Widmann, Fausts Leben. Hg. von A.v. Keller. Bibliothek des lit. Ver-
eins Nr. 146, S. 630.
40 Hg. von Tistmann, Deutsche Dichter des ı7. Jahrhunderts IV. 1870, S. 175.
72 Stil und Begriffswelt
sen, wozu auch ganz besonders die unaufgelösten Verzauberungen
am Schlusse gehören, worin sich alles wie im nächtlichen unter-
irdischen Strom verliert.‘“#1 Schwind nimmt die Melusine zum
Vorwurf für eines seiner märchenhaften Gemälde, Uhland denkt
„bei jedem Bronnen an die Melusina“ #2, um 1820 findet man das
Volksbuch „in jeder Buchbinderbude, auf Wochen- und Jahr-
märkten neben den schönen neuen Liedern‘‘.43
Die Haymonskinder # finden erst verhältnismäßig spät die Form,
die ihnen den Weg zu den breiten Massen öffnet. Der Ver-
such Jheronimus Rodlers, eine Übersetzung des französischen
Romans in Deutschland einzuführen, scheitert an dem kostspie-
hgen Aufwand, mit dem Rodler das Werk ausstattet (1535); erst
die bescheidenere Ausgabe, die Paul von der Aelst, Buchhändler
in Deventer, auf Grund des niederländischen Romans bearbeitet,
wird volkstümlich (1604). Das Buch, das in Italien, Frankreich,
Spanien, den Niederlanden, auch England weit verbreitet ist, ge-
winnt nun auch ın Deutschland rasch Freunde; am stärksten von
allen Werken seiner Gattung trägt es den männlichen Charakter
des Kriegsbuches; die starke, herbe Kraft, die es ausströmt, mag
ıhm viele Leser gewonnen haben. Görres vergleicht es einem
Eichbaume und findet Parallelen zur Ilias, die indes dem Ver-
fasser wie dem Übersetzer kaum vorgeschwebt haben werden #5;
dennoch ist der Vergleich lehrreich und gut. So erhalten auch
die vielen Wiederholungen in Kampf- und Abenteuerszenen, die
dem Werke vor anderen eigentümlich sind, so auch seine weit-
gespannte Breite ihre Bedeutung als Kennzeichen einer volkstüm-
lich-epischen Stilkunst, die dem Leserkreise durchaus selbstver-
ständlich ist: mögen sie auf uns auch den Eindruck d’une mor-
telle etendue*8 machen, das eigentliche Publikum des Volksbuches
4 A..W.Schlegels Vorlesungen über Schöne Literatur und Kunst III (1803/04).
Deutsche Literaturdenkmale des ı8. und ı9. Jahrhunderts. Nr. ı9 (1884),
S. 146f. Schiegel sah in der Melusine eine nicht recht durchgeführte Natur-
allegorie.
#2 Werke, hg. von L. Fränkel I, 478.
4 G. Klemm, Vor fünfzig Jahren. Kulturgeschichtliche Briefe II (1865), 284.
#4 Das Deutsche Volssbuch von den Heymonskindern. Hg. von F. Pfaff,
Freiburg ı887.
45 Görres, Volkshücher, $. ggff.
# Ch. Nisard, Histoire des Livres Populaires ou de la litterature du colpor-
tage?, II. Paris 1364, $. 449.
Stil und Begriffswelt 73
findet in ihnen die vertraute Spannung, die es verlangt. Indessen
kann sich die Verbreitung, die die Haymonskinder in Deutschland
erfahren, mit seiner Beliebtheit in Frankreich nicht messen *?.
In demselben Jahre, in dem Rodler seine Übersetzung der
französischen Haymonskinder ausgehen läßt, erscheint auch Veit
Warbecks Magelone#®, von einem Empfehlungsschreiben Spalatins
begleitet: vielleicht trägt auch dieser Umstand zu dem Mißlingen
des Rodlerschen Planes bei. Uns erscheint dieses Werk als der
Gipfel der volkstümlichen Ritterromane, ein lyrisches, zarteres
Gegenstück zu den männlichen Haymonskindern, vermeidet es
dessen grelle Effekte, nie steht bei ihm die Wundersucht so im
Vordergrunde wie bei der Melusine, und die Abenteuer, die freilich
nicht fehlen dürfen 9, sind nicht so breit und beherrschend aus-
geführt wie im Fortunat. Mehr noch: seine Sprache fließt an-
mutig und leicht dahin, man spürt den an Luthers Bibel geschul-
ten Meisterübersetzer, und als einziges von allen Werken seiner
Art findet es bei der Darstellung der Liebe Peters zur Magelone
wahr ermyfundene, warme Töne, die auch zu unseren Herzen spre-
chen 50%. So will es fast wunderbar erscheinen, daß auch dieses
Buch in der Form, die ihm Warbeck gibt, in breitesten Schichten
beliebt wird: schon 1539 dramatisiert ein Leipziger Student den
Stoff, Hans Sachs behandelt ihn in drei verschiedenen Werken,
Valentin Schumann bearbeitet ihn für seine Schwanksammlungen:
daß er auch in diese Aufnahme findet, wie bezeichnend ist der
Umstand für seine Beliebtheit, die in Deutschland kaum geringer
ıst als in Frankreich51. Als Tieck 1796 das seer lustig und lieb-
lich büchlein, wie Spalatin es in seiner Vorrede nennt, erneuert,
liegt ihm einer der billigen Jahrmarktsdrucke vor: so ist das zarte,
47 ebda. S. 448: les Quatre fils Aymon, le plus populaire des romans de Huon.
# Die schöne Magelone, aus dem Französischen übersetzt von Veit War-
beck. Hg. von J. Bolte, Bibliothek älterer Übersetzungen I.
49 F. Bobertag (Geschichte des Romans I, 74) meint freilich, die Liebes-
geschichte sei von Abenteuern frei.
50 A. W. Schlegel (Vorlesungen über Schöne Literatur und Kunst III, 148)
sagt über die Magelone: „So ist bey der strengen sittlichen Bedeutung nir-
gend etwas Herbes oder Hartes, und das Heilige wird dem Gemüt durch
süße Zärtlichkeit gleichsam angeschmeichelt.“
51 Der erste frz. Druck datiert von 1490, die erste Redaktion wohl von 1450:
Nisard, Histoire des livres populaires II 4ııff.
7 [A Stil und Begriffswelt
poetische Gebilde die Jahrhunderte über vom Volke gelıütet und
bewahrt worden. |
Es ist für die Stellungnahme des Publikums von bezeichnender
Bedeutung, daß das deutsche Alexanderbuch an Beliebtheit ver-
liert, als die Masse der mittelalterlichen Ritterromane auf den Plan
tritt. Alexander wird neben jenen doch nicht als ebenbürtiger
Held empfunden, und nur die Fülle seiner Erlebnisse und: Aben-
teuer sichert ihm einen bescheidenen Platz in der großen Gattung.
Auf Leos Historia de preliis fußend, erscheint das buch der
geschicht des grossen Alexanders52 ı472 als Fürstenspiegel; Jo-
hann Hartlieb hatte es um die Mitte des Jahrhunderts auf Wunsch
Albrechts von Bayern und dessen Gemahlin Anna von Braun-
schweig übertragen. In den ersten einundzwanzig Jahren seines
Bestehens in Buchform erlebt es zehn Auflagen: nur wenig andere
der frühen Romane können mit ihm wetteifern.. Aber dann ver-
ringert sich die Nachfrage: bis ı5ı4 erscheinen nur fünf weitere
Ausgaben, die dann bis 1670 nur noch um fünf vermehrt wer-
den, dann bricht die Überlieferung gänzlich ab. So erlebt der
Stoff in dieser Zeit ein ähnliches Schicksal wie schon drei-
hundert Jahre zuvor: der Typus des höfischen Recken drängt
den antiken Helden zurück.
Der Leser verlangt bei all seiner Vorliebe für Abenteuer und
Wundergeschichten doch Menschen, die ihm und seiner Zeit
nahestehen: nur dadurch, daß Faust ganz und gar Kind: seines
Jahrhunderts ist, erringt er so leicht und mühelos seine beispiel-
lose Verbreitung, hinter der nun selbst der Eulenspiegel zurück-
treten muß. Ein anderes kommt hinzu: seit den Tagen des Erz-
zauberers, der als historische Persönlichkeit vielleicht ein Char-
latan, sicher ein Genie gewesen ist, knüpft die volkstümliche
Überlieferung an ihn an und arbeitet dem Buche vor. Es ist
nicht unmöglich, daß schon vor der Spießschen Ausgabe von
ı587 ein Faustbuch besteht: um 1530 findet sich in einem
Metzer Bücherverzeichnis ung livre de maistre Foust aufgeführt 53,
aber weitere Verbreitung hat dieses Werk, wenn es je bestanden,
62 S, Hirsch, Das Alexanderbuch Johann Hartliebs. Palästra 82 (Berlin 1909),
dazu neuerdings Poppen im Münchener Museum, sowie Drescher im Eupho-
rion 26.
58 L. Ehlen, Ein Faustbuch von etwa ı530. Euphorion XVI (1909), ı ff.
Stil und Begriffswelt 7 >
nicht erfahren5*; wird doch in der Zimmernschen Chronik der
Wunsch geäußert, daß darvon auch ain besonderer tractat ge-
macht werden möge55. Als das Buch dann zur Herbstmesse 1587
erscheint, erlebt es so viele und rasche Nachdrucke und Über-
arbeitungen wie keines vor ihm5°; schon im Jahr darauf (am
ı. VI. 1588) wählt sich ein Nürnberger Meistersinger, Friedrich
Beer, eine seiner Historien (Nr. 4ı) zum Vorwurf für ein Mei-
sterlied57, und im April des gleichen Jahres sitzt der Tübinger
Senat zu Gericht über Verfasser und Verleger der gereimten
Überarbeitung des Volksbuches 58. Die scharfe, herbe Kritik, die
Lercheimer zehn Jahre nach dem Ersterscheinen des Faust an ihm
und seinem Verfasser übt, den er einen lecker, er sey wer er
wolle, heißt59, vermag dem Werke keinen Einhalt mehr zu tun.
Früh wie kein anderes Volksbuch erregt es Aufmerksamkeit und
Bearbeitung der Gelehrten: bereits ı621 erkennt der Tübinger
Theologe Wilhelm Schickard den Stoff als Sage; zweiund-
siebzig Jahre später verfaßt Johann Georg Neumann seine dis-
quisitio historica de Fausto praestigiatore, vulgo von Doctor
Faust, die erste wissenschaftliche Abhandlung über einen Stoff,
den seitdem das Interesse der Wissenschaftler nicht mehr ver-
lassen hat. Von dem ungemeinen Eindruck, den das Faustbuch auf
das ganze Volk macht, zeugen auch die mannigfaltigen Bearbei-
tungen, die es erfahren hat: bereits 1599 schwellt Widmann
durch gelehrte und gelehrt scheinende Zusätze das Volksbuch zum
unhandlichen Wälzer auf und sucht seinen erzieherischen Cha-
rakter durch zuweilen recht ungeschickte und unkünstlerische
54 Auch die Anklänge, die der Fortunat an Faust bietet (der doctor in der
nigromancia in dem Gespräch zwischen Andolosia und Agrippina, die Ähn-
lichkeit zwischen Zauberhut und Zaubermantel, zwischen der Fopperei des
Papsts durch Faust, des Sultans durch Fortunat), wird man kaum in diesem
Sinne auswerten dürfen.
68 vgl. C. Kiesewetter, Faust in der Geschichte und Tradition. Leipzig ı893,
S. 56.
66 vgl. K. Engel, Zusammenstellung der Faustschriften vom ı6. Jahrhundert
bs Mitte 1884. Oldenburg 1885, S. 59.
67 J. Bolte, Ein Meisterlied von Doktor Faust. Euphorion I (1894), S. 787-
68 W.Creizenach, Versuch einer Geschichte des Volksschauspiels vom Doctor
Faust. Halle 1878, S. 35. ff.
69 A. Lercheimer, Christlich Bedencken und Erinnerung von Zauberei, 3, 1597:
60 H. Düntzer, Die Sage von Dr. Johann Faust. Scheibles Kloster V (1847), S. ı.
76 Stil und Begriffswelt
Änderungen €! zu verstärken; auch die antikatholische Tendenz
möchte er mildern, so wenn er (Kap. I ı2, ı) Faust den Wunsch
äußern läßt, Mephisto möchte statt seiner Mönchskutte lieber
Landsknechtkleidung anlegen — freilich bleibt alles beim Alten.
Neumann zeigt ein feines Verständnis für die tiefere Wesensart
des eigentlichen Volksbuches, wenn er Widmann als vir obscu-
rissimi nominis bezeichnet und hinzufügt (Kap. I, $ 3): ia hic
forsan nec rudis omnino fuit, sic enim nihil scripsisset, nec eru-
ditus, secus forte molitus esset meliore.
Fünfundsiebenzig Jahre nach Widmann versucht Pfitzer
(1674), seine im erzieherischen Sinne guten Anregungen von dem
beschwerenden Ballast der Anmerkungen und Aufschwellungen
zu reinigen und so zu retten; er benutzt auch den Nachdruck der
ersten Spieß-Ausgabe von 158762 und erzielt so eine wirkliche
Verbesserung; auf ihm fußt die Fülle der späteren Volksbücher,
auf ihm auch Goethes Urfaust®63. Neben Pfitzer gewinnt auch die
Bearbeitung im Sinne der Aufklärung, die dem Faustbuch nicht
erspart bleibt, nur nebengeordnete Bedeutung: im Faustbuch des
Christlich-Meynenden (1725) 6%, das mittelbar auf Neumanns An-
regungen zurückgeht, ist die Naivität einer überlegen lächelnden
Skepsis gewichen, der Held ist nicht mehr ideal aufgefaßt; so
trägt das Buch, das im Grunde nur einen z. T. sogar wörtlichen
Auszug aus Pfitzer darstellt, doch einen ganz anderen Grund-
charakter als jenes. Aber indem es die langatmigen Disputationen
streicht und sich in der Hauptsache auf die Zauberstücke be-
schränkt, kommt es unbewußt dem Geschmack des Publikums ent-
gegen und sichert sich sein Fortleben.
Dem Faustbuch gegenüber bedeutet das Wagnerbuch nicht nur
inhaltlich, sondern auch seinem Erfolge nach einen bedeutenden
Rückschritt. Der unerhörte Siegeszug jenes Werkes läßt Autoren
und Verleger nicht zur Ruhe kommen; sie möchten denselben Er-
folg auch einer eigenen Schöpfung bereiten: da bilden sie das be-
61 J. Dumcke, Die deutschen Faustbücher. Phil. Diss. Leipzig ı89ı, S. 35.
62 ebda., S. 64ff.
68 OÖ. Pniower, Pfitzers Faustbuch als Quelle Goethes. Z. d. A. 57 (1919),
S. 248 ff.
64 Das Faustbuch des Christlich Meynenden (1725). Hg. von S. Szarnatolski.
Deutsche Literaturdenkmale des ı8. und ıg9. Jahrhunderts 39 (Straßburg ı89ı).
Stil und Begriffswelt 77
wunderte und beliebte Faustbuch bis in kleine Einzelheiten nach,
setzen einen Helden, der dem Publikum aus jenem Werke her
bekannt ist, in den Mittelpunkt der Handlung und erreichen so
eine schwächliche, unselbständige Kompilation, deren Unwert auch
der gewiß nicht wählerische Volksbuchleser fühlt und so heber
zum Vorbild, als zur Nachahmung greift. Den Gedanken, ein
solches Machwerk zu schreiben, hat bereits Widmann 5; ausge-
führt wird er erst zu Anfang des ı8. Jahrhunderts (1712), viel-
leicht ist der bekannte Thomasiusgegner Marperger der Heraus-
geber 66,
Den Erfolg, den Faust hat, kann nur noch ein anderes Volks-
buch in jenen Jahren annähernd erreichen: Ahasver. Auch er fin-
det schon den Boden vorbereitet, als er, verhältnismäßig spät,
in Buchform erscheint6?. ı505 heißt es zum ersten Male, daß
der ewige Jude gesehen worden sei — in Königinhof (Böhmen)
soll er aufgetaucht sein —; 1547 berichtet die erste newe Zei-
fung von einem jüden von Jerusalem, Ahasverus genannt, welcher
die creutzigung vnsers HErrnn Jesu Christi gesehen, und noch
am leben ist, aus Dantzig an einem guten freunde geschrieben.
Solche kurze Berichte werden häufig; noch 1601 erscheint in
Bautzen eine kurze beurtheilung und erzehlung von einem juden
mit namen Ahasverus. Ein Jahr später kommt das Volksbuch
heraus; die Gemüter sind durch die vielen Prophezeihungen von
Weltuntergang und Antichrist geängstigt und nehmen so be-
gierig die angebotene Lektüre an: neun Auflagen erscheinen im
gleichen Jahr, sechsundvierzig werden bis 1793 gezählt. Die
kurze, plastische Darstellung trägt ihren bedeutenden Anteil an
dieser Verbreitung. Bereits 1647 wird eine Dissertation über den
Stoff verfaßt: Relation oder kurtzer bericht von zweyen zeugen
des leydens vnsers geliebten heilandes Jesu Christi, deren einer
ein heyde, der ander ein jude dasselbe zur zeit da der herr ge-
kreutziget worden, angesehen vnd alle beyde noch heutigen ta-
65 in seinem Faustbuch, Erinnerung II, 5.
66 O. F. Walzel, Der Herausgeber des Wagnervolksbuches von ı712. Viertel-
jahrsschrift für Literaturgeschichte VI (1893), ı15 ff.
67 vgl. Grässe, Der Tannhäuser und Ewige Jude?, Dresden ı861, S. Boff.
6 L. Neubaur, Bibliographie der Sage vom ewigen Juden. Zentralblatt für
Bibliothekswesen X (1893), S. 249ff.
78 Stil und Begriffswelt
ges im leben seyn sollen (Amsterdam 1647); eine zweite, latei-
nische folgt 166869; andere (1685 von Joh. Paschius, 1694
usw.) schließen sich an?®. So gewinnt die im Orient ausgebildete
Legendensage in Deutschland Heimatrecht; hier wird sie zum
Volksbuch: als äußerstes Glied reiht sie sich an Fortunat, Eulen-
spiegel, Faust und Schildbürger an.
Diesen beliebtesten Werken steht nun eine ganze Reihe von Bü-
chern gegenüber, denen es nicht gelang, die Gunst des Publikums
in so hohem Maße zu erlangen und die darum nur bedingt
„Volksbücher‘‘ genannt werden können. Es ist bezeichnend, daß es
zumeist Prosaauflösungen deutscher Werke sind, die dies Ge-
schick trifft: die Stoffe sind seit Jahrhunderten im Bewußtsein
des Volkes, sie haben sich überlebt, nun verlangt es nach neuen
Geschichten. So fristet z. B. der Wigoleis ein bescheidenes Da-
sein?l; ı472 ziemlich verständnislos in Prosa aufgelöst, erscheint
er 1493 bei Schönsperger in Augsburg zum ersten Male, erlebt
aber bis ı699 nur zehn Auflagen, auch die Tatsache, daß er
1699 ins Jüdisch-Deutsche übertragen wird, darf nicht über die
Tatsache seiner geringen Beliebtheit hinwegtäuschen: Simon Hu-
ter fordert 1568 nur zwei Exemplare von ihm an (neben ı2 von
der Magelone, 25 vom Hug Schapler, ı17 vom Eulenspiegel),
und auch im Harderschen Meßmemorial vom gleichen Jahr spielt
er eine bescheidene Rolle. Auch der Tristrant?? steht hinter den
andern Werken zurück; von 1484-1664 wird er freilich drei-
zehnmal aufgelegt (also häufiger als der Wigoleis, aber doch viel
seltener als andere Volksbücher), aber die Nachfrage nach ihm
ist doch gering: zwar verkauft ihn Feyerabend auf den Messen
69 S. Miemann und M, Dröscher, Dissertatio theologica de duobus testibus vivis
passionis dominicae. Jena 1668.
%0 vgl. G. Paris, Juif Errant. Legendes de moyen age. Paris 1903, $. 147ff.;
L. Neubaur, Zur Geschichte und Bibliographie des Volksbuchs von Ahasverus.
Zeitschrift für Bücherfreunde. N. F. V (1913), 2ı1ff.
71 vgl. O. Weidenmüller, Das Volksbuch von Wigoleis vom Rade. Phil. Diss.
Göttingen ıg910, S. 24; F. Bobertag, Geschichte des Romans I, 59f.; F. Schnei-
der, Die höfische Epik im frühneuhochdeutschen Prosaroman: Phil. Diss.
Greifswald ı915, S. 4.
72 F. Lichtenstein, Zur Kritik des Prosaromans Tristrant und Isalde. Breslau,
Habil.-Schrift 1877, S. 4ff.; W. Golther, Tristan und Isolde in den Dichtungen
des Mittelalters und der neuen Zeit. Leipzig 1907, S. 244.
Stil und Begriffswelt 79
des Jahres 1568 noch häufiger als die Magelone, aber Huter be-
stellt ihn im gleichen Jahre nur in drei Exemplaren, und Harder
macht ein Jahr später mit ihm nur ein dürftiges Geschäft. Am
wenigsten beliebt ist der Herzog Ernst; sein rhetorisch-gelehrtes
Gewand, das den Ursprung aus dem Lateinischen nicht verleugnen
kann, seine breiten frommen Reden, nicht zuletzt seine kostbare
Ausstattung machen ihm eine größere Verbreitung unmöglich.
So steht er in Katalogen und Memorialen jener Zeit fast regel-
mäßig an letzter Stelle?3, oder er fehlt ganz’®. Erst nach seiner
Umarbeitung am Ende des ı6. Jahrhunderts gewinnt er an Ver-
breitung.
Das Barbarossabüchlein 75 teilt sein Schicksal: kurz zwar und
von anspruchsloser Form, fehlt ihm das unterhaltende Moment
der Spannung und Abenteuerlichkeiten: ein fast wissenschaftlich-
trockener Bericht, in dem sich vier verschiedene Sagen ohne tie-
feren inneren Zusammenhang vereinigen, mehr ist es nicht. 1519
erscheint es zum ersten Male?6 und erlebt bis 1543 sechs Auf-
lagen, die letzte sogar in Folioformat, dann verschwindet es lang-
sam vom Büchermarkt: weder bei Feyerabend noch bei Harder
spielt es eine nennenswerte Rolle, und auch die Tatsache, daß Hu-
ter es in 20 Exemplaren bestellt, kann das Bild nicht wesentlich
ändern. Doch fristet es sein Leben immerhin solange; schmerz-
lich bedauern wir, daß sich kein geschickter Autor, kein ge-
wandter Verleger findet, der dem heimischen Stoff die Form gibt,
78 So bei Harder 1569 mit acht Exemplaren (gegen ı96 von Fortunatus) und
in Gülfferichs Lager ı568 mit 84 Exemplaren (gegen ı257 von Olvier und
Artus).
7* So ı600 im Lager des Leipziger Buchhändlers Andreas Hoffmann; vgl.
zum „Herzog Ernst“ K,. Sonneborn, Die Gestaltung der Sage vom Herzog
Ernst. Phil. Diss. Göttingen 1914, $. 36ff.
75% Veröffentlicht von Pfeiffer, ZDA. V (1845), 250ffl. Die Ausgaben vgl.
bei Goedeke, Grundriß I, 343. Uhland gab in seinem Kolleg (Schriften I, 1865,
$. 499 ff.) nur eine Inhaltsangabe des Volksbuches. Eine Erneuerung, ver-
mehrt um andere Barbarossasagen, gibt neuerdings Erna Barnick in der
„Deutschen Volkheit‘ (Jena 1925).
76 Ein warhafftige history von dem Kayser Friderich der erst seines namens,
mit einem langen rotten bart, den die Walhen nenten Barbarossa, derselb
gewan Jerusalem, vnd durch den babst Alexander den dritten verkuntschafft
ward dem Soldanischen künig, der in gefencklich hielt etlich zeyt, und wie
der bundtschuh auf ist khomen in Baiern. Landshut, Weyßenburger 1519, 4.
80 Stil und Begriffswelt
in der es einzig geschickt ist, die Jahrhunderte zu überdauern.
Sein rechter Platz wäre bei Eulenspiegel und Faust.
Wilhelm von Österreich, fast bis ans Ende wortgetreu fest-
haltend an der weitschweifigen höfischen Vorlage, bringt es zu
zwei Drucken ??, Philoconio und Eugenia (1515)8 und Neithard
Fuchs”? zu ebenso vielen, Florio und Biancheffora, an Bokkaz’ Fili-
kopo getreu angelehnt und von einem Unbekannten, vielleicht
einem Juristen, nicht eben kenntnisreich übersetzt8, erlebt eine
Auflage mehr: kaum noch verdienen diese Werke den Titel von
Volksbüchern. Den beiden letzten mag ihr ausländischer Name
vornehmlich geschadet haben, das erste trägt zu stark den from-
men, erzieherischen Charakter der Legende. Dem Empfinden des
Volkes sind sie alle drei fern geblieben.
So scheidet das Publikum selbst nicht zwischen Volksroman und
volkstümlichem Romane; Vertreter beider Gattungen werden hoch-
berühmt und ringen miteinander um die Vorherrschaft beim
Leserkreis, und Vertreter beider Gattungen auch bleiben unbeachtet
und wenig beliebt. Diese Tatsache legt die Vermutung nahe, daß
einige Momente in beiden großen Kreisen vorhanden sein müssen,
gemeinsame Eigenschaften, die den Volksbuchcharakter erzeugen;
da das Entscheidende beim Volksbuch aber, wie die beiden ersten
Abschnitte zeigten, nicht in der Stoffwahl, sondern in der Form
liegt, werden diese gemeinsamen Merkmale vornehmlich formaler
Natur sein. Andrerseits wachsen die Volksbücher aus ihrer Zeit
heraus: so werden sie in Anschauung und Gepräge Kinder der
Zeit sein, die sie gebar, und wiederum muß dieses ein Gemein-
sames für alle Volksbücher bilden. Indem sich so ein ein-
heitlicher Hintergrund zusammenfügt, werden die charakteristi-
schen Unterscheidungsmerkmale um so deutlicher und stärker
hervorgehoben.
Es ist die Zeit des derben Lebensgenusses; man liebt stark
77 vgl. Liepe, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken, $. 56; H. Suchier, Wolframs
Willehalm als Volksbuch. Germania ı7, 355ff.
78 H. Ullmann, Das Volksbuch von Phyloconio und Eugenia. Euphorion XIV
(1907), S. 68gff.
79 Die eine Ausgabe erschien vor 1500 0. O. u. J., die andere 1566 bei Fuchs
in Frankfurt aM.
80 vgl. H. Herzog, Die beiden Sagenkreise von Flore und Blanscheflur. Ger-
mania 29, 2ı6ff.; Bobertag, Geschichte des Romans I], 61.
Stil und Begriffswelt &ı
gewürzte Speisen, und die gesteigerte Trinklust erzeugt den Sport
des Vollsaufens; in Nürnberg wird von Amts wegen ein Wagen
gehalten, der die Betrunkenen von der Straße aufliest und heim-
bringt®l, und an die Stelle höfischer Anstaltslehren tritt die Fülle
‚der Tischzuchten 82; nicht mehr die Dame, sondern die tüchtige
Hausfrau wird zum Frauenideal®®. In Jörg Wickrams Werken
läßt sich von Roman zu Roman beobachten, wie die Vorliebe für
gutes Essen und Trinken sich steigert8*; immer wieder verweilt
auch das Volksbuch mit behaglicher Breite bei solchen Schilde-
rungen. So werden in der Melusine die Tafelfreuden der Hochzeit
eingehend und liebevoll geschildert: da gibt es u. a. köstliche
Weine, mit denen man ohne einige sparsamkeit so vertraulich um-
ginge, als ob es bloses bier wäre, auch die knechte und bediente
sogar hatten nichts anders, als solche weine zu trinken, darinnen
sie sich vergnüglich abweyden kunten. In den Haymonskindern
wird berichtet, daß die Stadt Muntabant für 600 Bürger und 500
Handwerksleute 50 Wirtshäuser unterhielt; sehr ausführlich be-
schreibt das Herzog-Ernst-Buch, wie herzog Ernst in eine stadt
kam, und niemand darinnen war, da trugen sie aus des koenigs
hof speis in ihr schiff, dass sie ein halb jahr genug hatten; ein
Holzschnitt erläutert die Szene85. Faust bewirtet den Grafen von
Anhalt mit einer endlos langen Speisefolge: 67 Getränke und
Gänge nennt der Bearbeiter, die er mühsam aus Wörterbüchern
zusammengelesen hat (Hist. 44). Und wenn der Teufelskünstler
Weın hervorzaubert, tut er’s nicht unter vier verschiedenen Sorten.
Andolosia, Fortunats Sohn, sendet nach Candia um ein schiff mitt
malmasier und muscatel, das schanckt er auff die hochtzeit, der
ward getrunken, als ob es haldenwein von Kelhaym gewesen wär,
wann sein was genug vnd da was gar kain mangel so lang und
lenger dann die hochtzeit. Eine noch größere Rolle als Speise und
Trank spielt das Geld im Volksbuch. Ist es doch die Zeit, da Ehen
91 F,v. Bezold, Geschichte der deutschen Reformation. Berlin ı890, S. 37 ff.
82 G. Steinhausen, Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter. Wissen-
nn und Bildung Nr. 88 (1922), $. 122.
8 ebda.
%4 G. Fauth, Jörg Wickrams Romane. Straßburg 1916. Binse.schritten zur
els. Geistes- und Kulturgeschichte, II S. 122.
85 K.Sonneborn, Die Gestaltung der Sage vom Herzog Erna in der altdeutschen
Literatur. Phil. Diss. Göttingen 1914, S. 45. |
Mackensen, Die deutschen Volksblüicher 6
82 Stil und Begriffswelt
fast nur nach materiellen Gesichtspunkten geschlossen werden 86,
da Gelderwerb und Reichtum oberste Ziele weitester Volksmassen
sind. So gilt es als besonders ruhm- und ehrenvoll für den
Helden, Geld zu besitzen oder auszugeben; rühmend wird von
Haymon hervorgehoben, daß er lang gegen die heyden gestritten,
auff seinen eignen beutel; im Barbarossabüchlein erhalten die
Franziskaner nach der ‚Einnahme von Jerusalem tausend Gulden
vom Kaiser; ein Vater im Lalebuch kauft seinem Sohne für die
Schule ein par schuh, darumb er achtzehn batzen gegeben.
Faust erhält als Rente vom Teufel fünfundzwanzig Kronen, und
der Graf von Anhalt verehrt ihm etlich hundert thaler für seine
Kunststücke; in seinem Testament gibt der Zauberer alle Ver-
mächtnisse in Geldwert an. Im ungedruckten Buch vom heiligen
Karl wird der König gebeten, von Blanscheflurs Ermordung ab-
zustehen, der im tussint marck goldes het geben, das er sy me het
gehan, er hätt es nit geihan. Im Fortunat findet diese Geldfreude
und Geldsucht ihren Gipfel; schon A. W. Schlegel bemerkte diesen
Grundzug des Buches: „Das Wunschhütlein ist in der Tat nur
ein anderer Ausdruck von der schnellen Macht des Geldes, alle
Wünsche zu realisieren, und die Hörner mögen wohl die Meinung
der Welt bedeuten, welche in ihrer Wandelbarkeit von denselben
Mächten abhängig ist.‘ 8” Nach der Trauung mit Cassandra rüstet
der Held seinen alten Diener aus und. gab ym bar tausent ducaten,
das er die soldt der gräfin in iren schoss schütten, unnd ir sagen:
ir tochtermann der schancke ir die, das sy fröhlich auff die
hochzeit käm. Zum Sultan spricht er, wa es ym nit ain miß-
fallen wäre, woltie er yedem mamelucken zehen dules geben,
das sind guldin pfennig, ist ainer als gut als dreü orti von ainem
reinischen guldin. Für Turniere setzt er, der materiellen Sitte
seiner Zeit folgend, Geldpreise von unerhörter Höhe aus (600,
100, 200 Dukaten), auch der Siegfried des späten Volksbuches
erhält ein köstliches kleinod von sehr grossen werth als Turnier-
preis. Krieg ist, so haißt es im Fortunat, zu mißraten, denn er
bringt große Kosten.
Daß dieser stark hervortretende materielle Geist kein Ausfluß
8 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur, II? (1913), S. 83.
87 4. W. Schlegels Vorlesungen über Schöne Literatur und Kunst, III, S. ı5ı
(Deutsche Literaturdenkmale des ı8. und ıg. Jahrhunderts, Nr. 19).
Stil und Begriffswelt 83
gesteigerten Wohlstandes, sondern lediglich Begleiterscheinung
einer allgemeinen Sucht zu glänzen ist88, zeigt die Vorliebe der
Volksbücher für Kleinode und ihre Beschreibung. Im Brandan-
gedicht heißt es (v. A5gff.):
der insulen grunt der was guldin.
daz da griez solde sin,
daz wären edele steine.
clär unde reine
wären die und nicht tunkel,
die Prosaauflösung erzählt dasselbe mit folgenden Worten: und
was der grund eitel gulden und edelgestains, carfunkel saphir
jochant schmarag adamast amadist und ander edelgestain: der
Sınn für die Schönheit des Bildes ist verloren gegangen, Prunk-
sucht ist an seine Stelle getreten. Peter mit den silbernen
Schlüsseln gibt der Amme Magelones der drey ringe einen, die
jme sein mutter in seinem hinwegziehen mit geben hett, die eins
grossen gelts wert geachtet waren; im Alexanderbuch werden die
glänzenden Kleinode ausführlich beschrieben. Herzog Ernst läßt
in Rom seine wunderliche leute alle tag auf der gassen herum-
führen, damit sie jedermann mit allem fleiss möchte besehen,
und obwohl er in Nürnberg nicht erkannt sein möchte, umgibt
er sich doch mit seinen Wunderleuten. Gern werden auch Kleider
und Aufzüge beschrieben: so findet in der Melusine das Trauer-
habit seine liebevolle Schilderung, so erzählt das Buch von den
Haymonskindern breit den Pomp der Krönung. Im Lalebuch
selbst wird gern von gold, silber, edelgesteyn, unnd andern köst-
lichen sachen und kleynotien geschwärmt.
Mit diesem materiellen Geist steht anscheinend eine unersätt-
liche Wundersucht in Widerspruch; aber bei genauerem Zusehen
zeigt es sich, daß auch sie nur dem unersättlich frohen Sinn
der Zeit entspringt, der ins Übersinnliche greift, wo das Sinn-
liche ihm nicht mehr Genüge tut. Daß Menschen mehr können,
als menschlicher Kraft gegeben ist, daß ihnen Mittel und Wege
offen stehen, alle Schätze Himmels und der Erden zu erreichen:
wie bezeichnend ist es, daß dieser Zauberglaube gerade in dieser
Zeit seine eigentliche Ausbildung erfährt! So wächst bei Katho-
88 G. Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes, II. Berlin ı89ı, S. 3.
6*
81 Stil und Begriffswelt
lıiken wie Protestanten eine Wunder- und Schauerliteratur empor,
und der Hexenwahn treibt seine wunderlichen Blüten 89.
Im Herpin (1514) begegnet zum ersten Male in deutscher Lite-
ratur Geisterspuk: der Geist des Ritters, den Herpin befreite, be-
gleitet ständig dessen Sohn. Die andern Werke begnügen sich
mit bloßen Wundern: als die Räte König Johanns beschließen,
das Haymonskind Rengnold zu verraten, färbt sich die weiße
Stube schwarz, bei der Krönung Ludwigs im selben Buche (Aus-
gabe von 1604) bringen Tauben Öl und Kerzen. Kämpfe mit
Riesen, Zwergen, Drachen, wilden Männern und Weibern werden
beliebt, vornehmlich ist der Wigoleis ihrer voll, und das Wunder-
bare, Außergewöhnliche wird gern vom Verfasser hervorgehoben:
da werdet ihr nun wunder hören, wie er sich dazu angelassen
hat, heißt es im Siegfried des öftern. Reisen geben oft den er-
wünschten Anlaß, Wunderdinge zu berichten; Fortunat reist durch
Persien, Indien, das Pfefferland Lumbeck, zum Sinai, nach Palä-
stina und Nordafrika, und sein Sohn Andolosia unternimmt gleich
ihm weite Fahrten; Fortunats Wunschhütlein, Fausts Zauber-
mantel werden so zum Symbol der Zeit. Den Gipfel bildet hier
der Faust (wie der Fortunat den Gipfel der materiellgerichteten
Erzählung darstellte); in seinen drei Teilen umfaßt er alles,
worum die Gedanken der wundersüchtigten Menge kreisen : Fragen
des Himmels und der Hölle, Reisen weit über die Erde und —
diesem Teile verdankt er vorzüglich seine Beliebtheit — die bunten
Zauberanekdoten, in denen er dartut, was der Mensch vollbringen
kann, dem die Geisterwelt vertraut ist.
Diesen Gemeinsamkeiten innerlicher Formgebung steht eine
weit größere und wichtigere Reihe von äußeren Übereinstimmungen
gegenüber, die ın ihrer Gesamtheit den Volksbüchern die cha-
rakteristische Note verleihen. Das Moment der Kürze steht bei
ihnen allem obenan; wir sahen, wieviel beim Erfolge des ein-
zelnen Werkes davon abhängt, ob es handlich und nicht er-
müdend ist, wie viele Werke, denen diese Vorzüge abgingen,
nicht den Weg ins Volk finden oder sich nicht lange in seiner
Gunst halten. Die älteren Werke sind hier noch nicht auf der
Höhe; im Herpin z. B. kürzt die Übersetzerin erst am Ende
größere Partien, als sie den Wunsch hat, ihre Arbeit ab-
8 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur, II?2, S. 198, 237.
Stil und Begriffswelt 85
zuschließen 90, erst spätere Ne der Verleger greift.
hier energischer ein?l.
Das Bestreben, kurz zu sein, tut sich in mancherlei Wen-
dungen kund: was soll ich nun mer sagen! heißt es im Siegfried
oder in der Melusine: allein wir lassen solches alles um kürze
willen beyseit, und an anderer ‚Stelle: was für eine innerliche
freud-erregniss nun in diesen vätter-- und mütterlichen beyden
herzen zweiffels frey entstanden sey, scheinet besser zu gedenken,
weder es mit der feder kan oder mag beschrieben werden. Das
Stilmittel der Aposiopese ist auch im Alexanderbuch häufig,
das ist unsäglich, heißt es hier, und der Verfasser des Siegfrieds-
‚buches versichert: wir seyn geflissen, diese historie auf das aller-
kürtzeste zu beschreiben; ständig entschuldigt er sich, daß er
genauere Schilderungen der kürtze wegen unterläßt. Der Be-
arbeiter des Lalebuches findet manches unnötig (als ich erachte)
mit lengeren worten ausszuführen oder tut Erwähnung von sehr
hohen und wichtigen sachen, welche hie zu erzellen viel zulang,
darumb ich sie dann für vber gehn vnd nur etliche eynführen
wil. Einige weitere Beispiele mögen angereiht sein: im Herzog
Ernst: davone ich von kürze und ettlicher unglauben hie nicht
schreiben will; doch von kürz wegen hie nicht gesetzt noch
beschriben ist; doch wolln wir das verlengrung wegen — un-
derwegen lassen; im Fortunat: wie es yn ergieng, da wär lang
von zuschreyben; was wunder, abentür vnd sitten in den landen
ist, wär ain sonder vnd gross buch von zuschreiben. Wellicher
aber das geren wissen welle, der less das buch Johannem de
Montevilla unnd andere mer bücher deren, die solch land durch-
tzogen sind9?: wär lang zuschreyben, was er an yedes künigs
hoff volbracht mit stechen, mit aller hoflichhayt vnnd yn sonder-
hait milt grosser kostlichait, so er verbrachtie mitt hoff
halttenn; in der Magelone: jedoch auff das kurtzesth dauon zu
reden; vnd das jchs kurtzs mache, alle ritter, die noch vor-
% Liepe, Elisabeth, S. ı17fl.
9 Liepe ebda., S. 80 sieht die Kürzungen als Ausfluß der Druckerfaulheit und
verlegerischen Geschäftstüchtigkeit; der Wunsch des Leserkreises ist aber
doch wohl der maßgebendste Faktor. |
%2 Ähnliche Verweise auf andere Bücher finden sich im Siegfriedbuch des
öfteren.
86 Stil und Begriffswelt
handen waren, stieße der ritter mit den schlüsseln herab — fast
jede Seite bringt solche Belege.
Interessant ist es, bei Werken, die auf einer Vorlage fußen,
zu beobachten, in welchem Sinne sie kürzen. Das Buch von
Phyloconio und Eugenia streicht gelehrte Anspielungen, blumen-
reiche Wendungen, Erörterungen, die für den italienischen Leser
bestimmt sind?3; im Herzog Ernst wird das philosophische Ge-
bet der Vorlage zum großen Teil fortgelassen; der Wigoleis
unterdrückt ı31ı oft seitenlange Stellen des Gredichtes, meist
Reden oder ritterliche Schilderungen. Der Tristrantbearbeiter
übergeht das Begräbnis der Mutter, das Eilhard in sechzehn Versen
(v. 103— 119) schildert; die Rüstung Tristants durch Marke, deren
Beschreibung bei Eilhard einunddreißig Verse füllt (v. 743 bis
774), wird hier nur kurz abgetan: als nun der gesetzt tag kam,
hiess Künig Marche für in bringen daz aller besst harnasch,
so er het, wapnet seynen öhem selbst darein mit fleiss, und gab
im ein schwert, wahin daz mit krafft ward geschlagen, mocht
kein stahel vor im besten. Die erbauliche Rede Markes ba Tri-
strants Abschied (Eilhard v. 781-789) ist wieder gestrichen.
Bezeichnend sind die Kürzungen des Brandan: die Einleitung
fällt ganz fort, Gebete werden stark beschnitten; die Worte Sand
Brandon bat unsern herren, das er in wolt in seiner huet haben,
so wolt er gern sein gebot volbringen müssen sieben Verse er-
setzen (v.78—-84); das Gebet nach dem Tischabenteuer, das
siebenundzwanzig Verse (v.200—226) füllt, wird mit einem
Sätzchen abgetan: da baten sie unsern herren, das er in etwenn
zw land hülf; die Messe, die am Ende der Welt gelesen wird, er-
wähnt das Prosabüchlein nur kurz: do empfiengen sy in mit
grosser wirdigkeit und sungen ein herlich mess mit grosser an-
dacht und empfiengen all das heilig sacrament, während das Ge-
dicht die Szene breit ausmalt (v. 1586—-ı611). Erbauliche Ge-
% Ullmann, Das Volksbuch von Phyloconia und Eugenia. Euphorion XIV
(1907), 68gff.
% Die Fälle, in denen das Volksbuch stofflich breiter ist als die Vorlage,
sind selten: so malt das Alexanderbuch die Andeutungen hie und da aus.
Die Disputationen Fausts mit Mephisto gehören zum Stoff, und die langen
Erörterungen des Lalebuches, daß weder die männer ohne die weyber, noch hergegen
die weyber ohne die männer, können haushalten, bringt eine nur zu beliebte pikante
Nuance in die Erzählung,
Stil und Begriffswelt 87
schichten werden kurzer Hand fortgelassen: so die Lebens-
geschichte des Klausners auf dem Stein (v. 383—408), und des
Johannes (v. 1647-1682); pointelose Berichte, die kein größe-
res Erlebnis erhalten, fehlen (v. 427-454, 807-849); als ed
zum Schluß geht, werden die letzten Wunder übergangen. Der
breit ausladenden, bildhaften Vorlage gegenüber bewahrt die
Prosa ihren wirklichkeitsfrohen, derben Sinn; den Versen (v.
Auf£f.)
er enwolde noch enmochte
des iht geloubic wesen,
wie er ez heite gelesen,
er ensehez mit den ougen sin.
daz tet im got darnach wol schin.
vor zorne brante er daz büch
und tet dem tichter einen vlüch
entspricht ein kurzer Satz: Des wolt er nit gelauben, und nam
das puch und verprant es.
Dieser Betrachtung scheint eine oft zu beobachtende Redesucht
entgegenzustehen?d. In Wirklichkeit handelte es sich jedoch bei
den vielen und langen Reden, die in den Volksbüchern gehalten
werden, um etwas ganz anders, als die Reden der Epen oder
lateinischen und französischen Vorlagen bezwecken: während sie
dort zur breiteren Ausmalung der Handlung dienen, sollen sie
hier dem Leser zeigen, wie man in eleganter und gebildeter Weise
seinad Gedanken zu Sätzen formt, wie man sich zierlich und
höfisch unterhält, wie man reden muß, wenn man dem Helden-
ideal gleichkommen will. Das ist der Hauptgrund, weshalb die
Romane als „nützlich für die Jugend“ empfunden werden; Spa-
latin weist in seiner Vorrede zur Magelone besonders auf diesen
Punkt hin und empfiehlt das Werk darum den Mädchen und
Frauen; aus dem Amadis gar wird eine Sammlung der hüb-
. schesten Reden, gleichsam als Nachschlagewerk für den prak-
tischen Gebrauch, zusammengestellt. Es ist nie der Inhalt der
Reden, der wichtig ist, sondern die Form; ständig wird diese
verändert, verbessert, dem Zeitgeschmack angepaßt. In einer der
ersten Ausgaben der Melusine (1491) klagt Reymund: ach Me-
% s, vorherg. Note,
88 Stil und Begriffswelt
lusina soll ich dich ferlieren, so wil ich doch durch dy wyste
faren vnd mich gantz. von der welte zihen vnd ein einsidel wer-
den, noch mich der welt gar nit mer onderzihen; im späten
Druck des ı8.Jahrhunderts heißt es statt dessen: Melusina,
mein .engel, mein einziges ergötzen und muihkühlung auf dieser
erden! du wolthäterin und erheberin meines glücks! mit dir, wann
ich dich verliere, so verlieret sich auch meine freude, soll ich
aber ohne dich also einsam leben, so will ich lieber seyn gar der
einöde ergeben, dann der einsiedler stand soll heissen meine
freud, bis auch mein leben sich schliesst in der einsamkeit. So
erhalten die langen Reden Sinn und Bedeutung, die sich durch
alle Volksbücher hindurchziehen; ein Muster feiner Redekunst
ist die Ansprache, die der Bote des Haymonskindes Reinold vor
Kaiser Karl hält: jetzt will ich meine Botschaft anfangen, gne-
digster herr gott geb erstlich E. M. ein .langes leben usw. Ehe
sich Herzog Ernst zu seiner Kreuzfahrt angeschickt, hält er
eine Rede: mit kurzer vorrede sprach er, behauptet der Erzähler,
aber die Länge des Sermons straft ihn Lügen. Als Peter von Arra-
gonien seine Eltern um ‚Urlaub bittet, tut er dies in zierlichen
Sätzen, seine beiden Eltern antworten ıhm im selben Stile; der
nach dem gestohlenen Wunschhütchen vom Sultan ausgesandte
Marcholando entledigt sich seines Auftrages vor Fortunat ın
ausführlicher : Ansprache; Melusine hält in der Brautnacht eine
lange Rede, und Faust und Mephisto haben miteinander viele
endlose, im Sinne der Zeit schön gedrechselte Disputationen ;
selbst der todkranke König von Zypern ermannt sich noch (in
der Melusine) zu einer ausgedehnten. Ansprache. Im Lalebuch
bieten die Ratsverhandlungen und der Empfang des Königs schöne
Gelegenheit zur Entfaltung der Redegabe. Besonders beliebt sind
Klage-, Abschieds- und Gebetssermone; Raimunds und Melusinens
Wehrufe, die Trauerrede Fortunats über den Tod seiner Cassan-
dra, die Klagen Peters, als die Ringe seiner Magelone vom Vogel
geraubt und ins Meer geworfen sind und die der Magelone, als
sie den Peter nicht findet, Fausts Weherufe vor seinem ‚Ende,
ferner Melusinens lange Abschiedsrede, Fortunats Scheideworte
an seine Söhne, schließlich das Gebet der Magelone in Rom, die
häufigen Gebete Herzog Ernsts mögen als Beispiele dienen.
Mit dieser Freude am Reden hängt die große Vorliebe für die
Stil und Begriffswelt 89
direkte Rede zusammen, die wir in allen Volksbüchern antreffen.
Roethe spricht einmal von der „dramatischen Neigung der Re-
formationszeit‘ 96; ihr begegnen wir auf Schritt und Tritt. Das
wird besonders deutlich in den häufigen Fällen, in denen ein in-
direkt begonnener Satz in direkter Form weitergeführt wird (oder
umgekehrt); so heißt es in den Haymonskindern: die frow sagt,
sy wusste nut von im, min her oder: daz der gros kopff
für Anses gstelt würde, den ich zu Reıns gwann oder: so will
er jhren alle jhre missthat — verzeihen, vnd da er sich dessen
verweigert, so wirt es jhme vbel ergehen werden, dann so will
ich mil meiner macht kommen vnnd verhergen das landt. Schon
bei Ulrich v. d. Türlin finden sich ähnliche Übergänge von in-
direkter zu direkter Rede und ebenso in der Legendendichtung’?”,
aber zum charakteristischen Stilmittel werden sie erst in der
Romanliteratur. So zeigen sie sich häufig im Wigoleis, der sonst
keine besondere Vorliebe für die direkte Rede hat?8; vornehmlich
ist es der Eulenspiegel, der eine Fülle von Beispielen bietet: sie
sprach: herr wann ir den leckerschen schalck woelt lenger be-
halten für ein knecht, so wolt sie von im lauffen (Hist. 9); dz
ym befolhen wer — bei seinem leben kein opffer nemen solte von
keiner frauwen, die ein eebrecherin wer, vnd welch solche frauwen
seind, die sollen stil ston, dann so sie mir etwas opffern wer-
den, so sie schuldig seind in dem eebruch ich nim das nit
(Hist. 31); sprach, wa har zu dem teuffel, dz sie so lang ge-
wesen weren, vnd kamen so spat in die herberg (Hist. 78); ge-
dacht Vlenspiegel wz im da zu thun wer, dahin kemen frembd
heren, die lassen mich vnbegabt nil (Hist. 63) dz dester bass
mercken möcht warauff er genaturt wer, wan ich wolt euch
gern etwz geben ee das ir schlaffen giengen (Hist. 15) usw. So
oft wie hier wechseln direkte und indirekte Rede in keinem andern
Buche, obwohl der Beispiele auch dort viele sind; so gibt der
Tristrant die direkte Rede seiner Vorlage von 1505— 1518 anfangs
indirekt wieder, um dann fortzufahren: und ist kein zweifel, wir
% G. Roethe, D. Martin Luthers Bedeutung für die deutsche Literatur. Ber-
lin ıgı18, S. 24.
97 E. Tiedemann, Passional und Legenda aurea. Palästra 87 (1909), S. gz5fl.
% O. Weadenmüller, Das Volksbuch von Wigoleiß vom Rade. Phil. Diss. Göt-
tingen ıgıo, $. 27f.
90 Stil und Begriffswelt
_ miessen all hie sterben, so heißt es z. B. im heiligen Karl: der
wirt sprach das ist unmugklich, daz das beschechen kön. Und
zuweilen zeigt sich auch in der indirekten Rede, daß dem Ver-
fasser beim Niederschreiben das gesprochene Wort im Ohre
klang, etwa im Fortunat: graff Nimian dancket seinen küngk-
lichen gnaden (die Erzählung verlangte eigentlich: dem künig)
vnd sprach, was sein künigkliche genad schaffte, woelt er thun.
Wenn in den Haymonskindern oder im Alexander ganze Seiten
dialogisiert sind, wenn im Fortunat immer wieder die direkte
Rede, oft durch Ausrufe oder kurze Bemerkungen, die Erzäh-
lung durchbricht und anschaulich macht, wenn Eulenspiegels Ge-
danken zumeist in direkter Rede wiedergegeben werden: also zoch
Vlenspiegel mit dem vffgenomnen gelt hinweg vnd gedacht,
sol tu die esel zu Erdifurt all weiss machen, das würd vil leibs
bruchen (Hist. 29), so erkennen wir in dieser Stiltechnik ein
Mittel zur Verlebendigung der Erzählung, das auch der franzö-
sische Übersetzer des Amadis wohl kennt und anwendet®?, und
dem Wickram in seinen ersten Romanen durchaus huldigt, er
sicher unter dem Einfluß der Volksbücher stehend 100.
Daß im Gegenteil auch Reden der Vorlage im Volksbuch durch
Erzählung wiedergegeben werden, tritt neben dieser Fülle der
Beobachtungen zurück, wenn auch z. B. in der Melusine101 und
im Tristrant102 solche Fälle nicht zu den Seltenheiten gehören.
Es geschieht dies nicht aus der Unlust zur direkten Rede — das
‘beweisen die auch in diesen Büchern häufigen Ansprachen und
Sermone —, sondern aus Kürzungsbestrebungen und seltener
aus Gründen der inneren Einheitlichkeit. Jedenfalls stehen diese
Fälle nicht zu den Ergebnissen unserer Beobachtung im Gegen-
satz. |
Die Freude am gesprochenen Wort, die sich in häufiger An-
wendung der direkten Rede auslöst, kommt der Gesamtdar-
%® W. Küchler, Empfindsamkeit und Erzählungskunst in Amadisroman. Zeit-
schrift für französische Sprache und Literatur. XXXV (1909), S. ı79.
100 G. Fauth, Jörg Wickrams Romane, S.75.
101 Die betreffenden Stellen führt M. Nowack in ihrer oben angeführten
Dissertation auf.
102 Z.B. Eilhard v. 190—ı99: Riwalins Ermahnungen an Tristan beim Ab-
schied; v. 226f.: Riwalins Worte an Tristan; v. 293— 297: Tristan spricht zu
Marke usw.
Stil und Begriffswelt 91
stellung zugute, indem sie sie anschaulich und lebendig macht;
bewußt indessen, wie der französische Übersetzer des Amadis,
haben die deutschen Volksbuchbearbeiter dies Stilmittel kaum
angewandt. Sie erzählen den Stoff auf dem Papier, wie sie ihn
etwa abends im Freundeskreise vortragen würden; ihre Erzäh-
lungstechnik ist die des stilistisch ungebildeten und unverbildeten
Menschen. Das zeigt sich besonders an ihrer starken Subjektivi-
tät, die sie ihrem Stoff gegenüber einnehmen, wenn sie mitten
aus der Erzählung heraus den Leser oder Hörer anreden, wenn
sie eigene Bemerkungen an die Schilderung anknüpfen oder gar
_ höchst persönlich ihre Freude oder ihre Unlust über Taten und
Geschicke ihrer Helden äußern. Wir wissen, daß ein solcher
Verkehr zwischen Verfasser und Publikum überall da statt-
findet, wo die Ausübung der Kunst noch nicht durch Kunst-
theorien gebunden und eingeengt ist103; wir begegnen ihm von
Homer ab, der etwa seinen Odysseus am Phäakenhofe seine Aben-
teuer selbst erzählen läßt, bis tief ins ı9. Jahrhundert hinein;
jedes Märchen bringt uns Beispiele. Der lehrhafte Geist, der
alle Volksbuchbearbeiter beseelt, unterstreicht diese Neigung noch
beträchtlich; so entsteht beim Leser durchaus das Gefühl, als
ob er die Geschichte höre, auch dies wieder ein Beleg für die
„dramatische Neigung‘ der Zeit.
Daß der Verfasser seine Teilnahme am Ergehen des Helden
bekundet, ist häufig, besonders auffällig vielleicht im Alexander.
Als Isolde mit den weißen Händen Tristrant die Lügenbotschaft
vom schwarzen Segel überbringt, ruft der Bearbeiter aus: ach
waffen! des grossen mordes, den die fraw do unwissenlich mit
unwarheit begieng, das ir doch hynach yemerlich leid ward; im
Siegfriedbuch heißt es: ich glaube gäntzlich, solte das fünffte
jahr auch hingeschlichen seyn, es würde mit der jungfrau. nicht
zum besten abgelaufen seyn, in den Haymonskindern; ich kan
mich nit gnuog verwundern, das er so lang uss ist, von siner bot-
schafft oder: ach gott, hettend sy gewusst, wie die sach stuond,
sy hettentz nut. Der Verfasser des Fortunats hat Mitleid mit seinem
Helden: o Andolosia, wie was das so ain ongeleicher wechssel!
und der des Lalebuches freut sich über die Tafellust seiner
Schildbürger: were ich darbey gewesen, ich heite gewisslich
108 E. Ermatinger, Das dichterische Kunstwerk. Leipzig-Berlin 1921, $. 337 ff.
92 Stil und’ Begriffswelt
auch mit geessen: und du gauch gewisslich auch, hetiest ehe zu
beyden backen eyngeschoben, damit du deiner rechnung zukämest
und dein gut geld nicht vergebens aussgebest. Solch persönliches
Hervortreten zeigt sich zuweilen in Wendungen, die auf spätere
Ereignisse der Handlung hinweisen, etwa im Fortunat, wo es von
den Wunschseckel heißt: wann so bald es ain mensch jnnen wurd,
so kämen sy darumb, das auch laider beschehen ist. Oder dem
Bearbeiter entfährt einmal ein ungeduldiges Wort, wie z. B. im
Herzog Ernst: da huob die fraw an, ich enwaiss von was haim-
licher offenbarung, als ob sie künftige ding weste1%%.
Die Gewohnheit, den Leser mitten in der Erzählung anzureden,
wird in dieser Zeit durch die Lehr- und Erziehungsfreudigkeit
gesteigert; Ausrufe wie: nun mügen ir hören, wie es Anndolosia
gangen ist (Fortunat) oder: nun wyll ich uch sagen wie das
schloss gesetzt was (Haymonskinder), geben der Schilderung einen
würdigen lehrhaften Ton, sie erhöht aber auch die Spannung
auf das nun Kommende. Wenn es in den Haymonskindern heißt:
hörend das gros glück, wie gott Rengnolden und sine bruoderen
behuot oder: nun gsächend, waz übels Rengnolden und Magis
begegnet oder: ich will uch von dem ertzbischoff Turpin sagen,
der beliben was das lager bewaren, so wird die Aufmerksamkeit
des Lesers auf das Folgende gespannt und diesem erhöhte Be-
deutung verliehen. Seltener ist die Frage an den Leser zur Er-
reichung des gleichen Zieles: wie meint jr dz es gangen sye? (Lale-
buch); sie unterbricht die Erzählung stärker als die bloße Er-
mahnung und mag darum weniger beliebt gewesen sein.
In Wendungen wie: nu hörend oder wussend das tritt das
lehrhafte Element stärker in den Vordergrund, das nun in einigen
weiteren Fällen sich deutlich zeigt: der Verfasser knüpft an die
Darstellung der Begebenheiten persönliche Bemerkungen und
Betrachtungen an, die den Sinn der Handlung erklären und den
Leser erbauen sollen. So heißt es etwa im Orendel105: nun möcht
man fragen, wie dise ding alle allso möchten geschehen sein. —
hierrauff zu antworten; dann folgt die Betrachtung. Oder ein
Beispiel aus dem Lalebuch 106: nachdem der Rathausbau erzählt
1% Ähnlich in der Magelone: ich weyB die helfften nicht zu erzelen der freuden,
so sie hetten. 105 vgl. A. E. Berger, Orendel. Bonn ı888, S. XXVII.
106 vgl. E. Jeep, Hans Friedrich von Schönberg. Wolfenbüttel 1890, S. 52.
Stil und Begriffswelt 93
ist, fährt der. Verfasser fort: welches dann noch nit so gar
ongereijmt gewesen. oh wie hab ich so vbel geförchtet, man
nemme mich auch dareyn, und gebe mir ein narrn ampt. Im
Fortunat werden die Gründe erörtert, warumb nit mer leüt auss
teütschen landen auch dahin ziehen vmb die kostlichait der
herren, auch der edlen frücht wilen, auch .des grossen reich-
tumb, so in den landen ıst oder warumb die auss India vnnd auss
andern landen nicht herauss kämen in vnsere lannd? In höchst
subjektiver Weise sucht der Tristrantbearbeiter seinen Helden
zu entschuldigen: hauwet aber Tristran über die schnure es ist
ym ye nach meinem versteen nit zu argem auff zenemen noch
nit darumb zestraffen, dann wo mir so vil gewaltes würd ge-
geben über das, das ich lieb het, ich kört auch ye allen meinen
fleiss für, dar mit ich mich des möchte gebrauchen nach allen
leiblichen begirden, und auch nicht under wegen lassen, dann
was ich nit tun möchte.
Zu dem subjektiven Gut, das Verfasser und Bearbeiter in
die Volksbücher hineingetragen haben, gehören auch die häu-
figen Übertreibungen, die Steigerung ins Maßlose, die beim
Leser das Gefühl für Schlichtheit‘ und stilles Heldentum ertöten
und eine immer stärker werdende Abstumpfung Ungeheuerlich-
keiten gegenüber erzeugen; um zu wirken, müssen immer neue
Unglaublichkeiten erfunden, immer höhere Zahlen angegeben wer-
den. In Eilhards Epos107 verlangt Moralt je das dritte Kind unter
ı5 Jahren als Tribut, im Volksbuch alle menschen die da bei
fünfzehen jahren alt waren; dort verproviantiert Riol die Haupt-
stadt von Karahes für m& danne sechs wochen, hier für mer denn
VI monat; aus zwelf wochen, acht mann, drihundert helmen
werden ein gantzes jar, hundert gewapenter man, dreu tausent;
natürlich müssen sich die Heldentaten proportional steigern. In
den Haymonskindern ist die Rede von einem Brunnen für zechen
tussend mentschen, und Malegys schein vber zwey hundert jahr
alt zu sein. Als Eulenspiegel dem Geizhalse den Hühnerstreich
spielt (Hist. 8), heißt es: und stünden also mer dann zweihun-
dert huner ye ains gegen dem andern zewürgen, vnd zugen das
luder. Die willkürlich gewählte Zahl ersetzt den Begriff „un-
107 vgl. F. Lichtenstein, Zur Kritik des Prosaromans Tristrant und Isalde,
$. 33.
94 Stil und Begriffswelt
glaublich viel‘; sie kann nicht hoch genug gegriffen werden,
um den Helden in das rechte Licht zu setzen.
Mit diesem individuellen Erzählerton steht die Formelhaftig-
keit, die sich, wie über die ganze Literatur, so auch über die
Volksbücher ım Zeitalter ihres Entstehens ausbreitet, schein-
bar in Mißklang. Aber auch nur scheinbar: wo der Ver-
fasser seine eigene Persönlichkeit in die Geschichte einschiebt,
ist es der Stoff oder der Zweck, den er müt der Darstellung:
des Stoffes verknüpft, der ihn dazu veranlaßt; der Stil ist gleich-
gültig, über ihn wird nicht viel nachgedacht, so bedient man
sich hier überlieferter und allgemein geübter Regeln und Me-
thoden, die bald starr und unbeweglich werden. Sahen wir doch
auch, wie ursprünglich subjektiv gedachte Wendungen: nu höret,
wisset u. a. formelhafte Stilbestandteile werden. Es ist die Zeit
der Herrschaft der Regel: die Namengebung wird immer dürf-
tiger, immer dieselben Vornamen werden gewählt, und der
geometrische Renaissancegarten wird Formideal10. „Was erst
eine Befreiung aus Tumbheit und Stummheit war, wurde im Ver-
lauf eines Jahrhunderts hurtiger Betrieb... Die schöne Rede, ur-
sprünglich Ausdruck des schönheitswilligen und -gläubigen Eigen-
geistes, erstarrte zur leeren Zier.‘ 109
Das Formelhafte, Typische tritt bereits bei Konrad von Würz-
burg vor den inneren Gehalt1!0: durch die ausdrucksehnsüchtige
Mystik wird die Freude an der Häufung von gleichbedeutenden
Wörtern noch gesteigert. Noch ist diese Häufung oft beabsich-
tigt; Heinrich von Nördlingen schreibt einmal in einem Briefe:
eial mein und aller liebstz, übersich mir disü wort, wan si er-
frowen mein hertz, do ich sie schraib111. Aber bald werden sie
Stilmittel, ohne das man nicht mehr auszukommen glaubt; selbst
Luther kann sich nicht von dem formalen Zwange frei machen 112.
Wie bezeichnend ist es, daß das Wörtlein „subtil” Lieblingswort
dieser Zeit wird 113.
100 F. Gundolf, Martin Opitz. München-Leipzig 1923, S. ı.
110 F, Karg, Die Wandlungen des höfischen Epos in Deutschland vom ı3. zum
14. Jahrhundert. Germanisch-Romanische Monatsschrift XI (1923), S. 323.
111 G, Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes. Berlin 1889. I ı7.
42 G, Roethe, D. Martin Luthers Bedeutung für die deutsche Literatur. Ber-
lin ıgı8, $. 22. 118 W. Uhl, Unser Kalender. S. 64.
Stil und Begriffswelt 95
So sind es die Synonymall#, die auch den Volksbüchern
ihr bezeichnendes äußeres Gewand verleihen; kaum eine Zeile
gibt es, die ohne Synonymen ist. Zumeist werden zwei gleiche
Begriffe nebeneinander gestellt, so im Tristrant: gebrüfen noch
gemercken, helffen und vertigen, geoffenbart u. erkennt, acht u.
sorgfältigkeit, tugent u. frümkeit, gelobt und gebreist; wo Eil-
hard (v. 2142) gehönet hat, setzt das Volksbuch ungehönt und
ungeschumpffiret; statt des einfachen owe der Vorlage (v.
2398) heißt es hier ach und owee. Oder in der Melusine: ver-
nünflig u. weise, geehret u. werth gehalten, lieb u. freund-
schaft, umschliessen oder einfassen; im Faust: sternseher vunnd
himmelgucker, nach gutem wohn vnd gütdünken, christlich ge-
bett u. wandel, gestalt und gesichte, affenwerk und gaukkel-
spil usw., statt dein geist auwerhan heißt es hier einmal: dein geist
und auwerhan. Häufig wird durch das zweite Wort das erste, das ein
Fremdwort ist, erklärt: approbiert oder gutgeheissen (Lalebuch),
nymphen oder jungfrauen (Melusine), celebrirt u. begangen (ebda.),
vestüngen und castellen (Haymonskinder), fontein oder springender
brunnen (ebda.), oder ein Provinzialismus wird durch ein allgemein
gültiges Wort umschrieben: reyss oder pilgramfahrt (Faust), füsse
.oder beyne (Lalebuch). Auch drei- und mehrgliedriger Parallelismus
‘ist nicht selten: gsehen, erfaren u. erlernen (Tristant), besessen,
verstockt, verblendi und gefangen (Faust), frey, queyt, ledig
v. los (Magelone); in diesem letzten und in manchen andern
mögen Rechtsformen nachklingen, so findet sich ım Tristrant
zu willen und dienst, glübt und trew, in der Melusine gelobt, ge-
114 Über die Synonymensucht der Zeit vgl. L. Mackensen, Der Zasiusübersetzer
Lauterbeck, Germanisch-Romanische Monatsschrift XI (1923), $. 30g9ff., wo
Literatur verzeichnet ist. Vgl. ferner: G. Steinhausen, Geschichte des deutschen
Briefes I 6of., 88, 58, zgff., 22ff., 109; Liepe, Elisabeth von Nassau-Saar-
brücken. S.79; J. Lefftz, Die volkstümlichen Stilelemente in Murners Satiren.
Einzelschriften zur elsässischen Geistes- und Kulturgeschichte. I. Straßburg
1916, S. 23; F. Schneider, Die höfische Epik im frühneuhochdeutschen Prosa-
roman. $. 83; E. Jeep, Hans Friedrich von Schönberg. S. 43ff.; Hirsch, Das
Alexanderbuch. S. ı20. Den Grund für diese starke formale Bindung erkennt
G. Roethe (Von deutscher Art und Kultur. Berlin ı915, S. 22f.) in der Ab-
neigung, die der Deutsche gegen alles Formale hat. Immer von neuem, das
lehrt uns die Geschichte, bedürfen wir kraftvoller formaler Anregungen.
Ähnlich auch H. Thode, Luther und die deutsche Kultur. München-Leipzig
1914, S. 80.
96 Stil und Begriffswelt
schworen u. versprochen. Endlich können auch ganze Sätze _
zueinander ın Parallele gestellt werden: ob er sein bedörfft und
yn zu eim diener haben wölte (Tristrant), solches bracht jhnen
ersi ein rechtes lob bey yeder meniglichen, und schöpffet jhnen
einen grossen namen durch die gantze welt (Lalebuch), mit weysen
reden, welche susser und lieblicher als honig, vnd bey einer mahl-
zeit schönerr als gold vnd silber stehen (ebda.); oder es werden
Satzglieder nebeneinander gestellt: in schweren gedanken und
einer heftigen alteration (Melusine). Im Lauf der Zeit werden
die Synonyma weniger häufiger — der Wigoleisdruck von ı61ı1
weist eine bedeutend geringere Zahl als der von ı5o/ auf —, um
im Zeitalter des Rokoko wieder eine erneute Blüte zu erleben:
die Jahrmarktsmelusine des ı8. Jahrhunderts hat weit mehr
Tautologien, als die Ausgabe von ı474. Daß dieses Stilmittel
wenigstens im Anfang bewußt angewandt wird, beweist eine
Stelle aus dem Tristrant 115.
Ähnlich wie den Synonymen ergeht es den Sprichwörtern: an-
fänglich zum bewußten Schmuck behutsam dem Werke einge-
fügt, werden sie sehr bald zum formalen Stilmittel, ohne das
eine Erzählung nicht mehr gedacht werden kann. Eine Prozeß-
kautel des ı5. Jahrhunderts spricht die Rücksichtnahme, die
man durch Anwendung volkstümlicher Redewendungen und.
Sprüche aufs Volk nimmt, deutlich aus: wo du kannst ein sprich-
wort anhengen, iu es, denn nach sprichwörtern pflegen die
' bauren gern zu richten. Zweihundert Jahre später erkennt Schot-
tel sie als integrierenden Bestandteil eines guten Stiles an: die
sprichwörter recht und wol beygebracht sind in der rede gleich
wie specerey im essen und gold und perlen auf einem schönen
kleide116. Im 16. Jahrhundert läßt sich das langsame Einwurzeln
der Sitte von Stufe zu Stufe verfolgen; in Wickrams Romanen
werden die Sprichwörter immer häufiger!17, Luther bedient sich
ihrer gern in Abhandlung und Brief118: in der Teufelsliteratur
115 wann die mann allwegen vil hübscher und geblümtre wort künden, dann die
frawen, und darumb was sein klag auch sovil mer und größer, dann die ir.
116 J. G. Schottel, Von der teutschen hauptsprache. Braunschweig 1663, S. 1111.
117 G, Fauth, Jörg Wickrams Romane, S., 104ft.
118 G. Roethe, D. Martin Luthers Bedeutung für die deutsche Literatur. S, 23;
G. Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes. I ıı6.
Stil und Begriffswelt 97
nehmen sie einen großen Raum ein119, So läßt sich auch in den
Volksbüchern ihre wachsende Bedeutung als Stilmittel beobachten ;
die frühen Romane enthalten weniger Sprichwörter als diespäten,
die Volksromane mehr als die volkstümlichen Romane. Gern
wird darauf hingewiesen, daß die angebrachte Wendung ein
Sprichwort ist: wann es ist ein gmeines sprichwort: yamer lernt
weinen (Tristrant), dem sprichwort nach: viel hirten übel ge-
hütet (Melusine), man spricht inn einem gmeinnen spruchwort,
es sig weger ein schaden entpfangen dann zwenn (Haymons-
kinder), als man gemainklich spricht: gleich vnd gleich gesellet
sich gern (Fortunat), es ist ein altes aber gemeines sprichwort, das
man sagt (Lalebuch). Wird das Sprichwort oder die volkstümliche
Redensart mit einem Satze verbunden oder organisch mit der Er-
zählung verbunden, so fällt dieser Hinweis fort: er ist nicht recht
weisz, der die leüt helt als er sy sicht (Orendel), sy wolten den
fuchss nit beysen (Fortunat), nach dem bart greifen (Lalebuch),
man muss dir ein wurst braten, die dir treu mal vumbs maul geht
(ebda.), er meynet der teuffel wer nit so schwartz, als man jhn
mahlet, noch die hell so heiss, wie man davon sagte (Faust);
bei Redensarten ist die Bemerkung sehr selten: nach der holiz-
schär, wie man sagt, vmbzujagen, heißt einmal im Lalebuch.
Mephisto reiht in einer höhnischen Rede einunddraißig Sprich-
wörter aneinander, die der Bearbeiter aus verschiedenen Quellen
abschreibt; auch das Rätselkapitel des Lalebuches gehört im
weiteren Sinne hierher, wie denn überhaupt Faust, Eulenspiegel
und Lalebuch eine reiche Ausbeute volkstümlichen Sprachgutes
bergen.
Die Reimprosa, die an vielen Stellen den Gang der Erzählung
unterbricht, wird für die Volksbücher gern auf die Lässigkeit
der Übertrager zurückgeführt, die Reimworte ihrer Vorlage un-
verändert übernehmen oder ängstlich bemüht sind, die Verse
der Vorlage in irgendeiner Weise anklingen zu lassen, wenn diese
in fremder Sprache abgefaßt ist120. Genauer besehen, gewinnt
119 M. Osborn, Die Teufelsliteratur des ı6. Jahrhunderts. Acta Germanica
III, 3. Berlin 1893, S. 182.
120 So W. Golther, Tristan und Isolde in den Dichtungen des Mittelalters und '
der neuen Zeit. Leipzig 1907, $. 247. Ä. Sonneborn, Die Gestaltung der Sage
vom Herzog Ernst in der altdeutschen Literatur. Phil. Diss. Göttingen 1914,
S. 348.
Mackensen, Die deutschen Volksbücher 7
BE
98 Stil und Begriffswelt
der Sachverhalt doch ein anderes Aussehen. In den Mystiker-
briefen treffen wir häufig Reimprosa an, ohne daß hier irgend-
eine Vorlage Erklärung und Entschuldigung bieten könntel?1,
bei Luther findet sie sich, in der Teufelsliteratur ist sie nicht
selten 122. So bemerken wir sie auch in den Volksbüchern, die
gar keine oder doch keine gereimte Vorlage haben, des öfteren:
im Eulenspiegel, im Faust, im Lalebuch, hier ganz besonders
häufig und oft zu ganzen Sprüchen erweitert und in Gedichtform
gedruckt. Die jüdisch-deutsche Ausgabe des Schildbürgerbuches
ist gar von einer direkten Reimwut befallen (1637). Die Leipziger
Griseldis (15. Jahrhundert) beginnt mit einem Vers:
Verne in walschen landen, alze ich laß,
ein lustlich fruchtbar lant gelegen waß.
fruchtbar warn berg unde thael,
stete, börgen, dorfere ane czael.
In den späteren Ausgaben der Volksbücher werden die Reime
häufiger; .der Jahrmarktsdruck der Melusine vom ı8. Jahr-
hundert ist ganz mit Reimen durchsetzt; gerne schließt das
Kapitel auf einen Vers: |
diss war ein rath aus weiber-list,
der nicht allzeit verwerflich ist,
folg, wann du es für klug ermisst,
und Raimund klagt gar in Reimen:
dann der einsiedler-stand soll heissen meine freud,
bis auch mein leben sich schliesst in der einsamkeit.
Man hat nun versucht, aus den im Eulenspiegel anklingenden
Versen den Schluß zu ziehen, daß einmal ein gereimter Ulen-
spiegel bestanden habe, aus dem unser Volksbuch aufgelöst sei;
mit demselben Recht könnte man das gleiche von Faust behaupten,
dem der Teufel in Versen antwortet. Wenn wir also bemerken,
daß z. B. im Orendel ein Viertel aller Reimpaare der Vorlage be-
wahrt bleiben 123, oder daß der Bearbeiter des Herzog Ernst sich
121 G, Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes. I, 18.
122 M,..Osborn, Die Teufelsliteratur des ı6. Jahrhunderts, S. 185.
123 4. E, Berger, Orendel, S. XIII£.
Stil und Begriffswelt | 99
bemüht, die antiken Verse des. lateinischen Textes schlecht und
recht wiederzugeben, so werden wir dies weniger auf eine Lässig-
keit des Verfassers als vielmehr darauf zurückzuführen, daß
man Versanklänge oder ganze Reime in der Prosa gern hörte
und also willig übernahm bzw. nachahmte, ein Verfahren, das
sich einbürgerte und schließlich formales Stilmittel wurde. Die
Volksbücher, die nach ı55o gedruckt werden, vermehren ihre
Reimwörter ständig, so wird die Prosaerzählung oft auf halbe
Seiten hinaus von Versen unterbrochen; das Lalebuch mag hier-
für als augenfälligster Beweis dienen.
Am stärksten zeigt sich die formale Bindung der Zeit, die wir
bei Synonymen, Sprichwörtern und Reimprosa beobachten, im Ge-
brauch der Fremdwörter, die wıe eine Welle Deutschland über-
schwemmen und ohne die vom ı7. Jahrhundert ab kaum ein
Satz mehr gedacht werden kann. Um ı55o ist eine beträcht-.
liche Aufnahme französischer Wörter im deutschen Sprachschatz
noch nicht zu spüren, 1571 erscheint bereits das erste Fremd-
wörterbuch von Simon Rothe, um 1580 werden die ersten Mahn-
rufe gegen die fremdgeistige und -sprachliche Bewegung laut 12.
So ist in den frühen Büchern kaum ein fremdsprachlicher Ein-
fluß zu bemerken, der Tristrant übernimmt zwar das geiemperöt
der Vorlage (v. 2298) als geiemperirt, fühlt sich aber doch ge-
nötigt, garzun (v.7127) durch ein deutsches Wort näher zu
erläutern: einen gartzen oder lauffenden botten. Im Lalebuch,
das die Kreise gelehrter Welt kaum streift, finden sich nur sehr
wenige Frremdwörter; neben dem unerläßlichen subtil zeugen
Wörter wie losament, losieren von der neuen Bewegung. Anders
im Faust; hier wird mit ausländischen Wörtern und Wendungen
geprunkt, das lateinische Sprachgut hat jedoch vor dem fran-
zösischen noch unbedingt den Vorzug, und ungewohnte Fremd-
wörter werden durch gleichbedeutende deutsche verständlich ge-
macht. Errst vom ı7. Jahrhundert ab wird das französische
Fremdwort bestimmend für die ganze Stilbildung; wie der
Büchernarr, von dem Christian Weise erzählt125, sich nur durch
ausländische Bücher imponieren läßt, so vermochte eine schlichte
14 4. Hauffen, Johann Fischart. Leipzig-Berliu 1921, 162.
125 Christian Weise, Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt. 1673.
Kap. III. Hg. von Braune, Halle 1878, S. 28.
7*
100 Stil und Begriffswelt
deutsche Prosa nicht mehr auf die Leser zu wirken; noch tief
im ı8. Jahrhundert klagt Rabener: „Deutsch ist ein Schimpf-
wort. 126 So stellt sich das Siegfriedbuch als typisches Er-
zeugnis seiner Zeit dar: der Held ist ein cavalier, es ist die Rede
von ausmundiren, comitat, salvieren, consens, und in die Melu-
sine des ı8. Jahrhunderts haben sich französische Bestandteile
wie banquet, salviren, incurabel, adjeu, messieurs eingeschlichen.
Für diese späte Zeit ist das Fremdwort conditio sine qua non,
und die Volksbücher, die sich aus früheren Jahrhunderten ın
sie herüber retten, müssen es sich gefallen lassen, daß Stil
und Formgebung im Geist der neuen Zeit abgeändert werden.
Diese formale Gebundenheit127 der Volksbücher ist nur aus
dem ungemeinen Autoritätsgefühl der Zeit verständlich: ent-
stammt doch auch dieser Epoche Nürnbergs „schöner Brunnen“,
der die Bildnisse je der drei frömmsten Christen, Juden und
Heiden zeigt, neben denen die sieben Kurfürsten stehen, daz es
war sei. So erhalten die vielen Verweise auf die Quellen und
Vorlagen, wirkliche und erdichtete, ihre eigene Bedeutung: einmal
in den Text gebracht, um den Leser im sicheren Glauben zu
wiegen, erben sie sich von Auflage zu Auflage fort und bilden
schließlich auch für den Neubearbeiter Beruhigung und Rechtferti-
gung. Randnotizen wie als man in kroniken findet, als man das in
seiner legende und andern cronicken vindet (Herzog Ernst) sind
nicht selten; den fabelhaftesten Teil von Fausts magischen Er-
lebnissen, seine Reise zu den Gestirnen und durch den Himmel,
gibt der Bearbeiter in einem fingierten Briefe Fausts zum Besten,
und am Ende der Höllenfahrt heißt es (Hist. 24): diese histo-
riam vnd geschicht, was er in der helle und verblendung gesehen,
hat er, doct. Faustus, selbs auffgeschrieben, und ist nach seinem
todt solch schreiben in einem zettel seiner eigener handtschrifft,
unnd in einem. buch verschlossen liegendi, hinder jn gefunden
126 G, W. Rabener, Satiren. 2. Aufl., II. Leipzig 1755, S. 159.
127 Die andern Stileigentümlichkeiten, die sich bei dem einen oder andern
Volksbuch zeigen, sind nicht so allgemein, daß sie in einer Charakteristik
des Volksbuchstiles ihren Platz finden dürften. So sind z. B. in der Melu-
sine Partizipia häufig: Reymund solches vernehmend, schwur, nebst ihren bey sich
habenden volk, nach unserm vor augen schwebenden Lande, der sultan dies hoerende:
im Fortunat, Faust, Eulenspiegel, der Magelone findet sich diese Unart so
gut wie gar nicht.
Stil und Begriffswelt IOI
worden; ein anderes Kapitel beginnt: diese geschicht hat man auch
bey jm funden (Hist. 25). Montevillas Reisebuch hätte kaum die
große Verbreitung gefunden, wenn es sich nicht als eigenes Er-
lebniswerk dargestellt hätte, und der Name des Albertus Magnus
wird immer wieder auf die Titel medizinischer und naturwissen-
licher Volksbücher gesetzt.
Der Gedanke mag nicht fern liegen, daß solche Betonung un-
umstößlicher Autorität letzten Endes mit dem oft erwähnten
lehrhaften Geist zusammen hängt, der, abgesehen von dem ein-
zigen Eulenspiegel, in allen Volksbüchern heimisch ist: so wird
der Leser doppelt geneigt sein, die sich ergebenden guten Regeln
zu befolgen. Wenn der Verfasser immer wieder sich unterbricht,
um zu sagen, was er nun erzählen wird: nun lassent wir herr
Tristrant em ruwen, und sagen von den flüchtigen zagen, die
herr Tristrant vor gesehen het oder: damit wir aber wieder auf
unsere historia kommen (Siegfried), so ist dies zwar einesteils
ein Beweis für die Subjektivität des Erzählers, für den Leser
aber wird es ein Mittel zur Spannung und Erhöhung der Auf-
merksamkeit. Zuweilen wird geradezu die Form der Aufforderung
gewählt: hie hört wie fraw Isald ir rede mit Brangel anfieng!
(Tristrant), hört wie ein schentliche und unbescheidene bot-
schaf das von eim künig was, daz er sich billig geschembt het
zu bedenken, denn das er es überlaut liess ausrufen (Tristrant).
So entsteht ein moralischer Ton, der sich über das Ganze
breitet. Nie wird eine Gelegenheit verabsäumt, zu belehren und
zu erklären; am Schluß des Faust wird die ethische Folgerung
gezogen: daraus jeder christ zu lernen, sonderlich aber, die eines
hoffärtigen, stolzen, fürwitzigen und trotzigen sinnes und kopfs
sind, gott zu fürchten: ähnlich heißt es am Ende des Fortunat:
bey diser historia ist tzu vermerken: folgt die lange Moral. Als
Olivier den Fierabras wappnet, benutzt der Bearbeiter die Gelegen-
heit, zur Duldsamkeit zu ermahnen: man soll billig acht haben der
im glauben geschiedenen, die doch allda waren, einander tödlich
zu bekriegen, dass dieselben einander dienstbar wären... ich
glaube, es wäre gott sehr gefällig, wenn solche treue unter den
christen gefunden würde. Der Verräter Johann in den Haymons-
kindern hält sich selbst lange Moralreden, Fausts erbauliche Be-
trachtungen über seine eigenen Sünden in seiner Todesnacht füllen
1023 | Stil und Begriffswelt
ganze Seiten. Im: .Tristrant wird immer wieder das schöne Bei-
spiel hervorgehoben: sehent, was wunders würket die liebel.
seht, wie ein getreüwer diener das was! wer hat ye seins gleichen
gesehen? Der kleine Ammon, Rengnoldens Sohn, hält viele alt-
kluge Reden (Haymonskinder), im Fortunat finden sich lehrreiche
Exkurse, etwa über die kaiserliche Macht oder über die üppigen
Bürgerhochzeiten. Allgemein gültige Lebensregeln werden gern
eingefügt: auch noch ein ytlicher der dem teufel vesticlichen
widerstat mit ainen ganzen gelauben, der gesigt ime an und
macht ine fluochtig (Brandan) oder ein qguot hertz mag nut
liegen wenn die nott kumpt (Haymonskinder). Oder es wird die
Trefflichkeit des Helden und seiner Welt in wirksamen Gegen-
satz zur augenblicklichen Zeit gestellt: so treumeinend ist die
heutige welt nicht gesinnet (Melusine) oder: ich lass mich aber
wol beduncken: solten yeiz zwey liebhabende menschen nun.
zwen monat in solcher grosser kumernuss, hunger und armut
seine, sy möchten das nit erleiden, noch on den tod hykumen.
Auch ist zu vörchten, ob sich in der welt eines umb des anderen
willen in solche grosse not gebe, als dise zwey geton haben
(Tristrant) oder: sie warend nicht so gemein, wie sie (die Weisen)
jetzunder sind vnter uns, da jder, und gemeinlich die grösten
thoren vnd narren, wil weyse sein, vnd für klug gehalten werden
(ebda.). Die Erzählungen der ‚Sieben weisen Meister“ geben sich
als Lehrbeispiele, und der Brandan führt die guten Werke des
Judas, die in allen poetischen Bearbeitungen fehlen, den latei-
nischen Andeutungen folgend, breit aus. Nur zweimal schiebt
der Bearbeiter des Wigoleis längere Betrachtungen in den Stoff,
den ihm Wirnt v. Grafenberg darbietet, ein: beide Male handelt
es sich um lehrhafte Erörterungen über die Frauen, die gegen das
Urteil, in dem sie bei der höheren Gesellschaft stehen, und
gegen den Vorwurf der Wandelbarkeit in Schutz genommen
werden 128, Ähnlich beschränken sich die Hinzufügungen, durch die
Phyloconio und Eugenia129 die Vorlage erweitern, auf Erklä-
rungen, und Alexanderbuch wie Tristrant weisen gelehrte Zu-
sätze auf. Wo der Verfasser seine Belesenheit und sein Wissen
128 O. Weidenmüller, Das Volksbuch von Wigoleis vom Rade. S. 39.
129 H. Ullmann, Das Volksbuch von Phyloconio und Eugenia. Euphorion XIV
(1907), $. 58gfl.
Stil und Begriffswelt 103
anbringen kann, da tut er es gerne; im Barbarossabüchlein
heißt es von Eckart: und seiner nachkomen ligt ainer zuo Strau-
bing im Frawenprudercloster begraben, es folgen dann nähere
Berichte über die Herzöge von Baiern, Anekdoten über sie u. a.,
das gar nicht zum Stoffe gehört; die Vorrede der Melusine be-
ginnt mit ‚Aristoteles. Solche Lehrhaftigkeit liegt in der Zeit: auch _
in Frankreich schwillt der Roman im ı5. Jahrhundert zum end-
losen Lehrbuch an130, und Sebastian Frank hängt an sein
Germaniae Chronicon (1531) moralisierende Anmerkungen an13l.
Der fromme Schlußsatz, der zum Gebet auffordert und den
Segen des Himmels für Autor und Leser erfleht, ist vielen
Volksbüchern gemeinsam.
Daß in solchem Umkreis ritterliches Wesen keine Heimstatt
finden kann, liegt auf der Hand. Im Fortunat erhält der Held
vom König die Erlaubnis, die Hochzeit in seinem eigenen Hause
abzuhalten, mit der Begründung: ich wolt es darumb thun, das
graff Nimian vnnd dir desterminder kosten: so wird höfische
Sitte und Regel nach bürgerlichem Geldstandpunkt gemessen
und bewertet. Es ist nicht nebensächlich, daß zur gleichen Zeit
die Naturwissenschaft die Führung unter den Wissenschaften
übernimmt132: der tiefere Sinn für Poesie und Wunderwelt
geht verloren, Faust muß seinen Traubenzauber (Hist. 43) in
breiter, lehrhafter Darstellung naturwissenschaftlich erklären.
Wenn es in der Melusine heißt: das ist kriegsgwonheit: einest
gat es eim ubel, anderst wol, so zeigt der Bearbeiter in diesen
Worten den gleichen bürgerlich-unkriegerischen Geist wie etwa
der Prosaist des Tristrant, der ausruft: ach waffen des grossen
morts! mir tuts selb wee, das er so gar mortlich verraten ist
worden. Ä
Der Begriff der mäze ist längst verschwunden. Wie mit dem
Schwinden der höheren gesellschaftlichen Bildung und ästhe-
tischen Lebensgestaltung die Geselligkeit ihren bezeichnenden
180 H. Morf, Die romanische Literatur. Kultur der Gegenwart I, ıı, ı (1909),
S. 160.
131 F. Gotthelf, Das deutsche Altertum in den Anschauungen des ı6. und
ı7. Jahrhunderts. Forschungen zur neueren Literaturgeschichte, XIII (Berlin
1910), S. 17.
182 H. Thode, Luther und die deutsche Kultur. München ı914, S$. 5ı.
ıoh Stil und Begriffswelt
Massencharakter gewinnt133, wie die materielle Stadtkultur ihre
höchsten Ziele in Kleider- und Speiseluxus sieht134, so werden
Worte wie onmassen, über die massen geradezu charakteri-
stisch für die Volksbücher. Wendungen wie über die massen
ritterlich (Melusine), erschrack über die massen (Siegfried),
ergrimmel... auss der massen sehr (Haymonskinder), dies
währte an vier wochen, daß die von der tafelrunde also
niedergelegt würden, daß es über die massen war (Wigoleis), er-
schracken sie abermaln bey sich selbest hefftig, mehr dann
vber alle massen gantz grausam sehr (Lalebuch) wären im ritter-
lichen Epos undenkbar. Im Herzog Ernst ist von einem über-
hüpschen son, einer wol gezierten Mauer, einem übermaisterlich
grossen marbelstainen sal, der unaussprechlichen gezieret ist, die
Rede; wo im Brandangedicht aie Verse stehen (v. 631 {f.):
die griefen an den kielen
uf die töden vielen
aldä sie lagen scharaft,
gibt der Roman die Stelle mit den Worten wieder: fieln dy
greiffen on zale in die kiel und namen und furten dy leüt hin-
wegk und assen sy.
Mit dem Verfall der Burgen geht der Verfall des Rittertums
Hand in Hand: der Adel residiert in der Stadt135, und die Tur-
niere sind schon gegen Ende des ı5. Jahrhunderts kaum mehr
als gesellige Zusammenkünfte des Adels. Maximilian versucht
zwar, sie neu zu beleben, aber mehr als Geschicklichkeitskämpfe,
für die er Preise ın barem Gelde als „Dank‘‘ aussetzt, kann auch
er nicht aus ihnen machen136. Der Narr spielt bei solchen
Kampfspielen eine große Rolle137, hält doch auch der Adel
Turnierscherze, sogenannte „Schimpfrennen“ ab133; in einem
188 G, Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur. II2, S. 99. .
184 G. Steinhausen, Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter. Wissen-
schaft und Bildung 88 (1921), S. 128.
185 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur. II? S. 5.
186 4. Schulz, Das häusliche Leben der europäischen Kulturvölker vom Mittel-
alter bis zur zweiten Hälfte des ı8. Jahrhunderts. München-Berlin 1903,
S. 348.
187 ji Nick, Die Hofnarren, Lustigmacher, Possenreißer und Volksnarren.
Stuttgart 1861, I 76.
188 R. Gende, Hans Sachs und seine Zeit. Leipzig 1894, S. 115.
Stil und Begriffswelt 105
seiner Schwänke spricht Hans Sachs von der vollen brüder thur-
nier; es ist nur noch ein Schritt bis zu den Festmaskeraden, als
die uns die ritterlichen Kampfspiele im ı6. Jahrhundert ent-
gegentreten. Die bürgerliche Geschmacks- und Interessenwelt
schlägt auch den Adel in ihren Bann — so heißt es in der
Zımmernschen Chronik: iczunder so lassen wir unsere berg-
heuser abgeen, bewonnen die nicht, sondern vilmehr befleissen
uns in der ebne zu wonnen, damit wir nahe zum badt haben —,
damit haben ritterlicher Geist und Lebensform ihre Hauptstütze
verloren.
So ist die Welt, die uns die Ritterromane vorführen, um nichts
erfüllter von ritterlichem Wesen als die der Volksromane, die
sich ganz auf die Darstellung bürgerlicher Kreise beschränken:
Fortunat, Eulenspiegel, Faust, Schildbürger, Ahasver. Von der
Vorliebe für die „Ohnmasse‘“‘ war schon die Rede; die mannig-
fachen Übertreibungen gehören zum gleichen Kapitel, so, wenn
es im „Heiligen Karl“ heißt: und kam so vil volkes, das etlich stet
gar ler würdent, oder wenn in den Haymonskindern die Helden vor
Schmerz, Zorn, Freude ständig unsinnig werden; Haymon umarmt
seinen Sohn Reinhold so zärtlich, daß diesem die Nase blutet;
um Reinholds Größe anschaulich zu steigern, läßt das Volks-
buch den Vater Haymon beim Ritterschlag auf ein Bänkchen
steigen, weil er sonst zu klein wäre; als Florigunda sich vor den
dreizehn Mördern fürchtet, beruhigt sie Siegfried mit den
Worten: seyd zufrieden, allerliebste, die beissen uns nicht — das
sind Ansätze zum Scherz, aber wie unritterlich fallen sie aus!
Beim Drachenkampf schwitzt Siegfried furchtbar, bei einer an-
deren Gelegenheit fürchtet sich Florigunda so, daß ihr der
angsischweiss übers gesichte lieff. Der Kaiser Karl der Haymons-
kinder wird gantz rott von zorn und schwartz wie ein koll, und
im gleichen Buch hat einer so gros leyd im hertzen, das er
schier ab sinem pfert fiel. Bei Eilhard v. Oberge heißt es
(v. 2345£.):
her lüz on im reichin,
daz was ein bose zeichin,
daraus macht das Volksbuch: und gieng darmit do das verflucht
unselig getranck stonde... bracht ym das; in der Melusine bringen
die Diener ihren herrn den grafen todi mit sich, welches sehr
106 Stil und Begriffswelt
erbärmlich aussahe; Siegfrieds Kraft wird dadurch erläutert,
daß erzählt wird, wie er die erschlagenen Löwen und Bären auf
Bäume hängt, dann das war sein gebrauch. Haymon ergriff in
der eyl einen bengel, vnnd schlug den verräter, dass er starb;
als im Fierabas Kaiser Karl den Roland auffordert, mit dem
Titelhelden zu streiten, wird Roland grob, darauf schlägt Karl
ihm den goldbeschlagenen Handschuh über die Nase, daß sie .
blutet. Bezeichnend ist es auch, daß im Wigoleis Gawan von
Flores nicht durch Ritterlichkeit, sondern durch kraft der steine
und zauberei überwunden wird. Als in den Haymonskindern Jo-
hanns Schwester den Verräter umarmen will, schützt dieser Zahn-
weh vor, um der Liebkosung zu entgehen; wie unritterlich ıst das
alles gedacht! Hierher gehört auch die Freude an derben Schimpf-
wörtern: ir sind nit einer puschlen strow wertt, sagt Haymon zu
Reinold, ein andermal heißt es: sy thettend als die affen, die
da singend das jar, so sy sterben sond; Wörter wie hurensohn
und lecker sind besonders beliebt. Andolosia, Fortunats Sohn,
kam also zu hauss mit liebe beladen fester dann ain kämelthyr
das pfeffer auss India gen Alkeyro tragen muss, denen man
tzumal schwär sam auff legt, und Magelone sagt zu ihrem Ge-
liebten: ach edelster Peter — fürwar jr seyt der greulichste
mensch auff erden, der je von einer mutter geporen ward. In
der Melusine ist die Rede von einer schweinsbestia, und die Sie-
gesfreude gediehe ihnen (den Türken), wie dem hund das gras-
fressen; das Siegfriedbuch liebt schnarcher als Scheltwort. In
den Haymonskindern sagt Haymon zu Reinold: far hin, du essel,
gott verflueche dich, und ein französischer Ritter äußert zum
Helden des öftern: du byst ein nar. Hält man schließlich noch
dazu, wie verächtlich die Frauen dargestellt und behandelt
werden — das Lalebuch spricht vom geschnatter und geschwetz
der Weiber; als Haymon dise redt hörde von seiner haussfrawen,
schlug er sie ins angesicht, dass sie dar nider fiell; im Faust ist
die Frau nur Geschlechtswesen — so ermißt man vollends, wie weit
die Welt der Volksbücher vom ritterlichen Ideenkreise entfernt ist.
Daß Bearbeiter und Verfasser die höfische Literatur nur sehr
ungenau kennen, ist eine Beobachtung, die gut zu den bisherigen
Feststellungen stimmt; nur so ist es möglich, daß im Wigoleis
der Dichter der Vorlage als Grafcuperg, im Tristrant als Filhart
Stil und Begriffswelt ' 107
von Obret angegeben werden kann. Schreibt doch in jener Zeit
(nach ı4ı12) Johannes Rothe seinen gereimten Ritterspiegel ohne
Kenntnis der höfischen Dichterwerke; was Wunders, daß ihm
das höfische Ethos abgeht139.
So läßt sich in den Volksbüchern zweierlei beobachten: einmal
die Neigung, ritterliche Schilderungen zu übergehen — im
Tristrant heißt es: aber was soll ich sagen von den kleidern und
kostlicher getzierde oder kleinet oder auch yegkliches besunder
nennen. man weiss wol, das an der künig höffen sind geziert und
kostlichkeit, die uns gar fremde zu nennen und unglaublich
sind — andernfalls aber eine Lust an der Darstellung von Auf-
zügen und Gepränge, die wiederum nur der bürgerlichen Sucht
zu glänzen entspricht. Wie die Städter in jener Zeit in ihren
„Gesellenstechen“ die adligen Turniere mit stumpfen Lanzen
nachahmen #0, so zeigen diese Bücher alle ein ängstliches Be-
streben, im Zeremoniell nichts zu versäumen; es ist dasselbe
Jahrhundert, in dem Titel und Anrede zu den wichtigsten Dingen
des Briefes gehören!#!1, in dem die Grenzen zwischen „Du“
und „Ihr“ genau festgelegt und die vertraulichen Kreise des
„Du“ stark eingeschränkt werden!#2, Die Beschreibungen der
Kinder, Waffen, Wohnungen, an denen das Epos seine Lust
hatte, werden gern beschnitten oder gekürzt — Tristrant und
Wigoleis mögen als Beispiel dienen —, die Darstellungen von
Festen, Aufzügen, Schaustellungen erfahren im Gegenteil eine
Verbreiterung und Ausmalung. So entsteht ein gewisser Typ
des prunkvollen Festes, das der Faust nicht anders schildert
als die Melusine, der Fortunat nicht bürgerlicher als der Fierabas;
wir fühlen uns an die gleichförmige Darstellung der gleichen _
Dinge im Volksepos erinnert und sehen mit Friedrich Panzer
ın den sich bei solchen Gelegenheiten ständig wiederholenden
Holzschnitten gern eine wesensgleiche Parallele143. Die Erzählung
erhält auf diese Weise leicht eine gespreizte Würde, einen steifen
189 J. Petersen, Das Rittertum in der Darstellung des Johannes Rothe. Quellen
und Forschungen ı06, Straßburg ı919.
140 R. Genee, Hans Sachs und seine Zeit, S. ı10fl.
141 G, Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes. I zı, 44. G. Ehrismann,
2. £. d. Wortf. 3/4.
142 Steinhausen, Brief I, 45f.
148 F, Panzer, Das altdeutsche Volksepos. Halle ı903, $. 13.
108 Stil und Begriffswelt
Ton, der z. B. im Alexander oder im Olivier und Artus stellen-
weise den Fortgang der Schilderung erdrückt. Damit hängt eine
durchaus unritterliche Verachtung anderer Stände zusammen. Worte,
wie die des Königs im Fortunat: sähe lieber, er hett ain edlen
gemahel dann ain peürin vnd wurd mich verdriessen, söllte ain
ungebornes weibss bild den palast besitzen vnnd darinn wonung
haben, sind bürgerlich empfunden und gedacht; für den Ritter
alten Schlages kommt eine solche Möglichkeit gar nicht in Frage.
Man hat oft betont, daß der eigentliche Wert des Volksbuches
für seine Zeit ın den Tatsachen, die es erzählt, bestehe 144, und hat
von einer „stoffhungrigen Epoche‘ gesprochen, die über dem
erlebnismäßigen Inhalte Form und inneren Gehalt vergessen habe.
In bedingtem Sinne ist das sicher richtig; nur so erklärt sich der
Übergang von der gebundenen zur ungebundenen Rede (Kap.TI).
Andererseits aber muß die Einförmigkeit der Romane, deren einer
kaum etwas anderes erzählt als der andere, zum Zweifel anregen;
was findet der Leser im Loher an neuem Stoff, das er nicht
schon in ähnlicher Form aus dem Fierabas kennt, was erlebt
Wagner im Grunde anderes als Faust, wie unterscheidet sich
Hans Clauert von Eulenspiegel? Diese Einheitlichkeit ist durch-
aus nicht etwa nur dem modernen Menschen fühlbar, sie emp-
finden Autor und Leser der Volksbuchzeit nicht anders; im Sieg-
friedbuche heißt es: wer aber von dergleichen ritterlichen stechen
lust und liebe zu lesen hat, der findet solches im Kayser Octaviano,
schönen Magelona, oder Peier mit den silbern schüsseln, weissen
ritier, herr von Mümpelgart, herr Christopher genannt, Hugo und
in sonderheit im Ritter Ponto, und andern mehr, dahin ich‘ den
leser will gewiesen haben und an anderer Stelle: solches alles zu
beschreiben ist nicht mein vorhaben, die historie damit zu ver-
längern, ist auch unnötig, sintemahlen dergleichen ritterspiele in
vielen hisiorien beschrieben; von seinem eigenen Stoff erklärt der
Bearbeiter im Hinblick auf den Wigoleis: fast dergleichen ist
folgende historia. Die Kapitelüberschriften, die sich aus einstigen
Holzschnitterläuterungen entwickelt haben, sind häufig so aus-
führlich, daß sich eine Lektüre des Kapitels für den, der Stoff
sucht, erübrigt; zudem sorgt der Verfasser selbst durch ständige
14 So z. B. R. M. Meyer, Die deutsche Literatur bis zum Beginn des 19. Jahr-
hunderts?. Hg. von O. Pniower. Berlin 1920, S. 215.
Stil und Begriffswelt 109g
Hinweise auf spätere Ereignisse dafür, daß der Leser keine großen
Überraschungen erlebt: dadurch ward ir tot gelengert und auch
durch andere geschicht hernach volgende (Tristrant); aber er
hat des hungers wohl besser gewohnen müssen, als er seine
gröste abentheuer ausstehen müssen, wie man hernach hören
wird (Siegfried); der ungetreue riese (dann er seinen eid, den
er geschworen, nicht lange gehalten, wie man hören wird)
(ebda.); wann er kam sy darnach auch erbemklichen umm, das
was der lon, den er darumm empfieng, als ir hören werdend
(Haymonskinder); also nam er freundlich urlaub von seiner
lieben frau, die er hernach nimmer wieder sah (Wigoleis). Zur
Charakterisierung des Fierabras werden im ersten Absatz Helden-
taten angeführt, von denen das Buch erst erzählen soll; Wickram
hat die Neigung zu solchen vorausdeutenden Formeln von den Volks-
büchern gelernt1#5. Es ist also mehr die Freude am Abenteuer-
‚lichen, Aufregenden an sich, was die Volksbücher beliebt macht,
weniger die Lust am neuen Stoff als die am bekannten; der
Grieche, dem sein Homer am nationalen Feiertag öffentlich vor-
gelesen wurde, wollte ebensowenig Neues hören wie der Leser
des ı6. und ı7. Jahrhunderts, der nach der Lektüre des Okta-
vianus zum Alexander griff.
Von solchen Gesichtspunkten aus gesehen, bilden die Volks-
bücher ein einheitliches Ganzes; Stil und Begriffswelt sind ihnen
gemeinsam, und das Publikum macht keinen Unterschied zwr-
schen Volksroman und volkstümlichem Roman. Die Verschieden-
heiten, die diese Trennung notwendig machen, liegen mehr in der
inneren als in der äußeren Formgebung, mehr im Stoff als im
Stil, mehr in der Herkunft als in der Beliebtheit beim Publikum.
145 G. Fauth, Jörg Wickrams Romane, S. 80.
IV
Volksroman und volkstümlicher Roman:
Trennendes der inneren Struktur
ER augenfälligste und bestimmendste Unterschied, der eine
Scheidung der Romanbücher in Volksromane und volks-
tümliche Romane bedingt, liegt in ihrer verschiedenartigen Ent-
stehung, ihrer Herkunft aus zwei einander fremden Welten: jene
sind im großen und ganzen Sammlungen volkstümlichen Er-
zählungsstoffes, diese fertige Werke aus einem Guß, jene sind in
Stoff und Gedanken deutsch, diese entstammen anderssprachlichen
. und andersveranlagten Ländern. So hat das Volk an jenen einen
größeren Anteil als an diesen, die es in der Form, in der es sie
fort überliefert, aus den Händen der Oberschicht erhält; dort
findet es Dinge wieder, die es selbst geschaffen hat, die bei ihm
Heimatsrecht haben wie Sage, Schwank und Märchen, hier wird
es in eine Welt geführt, die ihm zwar begehrenswert und vorbild-
lich, aber doch wesensfremd ist.
Es wäre nun doch verfehlt, die Volksromane schlechthin als
„gehobenes Primitivgut“ zu bezeichnen. Ihrem Stoff nach sind
sie es, aber unter der Hand ihrer Bearbeiter werden sie zu Er-
zeugnissen der Oberschicht: wie das Publikum nicht zwischen
ihnen und den volkstümlichen Romanen unterscheidet, so ist
der Typ des Verfassers beiden Gattungen gemeinsam. Er ist
durchaus nicht immer namenlos!, aber er bleibt ohne jede per-
sönliche Note, gleichgültig, ob er sich nun Thüring von Ringol-
tingen, Veit Warbeck oder jch vungenannt (Tristrant) nennt. Das
empfindet er auch selbst; das ich meinen namen, heißt es in der
Vorrede zum hochdeutschen Reinecke Fuchs, nicht auff das buch
gesetzt, ist nicht darumb geschehen, das ich mich des buchs oder
der arbeit schäme, oder etwas vnzimliches darinn wisse, sondern,
1 wie F. Pfaff, Der älteste Tristrantdruck. Germania 30, S. 39 behauptet.
? Gedruckt 1545 bei Cyrianis Jakobus in Frankfurt a. M.
Trennendes der inneren Struktur I1I
das ich bekenne, das ich der gantzen glosen erfindung kein author,
sondern nur etwas darzu gethon, eiwa dauon wie oben gemeli
und sunst mich nach des sechsischen glossators ordnung fast ge-
halien, vnd jm der wegen seine arbeit nicht stelen wollen, vnd
das auch derselb seinen namen nicht gemelt, so hab ichs auch
vmb der version willen nicht thun wöllen, weil ichs nicht darum
geihan, dass ich einigen namen oder ehr damit suchen wölte,
sondern mir vnd andern nutzie; so denken die namenlosen
Bearbeiter alle. Es ist für die Volksbuchfrage an sich neben-
sächlich, ob der Verfasser des Schildbürgerbuches ein hochge-
stellter Wittenberger Jurist, wie man nachzuweisen gesucht hat,
ob der Faustautor ein lutherischer Pastor oder nur ein glaubens-
starker Protestant ist, ob der Bearbeiter des Wagnerbuches Frie-
dericus Scotus Tolet, wie er sich nennt, geheißen hat oder nicht: das
Juristische Element im Lalebuch, das protestantische im Faust ist,
so bestimmend es dem Werke seinen Charakter aufdrückt, doch
nicht das wichtigste Erlebnis, das der Leser sucht und findet.
So entsteht ein Typ des Volksbuchverfassers, seine Zugehörigkeit
zur Oberschicht betont jeder Autor durch ständige gelehrte No-
tizen und Bemerkungen: Haymon vergleicht Reinold mit Hektor
von Troja, Herzog Ernst wird mit Judas Makkabäus in Paral-
lele gestellt, der Faustbearbeiter betont seine wissenschaftliche Me-
thode: hab auch nicht unterlassen bei gelehrten und verständigen
leuten nachzufragen, das Lalebuch glänzt durch griechische und
historische Remiscenzen, die Melusine beginnt mit Aristoteles’
Metaphysik, der Verfasser des Wagnerbuches möchte gern spa-
nischen Ursprung vortäuschen, der vom Herzog-Ernst-Roman zeigt
gerne seine Bibelbelesenheit, der des Wigoleis erweist sich gut
vertraut mit der Epik der Blütezeit. Es bleibt ein bescheidener
Scherz, wenn der Bearbeiter des Lalebuches von sich behauptet,
er habe bissher mehr flegel, bickel, hawen, schauffel, kärst
und pflüg in händen, als schreibfedern hindern ohren gehabt und
fortfährt: und ist es jmmer schad, dass nit davon ein gelehrier
sich vorlenget darüber gemacht*. Wie diese zur Schau getragene -
8 E. Jeep, Hans Friedrich von Schönberg, der Verfasser des Schildbürger-
buches. Wolfenbüttel 1890.
4 W. Grimm a Schriften, II, Berlin 1882, S. 6ı) erteilt ihm das Lob:
„Die Arbeit ist... in sehr geschickte Hände geraten.“
113 Trennendes der ınneren Struktur
Gelehrsamkeit einer kritischen Prüfung standhält, ist freilich eine
zweite Frage: Übersetzungsfehler sind oft gemacht worden, so-
wohl aus der Fremdsprache ins Deutsche, wie aus dem nieder-
deutschen in den oberdeutschen Dialekt (Eulenspiegel), und auch
für jene Zeit überholte Anschauungen wie die im Fortunat: Aly-
bernia, ist gar noch am end der welt und nit weit von Sankt
Patricius fegfür auf dem veld verr von den leüten findet man
sehr häufig, besonders in dem verhältnismäßig späten Faust. Der
prinzipielle Unterschied, der zwischen Volksroman und volkstüm-
lichem Roman besteht, wird durch diese Stellungnahme der Ver-
fasser nicht entkräftet: es ist selbstverständlich, das zur Aufzeich-
nung eines Werkes kein Ungelehrter, Ungebildeter befähigt ist;
das Hauptgewicht liegt auf der Wahl, nicht auf der Gestaltung
des Stoffes ®.
Die Verfasser der Volksromane greifen zu einheimischen, schon
vorhandenen Stoffen, um sie zu einem Werke auszugestalten; wo
das Material mangelt, suchen sie sich Ergänzung bei anderen Wer-
ken oder erfinden selbst den einen oder anderen Zug zur Ab-
rundung. Daß im Fortunat die Verhältnisse ebenso liegen wie bei
Eulenspiegel oder Faust, ist eine verhältnismäßig späte Ent-
deckung?; man hat lange versucht, seinen Ursprung in fremden
Ländern, sei es nun England, Spanien oder im byzantinischen
Osten, zu suchen, bis man in ihm Märchen und Sagenmotive wie-
derfand, die deutschem Kulturkreise angehören. Die Beobachtung
der Uneinheitlichkeit des Werkes bot den ersten Anstoß: deutlich
sind verschiedene voneinander unabhängige Stoffe aneinander-
gekuppelt, ohne daß die Risse zwischen den einzelnen Teilen ge-
Ringoltingen übersetzt z. B. fontaine de soif durch durstbrunnen, ohne afrz.
soif = Gehege zu kennen; der Fehler zieht sich durch alle Volksbücher hin-
durch; vgl. X. Biltz, Zur deutschen Bearbeitung der Melusinasage. Festschrift
für Rudolf Hildebrand. Leipzig 1894, S. ı.
6 Liepe, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken S. 70, betont im Gegensatz dazu:
„Man sieht, es kam nichts aus dem Volk heraus, sondern alles ins Volk
herab®; schärfer noch betont dieses Verhältnis H. Naumann, Grundzüge der
deutschen Volkskunde. Wissenschaft und Bildung, ı8ı. Leipzig 1922, $. ıı2.
Schon G. G. Gervinus (Geschichte der deutschen Dichtung 5, Leipzig 1871,
$. 538, 543) legt zu großes Gewicht auf die Gelehrsamkeit der Verfasser der
Volksromane. |
7 H. Günther, Zur Herkunft des Volksbuches von Fortunatus und seinen Söhnen,
Phil, Diss. Freiburg 1914.
Trennendes der inneren Struktur 113
nügend verwischt sind. An die Geschichte von Fortunat schließt
sich die selbständige Erzählung der Taten seiner Söhne an; zur
Geschichte vom Glückssäckel fügt sich die vom Flughütlein;
mitten in die Jugenderlebnisse Fortunats ist die Begebenheit von
Heronimus Roberti und Andrean eingefügt, die für den Helden
völlig bedeutungslos bleibt. Die Quelle der Andolosiasage ist
im ı20. Kapitel der Gesta Romanorum gefunden, dessen Erzäh-
lung mit Märchenmotiven umkleidet wird; „der Wortlaut des
Volksbuchs klingt fast wie eine freie Übersetzung‘.® So stellt
sich uns das Fortunatbuch als eine Sammlung volkstümlicher und
bekannter Motive dar, die vom Bearbeiter zwar in eine bestimmte
Form gegossen werden, an denen dieser aber weder durch die
Betätigung seiner Phantasie noch seines dichterischen ap
irgendwelchen Anteil hat.
Deutlicher wird dies Verhältnis beim Eulenspiegel. Sehr wahr-
scheinlich hat es einmal einen Menschen seines Namens gegeben,
ım Braunschweigischen wird er gelebt haben; durch Schlagfertig-
keit und Mutterwitz ist er berühmt geworden: nun er tot ist,
schließt sich an ihn die schwankfreudige Fabulierlust des Volkes
an, er wird zum sprichwörtlichen, vorbildlichen Narren, sein
Name wird Gattungsbegriff zunächst für eine ganz bestimmte
Art von Witzen (figürliche Ausdrücke wörtlich zu nehmen), dann
für alle Schalksstreiche überhaupt. So war Wilhelm Grimm von
seinem Standpunkt aus berechtigt, hier ein Stück Mythenbildung
wahrzunehmen: ‚Derjenige aber war berufen, den Mythus oder
die Sage besonders aufzufassen, in dessen Natur dazu eine eigene
Empfänglichkeit gelegt war. In ihm ward wieder lebendig, was
die Tradition verliehen..., sodann aber, was das Individuum
nicht getan oder in ihm nicht zur Äußerung gelangen konnte,
ward ihm dennoch zugegeben aus dem alten Schatz. Dazu kam
endlich das, worin das eigentümliche Leben des Einzelnen sich
kund gegeben, wodurch die Tradition besonders gefärbt und aus-
gedehnt wurde.“ ? Richtiger und klarer faßte Gervinus den Eulen-
8 ebda., S. 26.
9 W. Grimm, Kleine Schriften, II, 74. Ähnlich faßt auch R. Benz (Die deut-
schen Volksbücher, S, 2) Eulenspiegel als mythologisierten Menschen auf.
R. M. Meyer (Die deutsche Literatur bis zum Beginn d. 19. Jh. Berlin, S. 214)
faßt ihn als ein „Stück“ Heldensage.
Mackensen, Die deutschen Volksbücher 8
ı14 Trennendes der inneren Struktur
spiegel als den „personifizierten Schwank, das komische Beispiel
unserer Alten“ 10; der Witz der wandernden Handwerksburschen
und des werktätigen Volkes ist der seine; die Einfälle, die er
hat, kann jeder witzige Handwerksgeselle einmal haben, was er
erlebt, kann jeder erleben. So häuft sich die Fülle der Anekdoten
und Scherze auf ıhn, die im Volke umläuft; wir wissen vom
Märchen her, daß es dem Volke beschwerlich fällt, seine Hel-
den bei Namen zu nennen: ist einmal ein Name vorhanden und be-
kannt, wird er für alles, was ihm ähnelt, verwandt. Der Verfasser
des verlorenen niederdeutschen Eulenspiegels hat nichts anderes zu
tun, als ein paar Handvoll solcher Geschichten, die unter dem
Namen Eulenspiegels umlaufen, zu sammeln und aus ihnen eine
Lebensgeschichte zusammenzubauen, die er unter einheitlichen
Gesichtspunkt stellt; aber der Rahmen seines Werkes ist so leicht
wie möglich gefügt, es kann eingefügt oder herausgenommen wer-
den, ohne daß das Gebäude zerrissen wird; legt doch schon der
Bearbeiter der hochdeutschen Ausgabe (1515) Geschichten vom
Kalenberger und Pfaffen Amis zu, ohne daß die Einheitlichkeit
des Werkes merkbar gestört wird. Wir haben es also nicht mit
„der Gattung des humoristischen Abenteuerromans“, der eine
starke Annäherung an die sogenannten Schwanksammlungen auf-
weist, zu tunll, sondern im Gegenteil mit einer Schwanksamm-
lung, die sich zum Abenteuerroman zusammenfügt.
Ähnlich steht es beim Faust. Eine Person seines Namens hat
sicher gelebt; um ı490 mag er in Knittlingen im Fürstentum
Simmern geboren sein. 1509 wird er Bakkalaureus!1?2. Ein fah-
render Astrolog und Magier, stellt er um 1520 dem Fürstbischof
von Bamberg, Georg Schenk von Limburg, die Nativität und
erhält dafür zehn Gulden Verehrung!3, Philipp von Hessen er-
wähnt ihn zwanzig Jahre später mit anerkennendem Lobe als
Kalender- und Sternkundigen1#, in Huttens Kreise muß er, einem
etwas älteren Briefe des Joachim Camerarius (vom ı3. VII.
11 wie F. Brie, Eulenspiegel in England. Berlin 1903, S. 69 will.
12 K. Kiesewetter, Faust in der Geschichte und Tradition. Leipzig 1893, S. 3 ff.
13 J. Mayerhofer, Faust beim Fürstbischof von Bamberg. Vierteljahrsschrift
für Literaturgeschichte III (1890), S. ı77f.
14 S.Szamatölski, Der historische Faust. Vierteljahrsschrift für Literaturgeschichte
II (1889), S 156fl.
Trennendes der inneren Struktur ııd
1536) zufolge, eine angesehene Stellung innegehabt, ja wahr-
scheinlich eine eigene kleine Gemeinde von Anhängen um sich
gesehen haben!5. Scharlatanhaft in allen Sätteln gerecht, ver-
schmäht er neben ernster Wissenschaft blenderhafte Zauber-
stückchen nicht; mit ihnen macht er sich beim Volke bekannt
und beliebt. So wird er der Zauberer, wie Eulenspiegel der Witz-
bold wurde; was an unglaublichen Anekdoten aus der übersinn-
lichen Welt von Mund zu Mund geht, wird seinem Namen ange-
heftet; von den Universitätsstädten, die er besucht, dringt die
Faustsage in weitere Kreise, die ihrerseits zu den akademischen
Geschichten hinzufügen, was sie an ähnlichen Begebenheiten
wissen 16. Wenn Johann Jacob Wecker z. B. in seinen De secretis
libri XVII (1582) eine Parallele zu Fausts Abenteuer mit den
betrunkenen Bauern bringt, so sehen wir daraus, daß solche
Anekdoten schon bekannt sind, ehe unser Volksbuch auf den Plan
tritt 17,
Es ist für die Beurteilung des Buches nebensächlich, ob es die
erste Sammlung von Faustanekdoten oder im Gegenteil nur das
letzte Glied einer langen Entwicklungskette darstellt, die von
einem lateinischen Urtext über zwei deutsche Bearbeitungen zu
ihm führt, wie man nicht eben mit unbedingter Glaubwürdigkeit
nachzuweisen versucht hat18. So oder so gesehen, stellt sich
der Faustroman als eine von ungeschickter Hand zusammen-
gefügte Kompilation dar, die in ihrem dritten Teil, ganz in der
Art des Eulenspiegels, Zauberschwänke des Helden ohne be-
sondere innere Verbindung aneinanderreiht, sich aber damit nicht
genug sein läßt, sondern in zwei einleitenden Kapiteln allerlei
Material über magische Begebenheiten zusammenhäuft, das ihrer
protestantisch- und moralisch -tendenziösen Absicht gelegen
kommt. Das harte Urteil, das Milchsack über das Werk fällt, ent-
behrt nicht tieferer Begründung: ein roh zusammengewürfeltes
15 G. Ellinger, Das Zeugnis des Camerarius über Faust. Vierteljahrsschrift für
Literaturgeschichte, II (1889), S. zı4ff.
16 R. Petschh Die Entstehung des Volksbuches von Doktor Faust. Germ.-
Roman. Monatsschrift, III (1911), S. 207 ff., sieht die Universitätskreise (Erfurt,
Wittenberg, Leipzig, Ingolstadt) allein als Nährboden der Sage an.
17 L. Fränkel, Neue Beiträge zur Literaturgeschichte der Faustfabel. Eupho-
rion II (1895), S. 756.
18 R. Petsch, Die Entstehung des Volksbuches vom Doktor Faust, S. 21ı6ff.
| g*
116 Trennendes der inneren Struktur
Material, roh eingeteilt nach ganz äußerlichen Gesichtspunkten,
überall Längen und Wiederholungen, Unklarheiten und Wider-
sprüche gerade an Stellen, wo wir meinen, den faustischen Ge-
nius hervorbrechen sehen zu müssen, das Ganze übergossen mit
einer wässerigen moralisierenden Brühe und in einer Sprache, so
ungelenk und stilistischer Klarheit und Rundung so sehr ent-
behrend, daß man trotz oft eingestreuter theologischer Brocken
zweifelt, ob der Schreiber wirklich eine theologische und über-
haupt eine gelehrte Bildung empfangen habe1!?; diesen Tatsachen
gegenüber bleiben alle Ehrenrettungsversuche, so temperamentvoll
und begeistert sie auch geführt wurden, ohne Aussicht auf tie-
feren Erfolg 20. Der Verfasser sieht seinen Ehrgeiz durchaus nicht
darin, eine einheitliche Darstellung des Zauberers und Menschen
zu bieten; die verschiedenartigen Quellen, die er aneinanderfügt,
stimmen nicht zusammen, so ergibt sich ein zwiespältiges, wider-
spruchsvolles Bild. Rastloser Philologenarbeit ist es gelungen, die
unbekümmerte Arbeitsweise des Verfassers fast völlig aufzu-
decken: wir wissen, woher er das Material für Fausts Reisen
genommen hat?l, wissen, daß der Lucidarius und andere Werke
seiner Art Quelle für die naturwissenschaftlichen Stellen sind 22,
daß er die einzelnen Länder eines nach dem andern nach den
Kapitelüberschriften von Sebastian Münsters Mappa Europae
(1536) aufzählt, unter Zuhilfenahme von Jobsts Chrönologia
(1536) 23, daß die Verse aus der Aurifaberschen Ausgabe der
19 C, Milchsack, Historia D. Johannis Fausti des Zauberers nach der Wolfen-
bütteler Handschrift. Wolfenbüttel 1892, S. XIII.
20 4. Seeger, Das Faustbuch von 1587. Programm des Victoriagymnasiums
Burg ı905, S. ı3, sieht als Grundmotive die Faustsche Forscheridee: „Ein
begabter junger Theologe verschreibt sich aus heißer Wißbegier dem Teufel,
‘ wird von ihm in die Geheimnisse der überirdischen und irdischen Welt ein-
geführt, bis er nach Ablauf der Vertragsfrist von 24 Jahren dem Satan ver- .
fällt.“ Er ist besonders beeinflußt von W. Meyer, Nürnberger Faustgeschichten,
Münchener Sitzungsberichte, Phil.-Hist. Klasse XX, 1897, der $. 37ı dem Volks-
buchverfasser ziemlich viel Talent zuspricht. „Der Mann hat versucht, ein
Seelengemälde zu zeichnen.“
21 G. Ellinger, Zu den Quellen des Faustbuches von 1587. Zeitschrift für vergl.
Lit.-Gesch. N. F. (1887/88), S. ı56ff.
22 S. Szamatölski, Kosmographisches aus dem Elucidarius. Vierteljahrsschrift für
Literaturgeschichte I (1888), S. 161 ff.
28 H. Hartmann, Fausts Reisen. Vierteljahrsschrift f. Lit.-Gesch.I (1888), S. 183 f.
Trennendes der inneren Struktur 117
Tischreden Luthers 2%, die poetische Stelle von den Adlerflügeln,
die Faust an sich nimmt, aus Luthers Bibel stammen. Hartmann
Schedels Chronik liefert theologische, astronomische und geogra-
phisch-historische Zutaten?5, Hondorffs Promptuarium exem-
plorum (Ausgabe von 1572) wird benutzt?6, die Liste der Fische
und Vögel, die Faust herbeizaubert, ist aus dem Dictionarium La-
tinogermanicum et vice versa germanicolatinum (Straßburg 1535)
abgeschrieben 2”, Brants Narrenschiff, das Lexikon des Petrus
Dasypodius?®, Wolf Wambachs Erfurter Chronik 29 sind ausge-
beutet; eine Historia von Hans Sachs liefert den Beweis, daß die
erzählten Anekdoten schon bekannt sind. So geht der Verfasser
weit über das Maß des Eulenspiegelautors hinaus; aber indem
dieser seine Lesefrüchte mit Geschick dem überlieferten Stoffe
einfügt, wahrt er die Einheitlichkeit des Ganzen, die bei jenem
so oft verloren geht. Faust — und mit ihm sein Trabant Wag-
ner — bildet demnach das Extrem einer Arbeitsmethode, die, ım
Fortunat angewandt, im Eulenspiegel ihren künstlerischen Höhe-
punkt erreicht 1. |
Vorgänge, wie bei Faust und Eulenspiegel, begegnen uns be-
reits im Volksepos; Karl der Große, Wilhelm von Orange sind
dort die Namen, unter denen sich die Sagen mannigfaltigster Her-
4 Stuckenberger, Faustbuchquellen. ebda. I, ı89f.; Fränkel, Entlehnungen im
ältesten Faustbuch. ebda. IV (1891), S. 361 fl. |
25 G. Milchsack, Historia D. Johannes Fausti $. XXI.
26 H. Wendroth, Hondorff als eine Quelle des Faustbuches. Euphorion XI (1904),
S. zoıff.
27 Bauer, Faustbuchquellen, Vierteljahrsschrift für Literaturgeschichte I (1888),
S. ıg0ff.
28 A. Bauer, Entlehnungen im ältesten Faustbuch. ebda. IV (1891), S. 381 ff.
29 S. Szamatdlski, Faust in Erfurt. Euphorion II (1895), $. zgff.
30 E. Schmidt, Faust und Luther. Berliner Sitzungsberichte. Phil.-Hist. Klasse
1896, I, z85 fl.
3 Im Gegensatz zu dieser Auffassung sah Kuno Fischer (Goethes Faust$ I,
Heidelberg ıg01, $. ı5ı) im Faustbuch einen durchaus erfundenen und er-
dichteten Roman; H. Grimm stellte es als bewußt konstruierte Schöpfung
(Pendant zu Augustin) dar (Die Entstehung des Volksbuches vom Dr. Faust.
Preußische Jahrbücher 47, 1881, S. 445ff.): gerade die Zauberepisoden, die
den eigentlichen Kern bilden, faßte er als jüngste Zusätze auf. Auf die Wider-
sprüche im Faustbuch machte J. Dumcke (Die deutschen Faustbücher, Phil.
Diss, Leipzig ı891) nachdrücklich aufmerksam ($. ıı).
118 Trennendes der inneren Struktur
kunft sammeln 32. In unserer Zeit stellt sich den zwei besproche-
nen noch ein drittes Beispiel zur Seite; kein einzelner Mensch,
sondern eine ganze Gruppe, eine größere Gemeinschaft von
Personen bildet hier den Sammelpunkt der sich vereinigenden
Schwänke und Anekdoten, die, wie sich die Eulenspiegelgeschich-
ten unter dem Oberbegriff einer bestimmten Scherzart, wie sich
die Faustabenteuer als Zaubereien darbieten, all die Ortsnecke-
reien, all den Nachbarspott in sich bergen, der zu jenen Zeiten
von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt getragen wird: es ist das
Lalebuch, das nun den Bewohnern des sächsischen Städtchens
Schilda33 die Rolle zumißt, die im Altertum die Tirynthier ein-
nahmen. Auf dem Titelblatt stehen die Worte: mit Priuilegien des
Authoris allezeit zu verbessern und zu vermehren, aber nüt nach-
zudrucken; sie könnten ebensogut über Fortunat, Eulenspiegel
oder Faust stehen und kennzeichnen jedenfalls Absicht und Stel-
lungnahme des Bearbeiters zur Genüge. Der eigentliche Leitge-
danke, unter den er seine gesammelten Schwänke stellen will:
consuetudo aliera natura wird vom ersten Streich ab durch-
brochen; mit ihrer ersten, noch bewußt geübten Torheit sind die
Lalebürger vollendete Narren. So reiht sich Schwank an Schwank,
Torheit an Torheit; der führende und verbindende Gedanke geht
verloren; wie bei Eulenspiegel und Faust können spätere Auflagen
hinzusetzen oder fortlassen, was ihnen beliebt, ohne das Werk
zu verstümmeln. Die Geschichte braucht nie ein Ende zu haben,
wie die Fortsetzungen beweisen 3%.
Diesen Charakter des Werkes hat die Forschung früh erkannt;
bereits Uhland sieht im Lalebuch ein typisches Beispiel für die
Umwandlung von Schwänken in den komischen Roman 5. Lange
vor ihm bemerkt Christoph Langer, daß sich in diesem Buche
Anekdoten aus Bebels Fazetien und Freys Gartengesellschaft wie-
82 Vgl. John Meier, Werden und Leben des Volksepos. Baseler Rektoratsrede.
Halle 1909, S. 7f.
8 L. Arbusow (Schildbürger in Livland. Vierteljahrsschrift für Literatur-
geschichte, I, ı888, S. 475ff.) will Bauske als die Heimat der Schildbürger,
einen Magister Martinus Neydhart als Verfasser erweisen.
% B. Steiner, Ludwig Tieck und die Volksbücher. Berlin 1893, S. 13.
3 L. Uhland, Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage II. Stutt-
gart 1866, S. 568.
Trennendes der inneren Struktur 119
derfinden®®, und die neuere Forschung hat als Quellen außer
diesen beiden die Schwanksammler Montanus, Schumann, Kirch-
hof und auch Caspar Scheid erwiesen, die der Bearbeiter des
Lalebuches zum Teil wörtlich ausschreibt37; eigenes hat er
wie der Faustautor dem Werke nicht hinzugefügt. Er macht
auch selbst gar kein Hehl aus seiner Arbeitsweise: sagt
er doch, er habe seine Historien in eyl auffgezwackt, etlicher
massen in ein ordnung gebracht, und folgender massen verzeich-
net; seine Berufung auf eine rotwelsche Vorlage sucht lediglich
die Aufmerksamkeit von den wirklichen Quellen abzulenken und
so den wahren Sachverhalt zu verschleiern. Die Fortsetzungen
des Buches verfahren ganz in seinem Sinne; drei Viertel der
„Hummeln“ z. B. bestehen aus einer Prosaauflösung von Scheids
Grobianus, von dem nicht nur die Worte, sondern zum Teil auch
die Verse übernommen werden.
Neben dieser Feststellung hat die Frage nach Namen und
Stand des Verfassers nur eine nebengeordnete Bedeutung ®. Sehr
wahrscheinlich müssen wir ihn in Süddeutschland, am Oberrhein
suchen; vielleicht ist er Angehöriger der Straßburger Universität,
jedenfalls katholisch und Jurist. Das Schildbürgerbuch hat einen
andern, anscheinend mitteldeutschen Bearbeiter??. Jeep hat ver-
sucht, einen Wittenbergischen Juristen als Verfasser beider Werke
zu erweisen, der sich, von den Bewohnern Schildas gelegentlich
einer Visitation gekränkt, durch eine satirische Verhöhnung ihrer
Gemeinde rächt (Lalebuch) und sie schließlich völlig entlarvt
(Schildbürgerbuch) 0; um seiner Hypothese sicheren Boden unter-
zubreiten, muß er ein Entwicklungsschema konstruieren, das
dem von uns gefundenen genau entgegenläuft: der Antrieb zum
86 J. Christoph Langer, Verteidigung der Stadt Schilda. Wider die gemeinen
doch ungebührlichen Auflagen. Frankfurt-Leipzig 1747, S. 9, ı6, 35f.
37 E. Jeep, Hans Friedrich von Schönberg. Wolfenbüttel 1890, S. 21; K. Goe-
deke, Schwänke des ı6. Jahrhunderts. Leipzig ı879, $S. XXII.
88 S. Singer, Der Verfasser der Schildbürger. Vierteljahrsschrift für Literatur-
geschichte I (1888), S. 274ff. bemüht sich um die Entzifferung des Ana-
gramms, das das Titelblatt bietet, wird aber von E. Schröder, Die Heimat des
Buches der Schildbürger (ebda., I, 471 ff.) humorvoll abgewiesen.
89 Das Lalebuch (1597) mit den Abweichungen und Erweiterungen der Schild-
bürger (1598) und des Grillenvertreibers (1603), hg. von Ä.v. Bahder (Hallesche
Neudrucke 236— 239; ı914), $. IVfk.
# H. Jeep, Hans Friedrich von Schönberg. Wolfenbüttel 1890.
120 Trennendes der inneren Struktur
Werke sei der Ärger über die Bewohner Schildas gewesen, der
sich dann in einer Satire Luft gemacht habe; so sei Schilda als
Narrenort ins Bewußtsein des Volkes übergegangen, dessen dich-
' terische Tätigkeit nun erst eingesetzt habe. Vergleiche mit Fortu-
RER OU een;
nat, Eulenspiegel und Faust lehren im Gegenteil, daß die Samm-
lung den Abschluß der dichterischen Tätigkeit des Volkes dar-
stellt; die Lale- und Schildbürgerbücher sind keine ‚„Personal-
satire‘, nicht „die Revanche eines geistreichen Gelehrten für
erlittene Kränkung‘ *!, sondern eine Sammlung von bekannten
Ortsneckereien, die, anfangs an einem imaginären Ort stationiert,
schließlich an Schilda geheftet werden.
Diese Technik der Volksromane: aneinanderzureihen, ohne
großes Gewicht auf die innere Verknüpfung zu legen, zeigt sich
nicht nur in der inneren Diktion der Werke, in ihrem ganzen
Wurf, sondern auch in der Art zu erzählen, und hier fast noch
augenfälliger als dort. Es sind die Kapiteleingänge, die hier
bezeichnend sind: sie wahren die Verbindung mit der vorhergehen-
den Historie nur in den seltensten Fällen, sondern haben ihre
eigene Einleitung, die ihre Selbständigkeit erweist. Im Fortunat,
der unter den vier Werken noch am stärksten den Charakter des
einheitlichen Romanes wahrt, findet sich diese Eigenart am
wenigsten, im Eulenspiegel, der am freiesten von Moralsucht und
Tendenz ist, ist sie besonders stark. Wir bemerken, daß gern
Sprichwörter oder Sentenzen an den Eingang seimer Historien
gestellt werden: recht bewert arziny schücht man zu zeiten vmm
eins cleinen gelts willen und man mus den landlöfferen offt noch
so vil geben (Hist. 16); rüw gibt brot (Hist. 18); nieman sol
sich betrüben, daz dem schalckhafftligen iuden ein oug verhalten
wurt (Hist. 35); alles dings waren die leült etwan nit so
schalckhafftig als ieiz, sunderlichen die landlüt (Hist. 36); gross-
listig lüt sein dy swaben, vnd wa die des ersien hin kumen vmb
narung, vnd die nit finden, da verdirbt ein anderer gar, doch
seind ir etlich auch mer geneigt vff den bierkrug vnd vff dz
suffen, dan vff ir arbeit, desshalben ir werkstat vfft wüst ligen
(Hist. 54); bosse und zornig nachred bringen bösen lon (Hist.
84): es ist die Art der Beispielsgeschichten, so zu beginnen;
ähnlich beginnen auch die Exempelanekdoten der Sieben weisen
41 ebda., S. 62.
Trennendes der inneren Struktur ‚121
Meister. Andere Historien kennzeichnen sich wiederum durch
ihren Eingang als selbständige Schwänke: Abentürliche ding trib
Ulenspiegel in dem land zu Hessen (Hist. 27); in allen landen
het sich Ulenspiegel nit seiner bossheit bekant gemacht, vnd wa
er vor einmal gewesen waz, da wz er nit wilkum, es wer dan das
er sich vercleidet, dz2 man in nit kant (Hist. 31); Ulenspiegel
was künstlich in der schalckeit (Hist. 53); mit durchtribner
schalckheit was Ulenspiegel geweihet (Hist. 34); vil schalckheit
Ulenspiegel den schuch machern gtihon nit allein an eim ort
sunder an vil enden (Hist. 47); schnell kund Ulenspiegel einer
guten schalckheit geraten, als er wol beweise zu Leipzig (Hıst.
55); Ulenspiegel kunt sein schalckheit nit lassen (Hist. 60);
gesottiens vnd gebraiens wolt ulenspiegel allzeit essen darumb
“ musste er sehen wa er das neme (Hist.. 68); selizame vunnd lecher-
lich ding treib Ulenspiegel zu Bremen (Hist. 70); horen was
Ulenspiegel zu Stasfurt getrieben het (Hist. 83); recht und red-
lich bezalt Ulenspiegel einen hochlender (Hist. 86) usw.; ähn-
liches findet sich auch im Faust: in Eissleben ist ein comet ge-
sehen worden, der wunder gross war; dem doct. Fausto, wie
man zusagen pflegt, traumete von der helle, oder im Lalebuch:
die Lale waren handlich daran mit jhrer narrey vnnd trieben
solche so vil, dass sie es in gewonheit brachten; die Lalen waren
ernsthafft in jrem thun, sonderlich in betrachiung des gemeinen
nutzes; zwen bawren zu Laleburg waren nachbaurn, hatien jre
häuser nahe an einander: jeder dieser Eingänge gibt eine voll-
ständige neue Einleitung, die auf bisher Erzähltes gar keine
Rücksicht nimmt, und ebensogut über dem ganzen Buch stehen
könnte. So erzählt einer, der einen ganz bestimmten Fall, keinen
völligen Roman berichten will: eine Sammlung von Anekdoten
und Geschichten sind diese Bücher auch nach dem Zeugnis ihrer
Kapiteleingänge, die nichts weniger als eine Verknüpfung und
Verbindung von Historie zu Historie darstellen. O. L. B. Wolff
würde in unsern Volksromanen kaum gute Romane erblicken 2.
Unter den Werken der andern Gattung hat das Siegfried-
buch in seiner Entstehung noch die meiste Ähnlichkeit mit den
2 O.L.B. Wolff, Allgemeine Geschichte des Romans von dessen Ursprung
bis zur neuesten Zeit. Jena 1841, S. ıg: „Ein guter Roman ist Nichts, als
eine Reihe geschickt miteinander verknüpfter Novellen.“
Ii22 Trennendes der inneren Struktur
Volksromanen. Keine späte Auflösung des Liedes vom hürnen
Seyfrid, wie man unter Uhlands Einfluß 3 lange Zeit angenom-
men hat*, entstammt seine Überlieferung einer viel früheren
Zeit, möglicherweise dem dritten Jahrzehnt des ı3. Jahrhun-
derts%5, wie eine Vergleichung mit Füetrers Bearbeitung von
Albrecht von Scharfenbergs Seifrid de Ardemont lehrt26. In
diesen alten Stoff nun werden Episoden aus andern Quellen ein-
geschoben #7; so entsteht, freilich in weitaus geringerem Umfange,
eine Kompilation nach der Art des Fortunat. Aber die Linie ist
hier doch gerader, das Ganze einheitlicher; zwischen den einzelnen
Abschnitten verschiedener Herkunft sind keine besonders fühl-
baren Risse, ein Held, eine Handlung wird dargestellt, und jede
Historie hat ihre Bedeutung für die Gesamtheit der Handlung,
aus der sie nicht ohne weiteres entfernt werden kann.
Schon aus diesem Beispiel erhellt die starke stoffliche Ge-
bundenheit, durch die der Bearbeiter des volkstümlichen Romans
gegenüber dem freischaltenden Autor des Volksromanes in ge-
wisse Grenzen gebannt ist. Er hat eine Vorlage, und gleichgültig,
ob sie in einer fremden oder seiner Muttersprache abgefaßt
ist, sie bedeutet für ihn eine Ziel- und Richtunggebung, die er
beobachten !nuß. Die meisten Prosaauflöser oder Übersetzer
hängen sehr an ihrem Originale, von dem sie sich nicht ohne
Not entfernen, und das sie höchstens einmal durch eine erklärende
oder erziehende Anmerkung erweitern; Tristrant, Oswalt4# und
Phyloconio und Eugenia sind hier typische Beispiele. Das Kleben
an der Vorlage führt oft zu großen Ungereimtheiten; der Über-
setzer von Herpin überträgt die Worte seiner Quelle: et je vous
chanterai une bonne chanson getrost durch: Ich wil euch singen
48 Uhland, Schriften I (1865), S. 427. .
#4 so noch W. Golther in seiner Ausgabe des Volksbuchs vom gehörnten Sieg-
fried (Hallische Neudrucke 81/82, Halle ı889), S. XXV ff. |
45 G. Brockstedt, Noch einmal das Volksbuch vom „gehörnten Siegfried“.
Herrigs Archiv ı25 (1910), S. 288ff.
4 F. Panzer, Merlin und Seifrid de Ardemont von Albrecht von Scharfenberg
in der Bearbeitung Ulrich Füetrers. Bibliothek des Literarischen Vereins 227,
S. CXIIfE.
47 F. Brie, Das Volksbuch vom „gehörnten Siegfried“ und Sidneys „Arcadia“.
Herrigs Archiv ı2ı (1908), S. 287ff.; G. Brockstedt, Zu der Abhandlung Fried-
rich Bries usw., ebda., 123 (1909), $. ı55ff.
43 4A. Edzardi, Die Stuttgarter Oswaltprosa. Germania 20, 190ff.
Trennendes der inneren Struktur 123
ein lied; erst spätere Handschriften ändern sinngemäß in gut
hystori um. Aber auch Bearbeiter wie Thüring von Ringoltingen,
der von sich bekennt, er habe den sinn der materye nit gantz
nach dem welschen gesetzt, doch die substantz der matery so
best er künd, begriffen und der demgemäß die ganze Anlage des
Werkes ändert, indem er die fünfzehn langen Kapitel seiner Vor-
lage in sechsundsechzig übersichtliche Abschnitte auflöst, der
ihm unzweckmäßig erscheinende Episoden und Rührszenen fort-
läßt und statt ihrer gelehrte oder ethische Reflexionen einschiebt,
selbst solche Bearbeiter sind an ihren Stoff gebunden und können
sich nur innerhalb eines verhältnismäßig eng gezogenen Kreises
frei bewegen. Die Rahmenerzählung im Lalebuch ist geistiges
Eigentum des Kompilators; die der Melusine, der Sieben weisen
Meister sind von der Quelle übernommen und lassen in keiner
Weise Schlüsse auf Art und künstlerischen Geschmack des Be-
arbeiters zu. So tragen die Volksromane ein viel individuelleres
Gepräge als die volkstümlichen; Fortunat, Faust, Eulenspiegel,
Schildbürger sind Welten für sich, unvertauschbar mit einander,
sind Gattungsbegriffe und Prototypen; zwischen Oktavian und
Fierabras, Olwier und Loher, Siegfried und Wigoleis bestehen
nur kleine Unterschiede äußerlichen Erlebens, keine innerlicher
Natur. Dort Charaktere, hier Schablonen; wer den Typ des
Zauberideals deutscher Übergangszeit kennenlernen will, muß
den Faust lesen; wer in die ritterliche Epigonenwelt hineinzu-
blicken wünscht, hat die Wahl zwischen ein paar Dutzend Wer-
ken, und wenn er ihrer eines gelesen hat, kennt er sie alle.
Mit Herkunft und Entstehung hängt naturgemäß die innere
Formgebung auf das stärkste zusammen. Eulenspiegel, Faust und
Schildbürger umfassen das eigentliche volksmäßige Gut der Re-
formationszeit, das aus Deutschland in die Nachbarländer dringt ®,
gleichsam als Gegengabe für die Flut der ritterlichen Romane,
die ihm gegeben werden. Hält man diese Bücher neben die volks-
tümlichen Romane, so erscheinen sie fast wie bewußte Gegen-
stücke zu jenen 50; unmittelbarer, natürlicher reden sie zu ihren
Lesern, und selbst der Faust erscheint bei all seiner Tendenz und
49 E. Martin, Beiträge zur elsässischen Philologie. Jahrbuch für Geschichte,
Sprache und Literatur Elsaß-Lothringens. XIII (1897), S. 203.
50 So auch! A. C. Vilmar, Geschichte der deutschen Nationalliteratur®. Mar-
124 Trennendes der inneren Struktur
Moral, mit der ihn sem ungeschickter Bearbeiter umkleidet, wie
eine Befreiung gegenüber der Servilität und Pedanterie der Hay-
monskinder oder der Melusine. Das glücklichste Geschick hat der
Eulenspiegel; tendenzlos geht sein Verfasser an ihn heran, ohne
einen Willen zur Moral oder prunkenden Gelehrsamkeit, nur
allein vmb ein froelich gemit zu machen in schweren zeiten, vnnd
die lesenden vnd zuhörenden mögen gute kurtzweilige froeden
vnd schwenck daruss fabulieren, und mit lustigen Worten tut er
den Zweck seiner Arbeit kund: und dienet dise mein geschrifft
aller best zu lesen (vff dz der gots dienst nitt verhindert werd) so
sich die müss under den bencken beissen vnnd die stund kurtz
werden vnnd so die braten birn wol schmecken bei dem nuwen
wein. Eulenspiegel ist der Held eines bisher mit völligem Still-
schweigen oder beißender Ironie erdrückten Volksteiles, seine
spöttischen Taten sind eine lustige Rache am Unrecht der Jahr-
hunderte: in den Jahrhunderten des Standesbewußtseins muß er
so eine außerordentliche Bedeutung erhalten. Wie beliebt seine
Figur wird, erzählt Fischart in seiner Vorrede zum Eulenspiegel
Reimensweiß: dieweil mann den armen Eulenspiegel — nun viel
har her in mancherley weiss art, sprachen, format, gross vnd
klein, grob vnd gmein, figürlich und onfigürlich, zierlich und
vnzierlich, aber doch alle viesierlich, aussgangen, vnd im truck
sehen worden. John Brinkman zeigt ein feines Verständnis für
die tiefere Bedeutung des Volksromans, wenn er Gott auf dem
Grabe des „richtigen Ulkmeisters und Spaßmakeroltgesellen“
rastend, sagen läßt51: „Grar dei lütt Mann achter dei Plaugschar
und den Hakenstirt, achter Huwelbänk un Ambolt, in den Kne:-
reim und up den Sniderdisch, dor passt sick so'n Uhlenspiegel-
stückchen sir gaud hin, dat vermündert und verfrischt sei
dusendmal bäter bi er ewige Arbeid es den Düwel sin knäpigste
duwwelte Kaem. Da is er jo so notwennig as dat Solt up dat
Brod, und dei lustige Weisheit, dei ut den Volksmund flütt, hölt
dat och nich gegen mit Evangelium Stich, so rangiert sei doch
achter Salomonissen un Jesus Sirachen. Alleın dei ein Witz von
burg ı856, S. 392. Von ihm ist die Darstellung G. Webers, Allgemeine Welt
geschichte, X. Band, Leipzig ı886, S. 895 abhängig.
51 J. Brinckman, Uns’ Herrgott up Reisen, 1870. Vgl. auch J. Winckler, Der toll
Bomberg, S. ı57fl. Klabund, Bumke.
Trennendes der inneren Struktur 125
Uhlenspiegeln mit den Klang vom sie Geld dei ward so olt warden
es dei Welt sülst.“
Das Lalebuch kommt dem Eulenspiegel in der inneren Form-
gebung am nächsten. Männiglichen zu ehrlicher kurtzweil vnd
zeitvertreibung will es dienen; der moralische Nebenton_ tritt
neben diesem Unterhaltungszweck nur schwach hervor, wenn
auch nicht verhehlt wird, daß durch das Werkchen ein Gegen-
gewicht zu den groben zotten im rollwagen, gartengesellschaft,
cento nouella, katzipori vnd andern vnreimen scribenten, welche
wol aussschneidens bedörfften, geschaffen werden soll. Der Witz
ist nicht mehr so frei, so unbekümmert, wie beim Eulenspiegel;
während man dort das Volk selbst erzählen zu hören vermeint,
trıtt hier doch die Person des Bearbeiters oft störend zwischen
Stoff und Leser; geschraubter Ausdruck, unvolksmäßige Pointe
und Ironie verbrämen die Schwänke. Aber all dies Drum und Dran
kann die lebensvolle, volkstümliche Kraft der einzelnen Historien,
die in bunter Schar am Leser vorüberziehen, nicht schwächen ; immer
wieder und gerade an den Höhepunkten gewinnt der Stoff Gewalt
über den Bearbeiter, läßt dieser Reflexion und Ironie fallen und
erzählt, wie der Bauer am Biertisch, derb und gedrängt, ohne
Nebenabsicht. Erst im Grillenvertreiber geht diese Natürlichkeit
völlig verloren; während die Vorrede des Schildbürgerbuches noch
ein großer lustiger Schwank ist, beschäftigt sich die Einleitung des
Grillenvertreibers eingehend und philosophisch mit dem Problem
der Narrheit; die Absicht ist eine andere geworden, und der neue
reflektorische Zweck beherrscht das Ganze, damit ist das Buch dem
Empfinden des Volkes unendlich fern gerückt; „ein Bild nach
seinem Wollen“ 52 ist das Werk nun nicht mehr.
Weniger kennzeichnet sich der Fortunat als Kind des Volkes;
er gehört weniger aufs Land als in die Stadt, und die Märchen-
motive, die sich in ihm finden, sind wohl schon damals mehr
Kindern als Erwachsenen geläufig gewesen. Sein Held ist das
Ideal des Bürgers, des Kaufmanns; ritterlichem Wesen zwar in
gleicher Weise fremd wie Eulenspiegel oder Faust, fehlt ihm
doch das eigentlich Heldenhafte, das jener durch seine land-
weite Berühmtheit als Narr, dieser durch seine Zauberkraft be-
52 Vgl. E. Fehrle, Badische Volkskunde I. Leipzig ı924, S. 72, wo er über
Formwillen und Schaffungsvermögen des Landvolkes spricht.
126 Trennendes der inneren Struktur
sitzt, und hätte er nicht Säckel und Wunderhütchen, wäre er
ohne alles Interesse. So aber grenzt seine Welt an die Fausts, des
Besitzers des Zaubermantels, und grenzt auch an die Landstraßen-
welt des fahrenden Mannes Eulenspiegel. Der starke soziale Zug,
der den eigentlichen Grundgedanken bildet (ein ganz Armer wird
ganz reich), trägt zur Volkstümlichkeit bei. So vervollständigt
dieses Buch das Bild der Freiheit, auf der die neue Kultur be-
ruht: Bürger, Landvolk, Gelehrte finden in Fortunat, Eulen-
spiegel und Faust ihre ideale Verklärung.
Dadurch, daß ein Gelehrter versucht hat, im Faust das Charak-
tergemälde des Gelehrten zu zeichnen, ist dieses dem Empfinden
des Volkes ferner gerückt. Zwar wenden sich auch die beiden
ersten Teile des Buches an weiteste Kreise und sind aus Begehren
und Empfinden breitester Schichten herausgewachsen, all die
eschatologischen Gespräche, die Reisen über Land und Meer, zum
Himmel und zur Hölle, aber volkstümlich ist doch allein nur der
dritte, „teils ergetzliche, teils gruselige Abschnitt‘ 53, er verschafft
dem Werke seinen durchschlagenden Erfolg, er schlägt die Ver-
bindungsbrücken zu den andern Historien- und Schwankbüchern.
Es ist ähnlich wie beim Lalebuche: die beiden den Auftakt bilden-
den Teile stehen unter der völligen Macht bewußter Reflexion,
Tendenz und Moral, im dritten bekommt der Stoff die Herrschaft
über den Bearbeiter, nun fließen die Geschichten ohne Störung
lustig vorüber. Man fühlt, daß hier etwas erzählt wird, was ganz:
andere Bedeutung hat als die Fragen nach der Beschaffenheit der
Hölle oder der Seligkeit der gefallenen Engel; die Stimmung
wird gemütlicher, einfacher, die Plauderei tritt an die Stelle der
Belehrung; Faust wird nicht mehr wie im Anfang mit den Augen
des kritischen Mitgelehrten, sondern mit den bewundernden des
Laien betrachtet. Die Zimmernsche Chronik wünscht die Auf-
zeichnung der Faustanekdoten, nicht der Faustgespräche; man
fühlt: „Eine so wichtige, dem Volksinteresse wie dem Volks-
glauben gleich wertvolle Sage wollte aufgezeichnet und literarisch
fortgepflanzt werden“ 5%. Und es sind nur die ersten Abschnitte,
53 E. Schmidt, Faust und Luther. Sitzungsberichte Berlin. Phil.-hist. Klasse 1896, 1
569. Vgl. ferner E. Wolf, Faust und Luther (Halle ı912), der in Faust eine
antiprotestantische Persiflage Luthers erblicken will.
54 K. Fischer, Goethes Faust® I. Heidelberg ı901, S. 103f.
Trennendes der inneren Struktur 127
die der Erzählung ihre Naivität und Einfachheit rauben55; im
dritten stellt sich Faust nach Ton und Erzählungsart den andern
Volksromanen durchaus gleichförmig an die Seite. Seine innere
Verwandtschaft mit Eulenspiegel hat bereits Gervinus beobach-
tet56; auch er ein Landfahrer, auch er zu Späßen geneigt —
wie weltverschieden ist der Faust, der Sultan und Papst foppt,
der Studenten und Bauern spöttisch ängstigt, von dem, der mit
Mephisto lange und geschraubte Gespräche über die fernsten
Dinge führt! Und wenn beide, er sowohl wie Eulenspiegel, freilich
mit entgegengesetztem Erfolge, Flugversuche unternehmen, so er-
kennen wir in dieser Übereinstimmung die Sehnsucht des Volkes
nach der Erreichung eines Zieles, das Männer wie Agrippa, Car-
danus und Porta zu Grübeln und Versuch reizt, und dessen Ver-
wirklichung noch Jahrhunderte auf sich warten läßt.
Zu dieser stark individuellen Prägung der Volksromane, die
wiederum doch Wunsch und Willen ganzer Klassen darstellen,
steht die typische Formgebung der volkstümlichen Romane in
schroffem Gegensatz. Es ist beobachtet worden, daß es im roma-
nischen Abenteurerromane immer die Ereignisse sind, die den
Leser fesseln, während die Menschen nur als Träger solchen
Geschehens interessieren; im Deutschen dagegen steht der Held
im Brennpunkt der Aufmerksamkeit5?. Ähnlich stehen sich die
beiden großen Gattungen der Volksbücher gegenüber. Es ist
der Unterschied zwischen der Freude am eigenen Gedankengut
und der am fremden Stoff, der den Volksroman vom volkstüm-
lichen scheidet; dort regt das Buch zum Fortfabulieren an, hier
wird es als Fertiges, Ganzes, an dem nichts mehr zu ergänzen
oder zu ändern bleibt, entgegengenommen. Es „wird allmählich
immer weniger ernsthafte Angelegenheit der Nation‘ 58. Fortunats
Wundersäckel ist einzig in seiner Art; Tristrants Schwert wahin
daz mit krafft ward geschlagen, mocht kein stahel vor im be-
steen, unterscheidet sich in Nichts von Siegfrieds Waffe. Faust
55 was S$. Szamatölski, Das Faustbuch des Christlich Meynenden (1725),
Deutsche Literaturdenkmale des ı8. und ı9. Jahrhunderts, Nr. 39. Stuttgart
1891. S.V., verkennt.
56 G. G. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung 5. Leipzig 1871, II 541.
57 R. Müller-Freienfels, Die Psychologie des deutschen Menschen und seiner
Kultur. München 1922, $. 163.
58 R. Benz, Die deutschen Volksbücher. Jena 1913, $. 39.
1238 Trennendes der inneren Struktur
ist in Erlebnis und Lebenswillen ein durchaus markanter Cha-
rakter; der Raymund der Melusine ist ein lehrbegieriger jüng-
ling, genau wie der Reinold der Haymonskinder oder Magelonens
Peter. Immer wieder spürt man, daß diese Bücher durch empha-
tischen Rhapsodenvortr:g eine gleichförmige Grellheit der auf-
getragenen Farben erhalten haben, die alle zarteren Wirkungen
beschaulicher Erzählungskunst erdrückt59; sie werden vorgetragen,
jene erzählt: das ist der Unterschied.
So hängt es nicht mit dem völligen Fehlen ritterlichen Erleb-
nisses in den Volksromanen zusammen, daß diese nichts von dem
Blutdurst, der Freude am unmäßigen Morde an sich haben wie
jene volkstümlichen Romane. Nur dem Franzosen wird all dies
zur Wollust6, der Germane ist ihm abhold. Durch die Ein-
deutschung der chanson-de-geste-Dichtung gewinnt solch Element
in den sog. Volksepen Heimatrecht61: die höfische Dichtung
empfindet es als unfein und hält es von sich fern. Aber in den
Rittergeschichten der Volksromane leuchtet es wieder auf; die
Dichtung, die nur durch Übersteigerungen glaubt wirken zu
können, verstärkt auch den Mord ins Maßlose. In Eilhards Tristran
heißt es (vgl. 6082£.):
der heren mit den mannen
wart dö harte vele irslagin,
daraus vergröbert der Roman: ward der sireit als gross, das man
an etlichen enden im blut gienge biss zum knye; in der Melusine
wird erzählt, wie der chrisien schwerdter unter den unglaubigen
obsiegten, und derselbigen köpfe, gleich den kraut häuptern,
von ihren rümpfen, als ob sie niemahls dagestanden wären, ab-
huben; im Siegfried schlägt ein Held dem andern eine solche
tieffe wunden, dass das blut hauffen-weise von ihm lieff; das
Hugscheppelbuch erzählt: ir keyner schonete des anderm als
lützel als die melziger yres viches schonent, so sy is under die
fleysch bencken stechen und slagen. Zwischen dieser Blutgier und
59 Vgl. L. Wolf, Der groteske und hyperbolische Stil des mittelhochdeutschen
Volksepos. Palästra XXV (1903), S. 4.
60 G. Roethe, Von deutscher Art und Kultur. Berlin 1915, S. 13.
61 Vgl. L. Wolf, Der groteske und hyperbolische Stil der mittelhochdeutschen
“ Volksepos, $. 82 ff. und Stellen wie König Rother v. 568ff., Kaiserchronik
v. 14087ff., 16675ff. u. a. m.
Trennendes der inneren Struktur 129
der Vorliebe etwa Heinrich Seuses für grauenhafte Schilde-
rungen62 bleibt doch eine weite Kluft; zwar sind Nerven und
Sinne durch das eigene Zeiterleben zu solchen Erzählungen ge-
stärkt, aber es wäre doch verfehlt, nun in diesen Schilderungen
etwa Zeitbilder sehen zu wollen63. Fausts Tod ist gewiß nicht
sehr zart und ästhetisch gemalt, alle Register des Grausigen
sind hier aufgezogen: aber von der Bluttollheit der Ritterromane
ist diese Begebenheit, die freilich dem Zeitgeist völlig entspricht,
doch weltenweit verschieden.
Auch in anderer Beziehung zeigt es sich, daß die Volksromane
bessere Zeitschilderer sind als die Ritterbücher: in ihrer Stellung
zum Witz. Es ist die Epoche des uneingeschränkten Humors;
Agrippa schreibt sein Lob des Esels, Luther ersinnt die Fabel
vom Esel Tierkönig, die Zimmernsche Chronik hallt wider von
Späßen und Scherzen aller Art. Als Karlstadt die Reformatoren
als Narren brandmarkt, schreibt Luther an Brück: wohlan so
wollen wir narren sein in Christo: es ist, als ob dieses Wort als
Leitsatz über dem ganzen öffentlichen und privaten Leben der
Zeit stände. Erasmus bezeichnet im Lob der Narrheit die Narren
als die glücklichsten unter den Sterblichen und zieht ihr Los
dem der Weisen unbedenklich vor; Hans Sachs weiß sich in
Schwänken 6 und Meistergesängen 65° gar nicht Genüge zu tun
im Darstellen närrischen Erlebens; Sebastian Frank bekennt:
thorheyt zu gelegner zeyt ist die grösste weissheyt. Wird doch
selbst der Tod in solchem Gewande dargestellt 66, wie er auf sei-
nem Holzinstrument, dem „hülzern Gelächter‘, dem Sterbenden
. zum Scheiden aufspielt:
62 K. Franke, Die Kulturwerte der deutschen Literatur des Mittelalters. Berlin
ı910, $. ı92fl.
68 Was W. Liepe, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken, S. ı3 nicht scharf genug
hervorhebt.
% 7.B.Der Narrenfresser, Das Narrenbad, Der vertretene Narr, Der ungeratene
Narr, Der Edelmann mit dem Narren und der Wahrheit, Drei Schwänke des
Klaus Narr, Die drei Verwunderungen des Klaus Narr, Der Narrenbruder,
Der Kram der Narrenkappen u. a.
65 Z. B. Der Narrenfresser, Das Narrenbad, Der Edelmann mıt dem Narren-
magen, Der Narr mit der Wahrheit, Der Narr mit dem Doktor, Klaus Narr
Hosenscheiß und drei weitere Schwänke desselben ae Der gestorbene
Narr, Der Narr mit dem Windmachen u. a.
66 Holzschnitt zu Hans Sachs „Tod und die zwei Liebhabenden“, 1555.
Mackensen, Die deutschen Volksbücher )
130 Trennendes der inneren Struktur
euch hilft kein weinen und kein klagen,
ich muss euchs hülzern glächter schlagen.
Die Turnierkämpfe der Gesellenstechen tragen Narrentracht; der
Brief soll scherzhafte Unterlialtung bieten 6; ganze Vereine wie
die Gesellschaft der Narrenmutter in Dijon (vor 1450) oder die
Geckengesellschaft in Cleve (seit 1381) machen sich Narr-
heit zur Lebensaufgabe. So werden Narrenfeste gefeiert; in
Stockach findet allfastnachtlich ein Narrengericht statt, daß die
gesellschaftlichen Zustände verhöhnt6?, Kirchenfeste erhalten
komischen Charakter 70; im Straßburger Münster versteckt sich zu
Pfingsten ein Mann auf der Orgelbühne und sucht durch
Zwischenrufe die Heiterkeit der Gemeinde zu erregen: selbst der
Einfluß Geilers von Kaisersberg, der zweimal gegen diese Un-
sitte vorgeht (1496 und 1501), vermag keine Änderung zu
schaffen ’1. Ist es doch die Zeit der Weihnachtspossen und des
Ostergelächters, die Zeit, in der, zuerst in Italien, der Landgeist-
liche die Rolle des Hofnarren übernimmt??! Als Maximilian
ı4gı Nürnberg besucht, wird ihm zu Ehren ein lächerliches
Turnier von spaßhaften Zwergen mit Helmen von Stroh und
komischen Waffen aufgeführt?3: jede Feier ist undenkbar ohne
Witz. und Gelächter.
So repräsentiert Eulenspiegel seine Zeit, nicht nur eine Klasse
der Gesellschaft”. Was ein mittelniederdeutsches Fastnachts-
spiel ausspricht:
ein schalk stekt ock wol in einem simpin burn?>
. 61 G. Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes I. Berlin 1889, S. 85. 106.
. Albrecht Achilles schreibt an seine Gattin Anna: flicht narreteiding mit darein dein
und der jungfrawen halben; die Briefformulare enthalten Beispiele für Briefe
zur uffweckung des: glächters.
68 Flögel, Geschichte des Grotesk-Komischen S. 271 ff.
69 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur II? gg.
70 F, Fick, Die Hofnarren, Lustigmacher, Possenreißer und Volksnarren, Stutt-
gart 1861, II 474.
71 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur II? 126.
72 K. Borinski, Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur
Gegenwart, I. Stuttgart-Berlin-Leipzig 1921, S. 290. Ä
78 R. Gende, Hans Sachs und seine Zeit. Leipzig 1894, S. 55.
74 Wie W. Grimm, Kleine Schriften II (1882), S. 59 meinte.
76 Mittelniederdeutsche Fastnachtsspiele, hg. von W. Seelmann, Leipzig 1885:
Trennendes der inneren Struktur 131
könnte als Leitgedanke über seinem Leben stehen. Von. seinen
frühesten Lebenstagen an lacht er oder macht er lachen; seine
Taufe verläuft nicht ohne peinlich-komischen Zwischenfall, als
kleines Bürschlein verhöhnt er derb die Leute auf der Straße,
als Knabe schon treibt er schlaue Scherze mannigfaltigster Art.
So wandert er über die Welt und weckt das Lachen der Vielen
auf Kosten einiger Wenigen; daß die Opfer seiner Späße gewöhn-
lich auch die unbeliebten Gegenspieler sind und so seine Schalk-
heiten einen sozialen Charakter gewinnen, macht nur einen
kleinen Teil seiner Beliebtheit aus. Auf dem Sterbebett scherzt er
noch in witzigen Wortspielen und ersinnt Streiche, die noch nach
seinem Tode das Gelächter der Zuschauer hervorrufen werden.
Und wie er gelebt hat, so stirbt er: der Sarg entgleitet den
Trägern, die ihn in die Grube lassen wollen; Eulenspiegel legt
nicht, er steht begraben.
' Die Lalebürger sind ihm kongenial; der Grundsatz des Buches
consuetudo altera natura wird durch ihre tollen Späße rasch über-
wuchert und heißt schon von der zweiten Historie ab: Narrheit
um jeden Preis! Tieck hat in seiner Erneuerung versucht, dem
alten Grundgedanken wieder zu Ehren zu verhelfen; seine Schild-
bürger denken in ihrem lustigen Treiben immer wieder einmal
daran, daß sie ja eigentlich sehr weise Leute seien, und ergehen
sich dann in Beratungen über den Fortgang ihres Vorhabens:
wie sehr stört aber solche Reflexion den ganzen Ton, die
Stimmung des Buches! Die Bauern, die ihre von klugen
Frauen eingeübten Verse nicht behalten können, der Schult-
heiß, der bei allen möglichen Handwerkern, nur nicht beim
Kürschner, seinen Pelz zu kaufen wünscht, sein Sohn, der in
so derber Weise bei seiner Hochzeit betrogen wird: wie ähn-
lich ist das alles Eulenspiegelschem Erleben! Es ist so viel
Gelächter in diesem „Nibelungenlied des deutschen Lalentums“,
daß ein ernsthafter Gedanke gar nicht aufkommt. So ist es der
Wille der Zeit.
Fortunat und Faust sind ernsthafter, aber auch bei ihnen leuch-
tet’s zuweilen auf wie von heimlichem Spaß, und befreiend bricht
sich das Lachen Bahn durch die steife Würde der anderen Schil-
Ein gantz schöne vastelauendes gedicht, rimes wise uthgelecht, worinne etliker buren
bedregerie, yegen de börgers klarlik vorstendiget wert (etwa ı522 bis 1525), v. 51.
9*
133 Trennendes der inneren Struktur
derung. Das immerjunge Märchenmotiv von den Äpfeln, die
Hörner auf der Stirne erzeugen, ist gewiß im Fortunat nicht ver-
wertet, um Mitleid mit der falschen Prinzessin zu erwecken:
welch ein komisches Bild bietet sie, wie sie, das Horn groß am
Kopfe, trübsinnigen Gesichtes im Bette liegt, vor sich den als
Arzt verkleideten Andolosia, der ihre Pein nur ganz langsam
verringert! Oder wie witzig ist der Diebstahl des Fliegehüt-
chens erdacht und geschildert, das Fortunat dem Sultan stiehlt! -
Faust frißt einem Bauern Pferd und Heuwagen weg: wie mögen
die Hörer bei solch unglaublichem Kraftstück gelacht haben!
Einem andern zaubert er die vier Räder seines Wagens in die
Winde, und dieser hat das Nachsehen; betrunkenen Landleuten
hext er die Maulsperre an, einem zum Fenster hinausschauenden
Ritter zaubert er ein Hirschgeweih an den Kopf, daß dieser nicht
vor und nicht zurück kann: das alles sind Bilder, für deren
Situationskomik die Volksbuchzeit viel hellere Sinne hatte als
die unsere, die über der fabelhaften Zauberkunst das komische
Element meist völlig übersieht.
Demgegenüber bleibt der Witz der volkstümlichen Romane ein
dürftiges Nebenelement, das sich nur selten hervorwagt, um
Würde und Ansehen seiner gespreizten Helden nicht zu zerstören
und das, wo es einmal in den Vordergrund tritt, selten über den
Witz des Kasperles oder des furchtsamen Schneiders im Märchen
hinauslangt; jede individuelle Prägung fehlt ihm. In der Melusine
ist es ein Führer Goffroys, der ihn zum Riesen geleitet, der durch
seine zitternde Furcht Lachen erwecken soll, in den Haymons-
kindern ist das Schachspiel zwischen Ludwig und Adelhardt, im
Siegfried der Zweikampf zwischen Horcus und Zivelles, im
Brandan die Furcht des diebischen Mönches spaßhaft ausgemalt:
aber wie schnell hat man das vergessen über dem weiteren Er-
leben des Helden! Auch beim Faust füllen die Scherze nicht das
ganze Buch, aber sie sind leuchtender, sie treten stärker her-
vor, sie vergessen sich nicht so rasch.
In so verschiedenen Kreisen muß das Bild des Helden ein ganz
anderes werden: der Träger der Handlung des Volksromans
ist in Charakter und Lebensführung prinzipiell verschieden vom
Helden des volkstümlichen Romanes. Das ergibt sich nicht nur
aus seiner anderen Umgebung, in der er handelt und wirkt,
Trennendes der inneren Struktur 133
aus seinen verschiedenartigen Interessen, seinen verschiedenen Zie-
len; es folgert vielmehr zunächst aus seiner anderen Stellung zur
Umwelt, der er sich gegenüberstellt, während jener sich von
ihr treiben läßt. Daß nicht alle Konturen der Charakterzeich-
nung scharf herausgemeißelt sind, liegt nicht am Wollen, sondern
am künstlerischen Unvermögen: diesen Mängeln darf keine be-
stimmende Bedeutung zugemessen werden.
Was zunächst bei der Schilderung des Volksromanlıelden auf-
fällt, ist die absolute und alleinige Herrschaft, die er in Handlung
und Geschehen des Werkes ausübt. Bei Fortunat tritt diese Be-
obachtung noch nicht so scharf hervor; hier tummelt sich noch
nach Art der volkstümlichen Romane eine Schar von Neben-
personen, die durch oder neben dem Helden irgendwann einmal
bestimmend in die Handlung eingreifen und ihr ohne Zutun des
Haupthelden eine andere Wendung geben. So zeigt sich in diesem
Frühwerke einheimischer Romankunst noch die starke Abhängig-
keit vom Vorbild, die wir schon bei anderen Punkten beobachteten.
Ganz anders im Eulenspiegel: die Gestalten, die neben ihm han-
heln, sind Schatten, wohl kräftig und lebendig gezeichnet, aber
doch eben Werkzeug in Eulenspiegels Hand, Spielball seines
Witzes. Sie wechseln von Historie zu Historie wie die Namen der
Orte wechseln, in denen er seine Stückchen. ausübt; es ist für
ihn wie für den Kern der Handlung ganz nebensächlich, ob es
der Herzog von Anhalt ist, den er foppt, oder der König von
Polen oder Dänemark, ob ein Pfaff oder eine Gesellschaft von
Schneidern durch seine Späße Gegenstand des allgemeinen Ge-
lächters werden. Seiner Mutter, der einzigen Gestalt, die mit
ihm das ganze Buch durchwandert, wird in den wichtigsten Ge-
schichten des Kernteiles gar keine Erwähnung getan, nur in
seiner Jugend und am Sterbebett spielt sie eine Rolle, und auch
diese ist nicht bedeutungsvoller als die jeder anderen Nebenfigur.
Im Faust dasselbe Verhältnis: Mephisto ist nur Diener, Werkzeug,
kein selbständiges Wesen neben dem Helden; die Fülle der an-
deren Personen hat für Faust keine andere Bedeutung als. die
vielen Gefoppten für Eulenspiegel haben. Es ist bezeichnend, daß
auch Helena durchaus Schatten, für seine Charakterbildung und
für das weitere Geschehen bedeutungslose Episode bleibt, ein
Ding, durch das er sein Sündenbuch vergrößert, keine Gestalt, die
ı34 Trennendes der inneren Struktur
ihn oder sein Erleben beeinflußt; so steht sie auf derselben
Stufe wie jede andere seiner halb frevelhaften, halb lustigen
Zauberstückchen, durch die er seine Seligkeit verscherzt. Wagner
vollends bleibt ganz im Hintergrunde, und selbst der fromme
Alte, der in letzter Stunde versucht, sein Seelenheil zu retten,
bildet nur eine kurze, wenn er auch ergreifend und dichterisch er-
sonnene Episode, deren Fehlen weder der eigentlichen Handlung
noch dem Helden schaden würde. Die Lalebürger vollends dulden
keine Nebenspieler neben sich; die wenigen Fälle, in denen Außen-
stehende ihnen gegenübertreten, verschwinden in der Fülle der
Historien, die sie allein und unter sich ausmachen; ob der Kaiser
sich über ihre Torheiten belustigt oder die Handwerker ihren
Schultheißen zum besten haben: es ist letzten Endes immer der
Autor oder der Leser und ihre Ansicht, die da vertreten werden,
keine Gegenspieler, keine Selbsthändler treten ihnen gegenüber.
Ganz anders im volkstümlichen Roman, wo der Held doch immer
wieder der erste unter vielen ist, der bewundernswerteste unter einer
langen Schar von Personen, die oft genug selbständig in die Hand-
lung eingreifen und ihr eine Wendung geben, die der Held weder
vorausahnen noch wünschen konnte. Tristrant ist gewiß der Held
seines Romans, aber Marke ist es, der ihn zum höchsten Glücke,
zum tiefsten Unglück führt; Reinhold ist das stärkste und treff-
lichste Haymonskind, die Zierde der Ritterschaft; aber der Verrat
des Königs Johannes stößt ıhn fast ins Verderben, und Malagis
bleibt sein letzter Halt. Und selbst der Zufall wird zum tief in das
Geschick eingreifenden Helden: in die nach Helden und Stimmung
einheitliche Idylle zwischen Peter und seiner Magelone stößt der
Raubvogel und führt beide an den Rand des tiefsten Unglückes.
Faust verdankt sein Verderben nicht Mephisto, sondern allein
sich selbst! Und wer ist der eigentliche Held: Raimund oder
Melusine? |
Diese grundlegende Verschiedenheit ist in der starken, indivi-
duellen Ausprägung, die der Volksromanheld im Gegensatz zum
Helden des volkstümlichen Romans erfährt, begründet. Es sind
Menschen von Fleisch und Blut, die hier vorgeführt werden, keine
blassen Idealbilder, Recht und Unrecht, Glück und Unglück wird
ihnen zu gleichen Teilen zugewogen; sie sind nicht nur gut
und nicht nur schlecht, und: es schadet ihrem Ansehen beim Pu-
Trennendes der inneren Struktur 135
blikum durchaus nicht, wenn sie auch einmal seine Lachlust oder
gar seine Entrüstung hervorrufen. Das zeigt sich schon bei For-
tunat; er, den der traditionsbefangene Verfasser gern als Muster-
bild aller Tugend hinstellen möchte, gibt sich mit bösen
Weibern ab und wird später gar zum Diebe; sein Sohn Ando-
losia benimmt sich beim Verlust des Wunderhütchens nicht ge-
rade geschickt. Eulenspiegel ist bei seiner Taufe, als ihm seine
Mutter das Seil durchschneidet, als er vom Geizigen Schläge
bekommt, als er um seine Tasche geprellt wird oder als die
Sau seine Bahre umstößt, doch nur sehr bedingt der Held, und
Fausts und der Schildbürger Lebenswandel ist nicht gerade nach-
ahmenswert. Dabei steht doch jeder ganz in der Gunst seiner
Leser, und keiner denkt daran, den Helden geringschätzig zu be-
urteilen. Wie Fortunat das unerreichbar-lockende Vorbild aller
verarmten Ritter und aller Handelsleute ist, so wird Eulenspiegel
zum : Sprecher der verspotteten und verhöhnten Bauern, die er
durch seinen Mutterwitz an ihren Peinigern rächt. Dabei fehlt
seinen Späßen alle satirische Schärfe; es bleibt keine Bitternis
zurück, und selbst der Betroffene lacht schließlich mit. Die
„Ader von boshafter Tücke‘, die Görres bei Eulenspiegels Cha-
rakter wahrzunehmen meinte”?6, ıst nichts anderes als ein harm-
loser, die Situation ausnutzender Witz, dessen zuweilen grobe
Formen seine Zeit nicht so unfein und plump empfand wie die
andere. Und so unbedeutend die Schar der Nebengestalten für
Helden und Handlung bleibt, so sicher und kräftig sind manche
Figuren gezeichnet: die Bamberger Wirtin, bei der Eulenspiegel
um Geld ißt (Hist. 33), der geizige Schmied (Hist. 40), die
tanzlüsterne Magd des Brauers (Hist. 47), der Wollenwebermeister
(Hist. 51), Lambrecht der Weinzapfer (Hist. 57/8), der reiche
Kaufmann und seine Frau (Hist. 64), der behende Wirt (Hist. 78)
oder der Bischof (Hist. 87)! Nirgends die Schablone des Ritter-
romans, die märchenhafte Schwarz-Weißzeichnung der Charaktere
wie dort.
Ähnlich ım Faust. Das Bild, das wir aus dem Volksbuch von
dem berühmten und berüchtigten Zauberer gewinnen, kann ge-
76 J. Görres, Die teutschen Volksbücher. Heidelberg ı807, $. 196. Ein gutes
Charakterbild vom Eulenspiegel gibt Brie, Eulenspiegel in England. Berlin
1903, 9. 73. |
136 Trennendes der inneren Struktur
wiß keinen Anspruch auf historische Zuverlässigkeit machen;
aber in den Hauptzügen stimmt es doch mit dem überein, das die
Quellen überliefern, und das uns Erich Schmidt geschildert
hat!?: „ein halbgebildeter kecker Vagant und Schwindler, der ge-
legentlich selbst einsichtige Männer berückte, aber hauptsächlich
mit dreister Prahlerei auf die Leichtgläubigkeit der unschwer
zu blendenden Menge spekulierte.“ Es fehlt noch ein Zug: die
sichere Würde, die dem landfahrenden Weisen einen Schein von
Sicherheit und Bedeutung verleiht, und ein Schimmer echten rast-
losen Wissensdranges und Forschergeistes?’8, der selbst vor der
Verneinung des Glaubens und der Seligkeit nicht zurückschreckt;
so steht Faust, der letzte große Zauberer, am Ende des Mittel-
alters?9. Sein Bild ist groß, es erdrückt die Nebenpersonen: so
verschwinden sie neben ihm. Was der Bearbeiter gerne erreichen
möchte: beim Leser Abscheu gegen Faust zu erwecken, erreicht
er in keinem Falle, kaum, daß man ein Grauen vor der Zauberei
empfindet. Das Publikum liebt seinen Helden, dem so große Ge-
walt über die Dinge verliehen ist, und schaut bewundernd zu ihm
auf; alle Tendenzsucht, aller polemischer Geist ist hier vergebens
verschwendet.
Die Lalebürger als Heldeneinheit gesehen, zeigen ein gleiches
Bild. Sie setzen sich in bewußten Gegensatz zur anderen Welt,
konsequenter noch als Eulenspiegel, weil sie den Spott auf sich
selber anstatt auf andere laden, wenn sie Verkehrtheiten durch
restlose Durchführung geißeln. So werden sie zum Gattungs-
begriff für sich, vertauschbar weder mit dem doch so nahver-
wandten Eulenspiegel noch mit irgend jemand anderem. Und
innerhalb dieser Einheit, welche Fülle deutlich gezeichneter Ge-
stalten, voran der Schulthaß, der ein Meisterbild komischer
Charakterzeichnung darstellt. |
Eines ist allen Volksromanhelden gemein: die völlige Ent-
wicklungslosigkeit der Charaktere. Eulenspiegel erster Streich
—
71 E. Schmidt, Zur Vorgeschichte des Goetheschen Faust II. Goethejahrbuch
III (1882), S. 99.
78 A. Seeger, Das Faustbuch von 1587. Programm des Victoria-Gymnasiums.
Burg 1905, S. ııff. legt zu großes Gewicht auf den „titanenhaften Forscher-
geist“ Fausts.
79 K. Rosenkranz, Faust als Volksbuch. Scheibles Kloster II, S. 42.
Trennendes der inneren Struktur I 37
könnte, obwohl er ihn als kleiner Bube verübt, ebensogut von dem
erwachsenen Manne herrühren, und seine Witze auf dem Sterbe-
lager sind nicht pointierter, nicht ausgebildeter als etwa der mit
den Schuhen,-um die er als Knabe sich die Dorfjugend balgen
läßt. So fällt es beim Faust kaum als Mangel auf, daß seine
Jugendgeschichte nicht erzählt wird: mit dem Augenblick, wo
er vor den Leser tritt, ist sein Charakterbild fertig, er ist ge-
willt, mit dem Himmel und seiner Seligkeit zu brechen, und tut
es gleich zu Beginn des Buches: damit ist aber auch der Höhe-
punkt der inneren Entwicklung erreicht. Bei dem Lalebuch hat
der Bearbeiter versucht, eine Entwicklungslinie in den Stoff
hineinzuarbeiten, und der Gedanke, den er dazu verwendet, ist
nicht ungünstig: die Lalebürger sollen mit bewußter Torheit be-
ginnen und darüber langsam völlige Toren werden. Aber der Stoff
gehorcht ihm nicht: vom ersten Streich ab sind die Laleleute die,
als die das ganze Werk sie in immer neuen Variationen schildert:
restlose Narren.
Dem gegenüber steht der Held des volkstümlichen Romanes:
er ragt in übermenschlicher Größe außerhalb der übrigen Han-
delnden, zwischen ihm und dem Leser läuft keine Linie bürger-
lichen Verstehenkönnens wie in den Volksromanen. Der Leser und
die Nebenfiguren, alle halten den Atem an, wenn er spricht, denn
was er sagt, ist das allein Ausschlaggebende. Typisch fängt Trist-
rants ı2. Historie an: so sprach herr Tristrant; nachdem alle
Höflinge ihre Ansicht über das Schwalbenerlebnis gesagt haben,
nachdem der König selbst seinen Willen kundgetan hat, spricht
nun Tristrant die Entscheidungsworte: das ist ein Einschnitt. Der
Held spricht immer das erlösende Wort, tut immer die erlösende
Tat; bei all ihrer Wichtigkeit für Handlung und Geschehen
bleiben die andern Personen staunende Zuschauer des Dramas,
in dem der Held der einzige Akteur ist. Es ist die Technik des
Märchenerzählens: um einen Mittelpunkt — den Märchenhelden
— scharen sich die Nebenfiguren, und zwar in der Regel so, daß
sie in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm stehen, ihm schaden
oder nützen, von ihm bekämpft oder errungen werden 8°. Der
m u nn see N ee
% A.v. Löwis of Menar, Der Held im deutschen und russischen Märchen.
Jena 1922, S. ı.
138 Trennendes der inneren Struktur
Held ıst auch immer gut, immer nachahmenswert, immer Ideal-
bild; es ıst eine Bibliothek von Werken,
darinn das lob der guin erhaben
wird vnd der argen lob vergraben ®1;
der Gegenspieler muß ganz böse sein, weil der Held doch ganz
gut ist82, Viel mehr als im Volksroman wird hier eine Entwick-
lung gemalt; meist wird die Jugendgeschichte erzählt und dar-
getan, wie der Held schon in jungen Jahren, von meisterlicher
Hand behütet und erzogen, Außerordentliches und Übergewöhn-
liches leistet, auch dies eine Märchengewohnheit: „der typische
Märchenheld ist der Jüngling, der werdende Mann.” 83 Dazu ge-
winnt die Fülle der Nebengestalten hier wirklichen Einfluß auf
die Handlung, wenn sie auch alles, was sie tun, nur im Hinblick
auf den Helden vollbringen®*: die Haymonskinder sind ohne
Malagis und Johann, Magelone ohne ihre Amme, Tristrant ohne
Marke nicht denkbar.
Der größte Unterschied zwischen den Helden der beiden Gat-
tungen aber besteht in der Typisierung, die sie in den volkstüm-
lichen Romanen im Gegensatz zu den Individuen Fortunat, Eulen-.
spiegel, Faust und Lalebürger erfahren: wie es einen Heiligen-
typ gibt, so besteht auch ein Heldentyp, eine ein für allemal
gültige Schablone, nach der sie alle gearbeitet sind; wie ihre
Taten immer wieder dieselben sind, so besteht zwischen ihren
Charakteren keine Verschiedenheit. Der Kaiser der Sieben weisen
Meister ähnelt König Marke genau, Siegfrieds Helden, die so
viel beten und weise Sprüche im Munde führen, könnten alle
an Herzog Ernsts Stelle treten. Zwischen dem mann
8 Hans Sachs, Summa all meiner gedicht. |
&2 Wickrams Versuch, im „Knabenspiegel“ durch Abschrecken anstatt durch
Vorbild zu erziehen, mag auf keine Gegenliebe gestoßen sein: in den „guten
und bösen Nachbarn“ kehrt er zur erprobten Vorbildtechnik des Ritterromans
zurück. Vgl. G. Fauth, Jörg Wickrams Romane, $. 29; ferner $. 37ft.
8 4A. v. Löwis of Menar, Der Held im deutschen und russischen Märchen S. ı0.
84 So steht es auch bei der Magelone, die weit mehr als die anderen volks-
tümlichen Romane die beiden Helden in den Mittelpunkt der Handlung und
der Begebenheiten stellt; vgl. dazu G. Xlausner, Die drei Diamanten des Lope
de Vega und die schöne Magelone. Literarhistorische Forschungen XXXIX.
Berlin ı909, S. 16.
Trennendes der inneren Struktur 139
Reinold und seinem getreuen Magis ist kein Unterschied: syt
der gepurt unsers herren ist kein so starker ritter gewesst,
heißt es von jenem, und von diesem: ir sond wussen, dass ien
aller welt kein manlicher rittier was nach lystiger, als der gemelt
Magis was, dann allein usgenommen sin veiter Rengnold; neben
sie tritt Roland: syt krystus gepurt ward nie kein sollicher rytier
geboren, und Haymon selbst ist furwar der trefflichste und
schönste jünglein von gantz Franckreich. Fierabas ist der gröste
riese, der je von einem frauenbilde zur welt gebracht worden,
denn seines gleichen an grösse, stärke und kräften der glieder
lebte der zeit niemand; von Olwier heißt es: man liest in keiner
historie, das je ein wunder mensch so grosse wer tet als dieser
Olwier; der Jungfrauenerretter Wigoleis hält sich so mannlich,
dass es ein wunder zu sehen war, und ihm jedermann den
preis gab. Herzog Ernst gleicht ihm aufs Haar, denn alspald
er manns namen begriff, do was er ufrechte nach leib und dem
gemüte, in aller weishait und beschaidenhait, und begurte sich
mit dem swert des adels, das mit der feihel maniger tugende zuo
glitzendem schein gefegei und gecläret was; sein Gegenspieler
ist der unwirdig walsch ratent grave mit vergifter zungen. Mage-
lonens Peter erscheint wie sein völliges Ebenbild, welcher alle
andere in waffen, ritterspilen vnd anderen sachen vbertraff,
also das es sich mehr gottlich dan menschlich erzeiget; er was
ein schoner, holdseliger junger gesell, dazu war er weyss wie
ein lilien und hette freuntliche augen und gell har als golt. Dar-
umb jedermann saget, gotte hette jm vill sonderlicher tugent
verlihen; in der Gefangenschaft was auch seines gleichen nicht
am hoffe mit aller geschicklicheit, dar vmb er auch sehr ge-
liebet warde also, das alles durch jn am hoffe gescheen musste
« bei dem soldan. So ist einer wie der andere, und nur die Summe
aller kann sich als Einheit neben die einzelnen Helden der Volks-
romane stellen. |
Solchen verschieden gearteten Helden entspricht die verschie-
dene Atmosphäre, in der sie sich bewegen. Die Sexualität spielt
im volkstümlichen Roman eine ganz andere, eine viel bedeuten-
dere Rolle als im Volksroman. Nicht, daß sie hier ganz fehle.
Fortunat gibt sich auf seinen Wanderfahrten mit liederlichen
Frauen ab, und Faust verfällt der Buhlerei; aber diese Dinge
ıho Trennendes der inneren Struktur
werden ohne lüsternen Beigeschmack erzählt, vielmehr läßt sich
gerade bei diesen Schilderungen eine gewisse moralische Trocken-
heit verspüren, die den inneren Fluß der Erzählung oft störend
unterbricht. Allein in den Schildbürgern findet sich eine lüsterne
Szene, die Brautnacht des Bürgermeistersohnes; aber indem sie
sich in der Art ihres Scherzes den andern Historien angleicht,
fällt sie dem Leser nicht beschwerlich, und der graziös-erotische
Ton, der sie vor den andern Geschichten auszeichnet, ist Zutat
des gebildeten Bearbeiters. Auch im Eulenspiegel ist die eine
oder andere Zote nicht gescheut, aber in ihrer volkstümlichen,
bäurischen Derbheit wirken sie mehr komisch als lüstern und
stellen sich so den andern Witzen gleichförmig an die Seite; zu-
dem sind sie meist durch Wortspiele so verbrämt, daß nur wenige
Eingeweihte sie verstehen. So sind die Eulenspiegelzoten nur
Unflätigkeiten, nicht eigentlich erotische Witze.
Anders der volkstümliche Roman. Er nimmt gern jede Gelegen-
heit wahr, sinnliche Szenen breit auszumalen; die keuschen Verse
Eilhardts (v. 614ıf.):
daz sie ni wart sin wip,
daz vortrug die vrauwe äne nil
löst der Prosaist mit erotischer Pointe auf: sein eelicher gemahel
vertrüge solchs sein beiwesen on neide, wann ir was nit fürbas mer
kund. Das Beilager der Melusine ist genau und liebevoll geschildert ;
bezeichnend ist, daß der Holzschnitt des späten Volksbuches den
Fischschwanz der Titelheldin im Bade durchaus als Schwanz und
nicht, wie der Text es meint, als Verlängerung des Rückgrates, als
untere Extrimität dem Leser vor Augen führt. Als Raimund sie das
erstemal im Bade belauscht hat und er nun über seine eigene Tat
betrübt im ehelichen Schlafzimmer seine Schlechtigkeit beklagt,
kommt sie zu ihm, deren erste verrichtung auch ware, dass sie
sich entkleidet und ihren lieben Reymund als eine lust- und lieb-
reiche Venus, mit tausenderley anmutigkeiten, gantz nackend im
bette umhalsend also anredete: folgt eine schwülstige Rede. In
den Sieben weisen Meistern, deren Rahmenerzählung stark mora-
lisch gefärbt ist und von deren fünfzehn Beispielgeschichten neun
erotischen Charakter tragen, gilt es als Maßstab für besondere
Unbeliebtheit, also dass die frauen einen abscheu vor ihm hatten.
Trennendes der inneren Struktur ıhı
Als Haymon nach siebenjähriger Abwesenheit heimkommt, war er
auch sehr frewdenreich, stieg von seinem pferdt und gieng mit
jhr in jre schlaffkammer wie stark er gewaffnet und verwundt
war, vnd machet sie wider schwanger: die heimliche Erzeugung
der Vier bringt einen besonders geheimnisvoll-lüsternen Ton in
das Ganze. Zwar läßt die dezente Übersetzerin Elisabeth die ero-
tischen Stellen ihrer Vorlage gern fort oder nimmt ihnen durch
Umbiegen ihre peinliche Note, aber schon die Hug-Schepleraus-
gabe von 1537 malt die im alten Druck nur kurz berichteten
Liebesabenteuer breit aus. Verweilen doch auch die Kalender mit
sichtbarem Wohlgefallen bei den Brunstzeiten der Tiere, bei den
Schwangerschaften der Frauen, bei den Erörterungen über die
Zeugung. Es ist eine Zeit, in der Ehe und Fruchtbarkeit über
alles geht; Junggesellen gelten als minderwertig und dürfen nicht
Ratsherr, nicht Meister werden®5. Anderseits ist gerade hier die
Beeinflussung durch Frankreich sehr stark fühlbar; im Gegen-
satz zu Italien, wo im Ritterlich-Abenteuerlichen das Wesens-
moment des Romans gesehen wird, ist dort die Liebe das bestim-
mende Element, um das sich alle Handlung dreht8%; durch diese
Quelle strömt solcher Geist auch in die deutschen Romane, in die
deutsche Begriffwelt. |
Allein in der Magelone zeigt sich eine andere, zartere Auf-
fassung von der Liebe; das Sexuelle tritt hier in den Hintergrund, .
und das warme und feine Gefühl, das die Liebe bei Held und
Heldin auslöst, ist nicht nur, wie beim Amadis, Verbrämung ver-
steckter Sinnlichkeit, die im entscheidenden Augenblick abge-
worfen wird, sondern kommt von Herzen und geht zu Herzen.
Wie zart ist Peters Liebe geschildert: der ritter achtet des essens
wenig. dan er allein mit ganizem seinem hertzen geflissen was,
die schonen Magelona gnügsamlich zu besichtigen vnd jn jn:.
bedencken die vnvbertreffliche schone der junckfrawen, des ko-
nings tochter, und speiset also sein gesicht, sie mit ansehen, und
gedacht jn seinem hertzen, es were keine schonere auff erden dan
dise schone Magelona ... nichts des weniger, wie jm ward, ge-
schahe auch der schonen Magelonna jn jrem hertzen von dem
85 G. Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur II? (1913), S. 84.
8 M.L. Wolff, Geschichte der Romantheorie mit besonderer Berücksichtigung
der deutschen Verhältnisse. Phil. Diss. München ıg9ı5, $. 27.
"142 Trennendes der inneren Struktur
ritter. Als er sie das erstemal besucht, springt das hertze ...
jr auff jm leip vor freuden, und wie rührend ist das Geständnis
der Magelone an ihre Amme: ich hab mein hertzs und liebe gantz
gesetzei jn diesen jungen ritter, der den vorigen tage .den
preiss jm turnier oder stechen erlanget hat. — Den von geistlichen
Bearbeitern herrührenden Romanen fehlt die erotische Note oft
ganz, wie dem Herzog Ernst oder dem Heiligen Karl, aber
man spürt die Tendenz, die solches bewirkt, und so geht der
günstige Eindruck schnell verloren. Indes findet sich auch in
Werken aus geistlichem Kreise recht oft lüsterne Erotik oder gar
derbe .Zote; ist doch selbst die „Heilige Anastasia‘ nicht frei
von ihr 8,
Dem Gegensatz von Zote in der einen und Lüsternheit in der
andern Volksbuchgattung entspricht .eine Derbheit in den Volks-
romanen, an deren Stelle bei den volkstümlichen Romanen eine
weichliche Sentimentalität tritt. Ohne frivol zu sein, nennt der
Volksroman die Dinge bei ihrem natürlichen Namen88, und eine
gelegentliche Unfläterei wird nicht gescheut; die griechischen
Satyrspiele, die Shakespeareschen Bauern sind vom gleichen Geist,
der auch den Typ der alten Harlekins und Possenreißer beseelt 89.
Von den ga Historien des Eulenspiegels tragen neunzehn porno-
graphischen Charakter; zart und weich ist keine einzige. Faust
. bleibt bis an seine Todesnacht der konsequente Gottesleugner, erst
ganz zum Schluß packt ıhn die Reue, die der Bearbeiter senti-
mentaler ausmalt als der derbe Charakter des Helden zugelassen
hätte; auch unter seinen Erlebnissen ist manches, dessen Deutlich-
keit in jedem Ritterromane undenkbar wäre. Das Lalebuch endlich
bietet in seinem obszönen Rätselkapitel eine ganze Blütenlese
bäurisch-derber Zweideutigkeiten ; auch an Stellen, die nicht ge-
rade ans Erotische grenzen, scheut es ein derbes Wort, eine saftige
Handlung in keiner Weise.
Demgegenüber betont der volkstümliche Roman ständig und
87 Bibliothek des literar. Vereins, Nr. 185 („Deutsche Volksbücher“, hg. von
$. Singer und A. Bachmann); vgl. die Stelle, als Anastasias Sohn längere Zeit
bei ihr alleine verweilt, wo es heißt: sie gloupten, das alt wib und er werent mitt
einander überein komen,
88 M”, Rudeck, Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in Deutschland, Jena
1897, S. 364.
89 Flögel, Geschichte des Giteie-Komibeiien; Liegnitz-Leipzig ı788, S. 38.
Trennendes der inneren Struktur ıh3
bewußt seine Gefühlsseligkeit und die Feinheit seiner Helden; so
unglaubliche Heldentaten sie auch verrichten, es sind doch zart-
besaitete Gemüter, die ersten nervösen Menschen, die uns in der
deutschen Literatur entgegentreten. Den Tristan Oberges kuste
und druckte Marke zu siner bruste und hält ihm dabei eine er-
bauliche Rede (v. 781 ff.); der Tristrant des Volksbuches wird
mit weynenden augen entlassen; im Epos weinen alle außer Tri-
stant, als er als siecher Mann seine Fahrt in der Barke antritt;
im Volksbuch weint Tristrant mit; wo Eilhardt dichtet (v. 3992):
heren Walwäne was vil leit,
daz sin geselle von im reit,
setzt der Roman: besunder herr Balbon schyd mit wasserreichen
augen, wann 'ym geschah vormals nye so leide als yeiz, do sein
gesell von reit. In der Melusine herrscht ein weinen, schreyen u.
lamentiren, kaum mit einer feder zu beschreiben, und ein herz-
liches jammergespräch unterbricht oft den Bericht. Beim Abschied
der Elbin schwimmt alles von Tränen: man sahe allda nichts
mehrers als ein erseuffzendes hände-winden, sonderbar von dem
vatterlosen weib und kindern, ihre augen wiesen eitel ströme von
thränenbächen, und ihre gestaltungen sahen dem todten leichnam
nicht viel unähnlich, dass es auch wol einen stein hätle zu weinen
und . mitleiden bewegen sollen. Phyloconio und Eugenia künden
sich als eyn fast senliche und erpermliche mitleydende hystoria
an; nicht nur Florigunda, sondern auch Siegfried neigt zu plötz-
lichen Ohnmachten; Herzog Ernst und die Seinen scheiden nit
on gross zäher vergiessen ... von irem süssen vaterlande, und
doch fällt ihnen der Abschied vom Mohren-König kaum we-
niger .bitter: schied er und di seinen mit grossen zähern und
cläglichem wainen von dem mornkünig. Wo das Brandanlied
sagt (v.591f.): | | |
' daz sie riefen innecliche
‘zu gote von man enjene,
malt das Volksbuch sentimental aus: do bate sand Braalın und
alle sein brüeder unsern herren mit wainenden augen füer iren
bruoder und gesellen. In den sonst so männlichen und starken
Haymonskindern findet diese romantische Weichlichkeit, die durch
ıbä Trennendes der inneren Struktur
die volkstümliche Romane zu Wickram und durch ihn in den
deutschen Kunstroman gelangt ist?", ihren Höhepunkt für die
Volksbücher, der freilich im Amadis noch bei weitem überholt
wird: wird doch dort sogar der Titelheld ohnmächtig, als er Ori-
anas Abschiedsbrief erhält. Eine Neigung zu Wunderträumen
und Traumwundern hängt damit zusammen; Zukünftiges wird
im Schlafe enthüllt, und traurige Erlebnisse wiederholen sich im
Traum, um erneut Anlaß zu schmerzlichen Reflexionen zu geben.
In all diesen Beobachtungen zeigt sich die Sucht der Zeit,
Dinge zu übersteigern, die natürlich gesehen Mitgefühl und Teil-
nahme erregen können, die aber in solcher Form der Erzählung
den Charakter einer hyperbolischen Groteske verleihen.
So zeigt sich der Hauptunterschied zwischen Volksroman und
volkstümlichem Roman in ihrer Stellung zum Leben, zur Welt
ihrer Tage, mit der jener die Verbindung weit besser und inniger
zu wahren weiß als dieser. Ein Hauch von Frische und Natürlich-
keit läßt ihn uns lebendiger und anschaulicher erscheinen; seine
Welt ist die deutsche, sein Held gehört dem Leben und nicht dem
Ideal, seine Stimmung ist gesund und natürlich. Zahlenmäßig in
der Minderheit und als Kind des ungelehrten Volkes ohne die
Protektion des Adels und der gelehrten Welt, die dem volkstüm-
lichen Roman im ersten Jahrhundert seines Bestehens beschieden ist,
bleibt sein Einfluß auf die Gesamtliteratur geringfügiger; Wick-
ram knüpfte an die Ritterromane, nicht an Fortunat oder Eulen-
spiegel an: so wird die leise Lüsternheit, die Sentimentalität, die:
Schwarz-Weißzeichnung und die Übersteigung des volkstümlichen
Romans Stil- und Formelement im Jugendalter des deutschen
Kunstromans, und die historische Bedeutung des fremden ritter-
lichen übertrifft die des einheimischen Charaktervolksbuchs. Aber
heller und deutscher leuchtet die Welt des Volksromans, und
wie Fortunat Idealbild des reichen Bürgers seiner Kultur war,
haben Eulenspiegel, Faust und Lalebürger ihren alten, bezeichnen-
den Klang behalten, nicht nur im Heimatlande, sondern weit über
seine Grenzen hinaus: sie bilden die deutsche Gegengabe für
das, was aus fremden Quellen fließend in den volkstümlichen
Romanen deutschen Geist und deutsche Kultur maßgebend be
einflußt hat. |
—
% G. Fauth, Jörg Wickrams Romane S. 43. |
Register
1. Personen
Aelst, P.v.d. 72 | Eberhard v. Württemberg ı6
Agrippa ı27, 129 Eilhard v. Oberge s. Tristrant
Albertus Magnus 38, 39, 53, 54, ı0ı | Eleonore Stuart ı5
Albrecht v. Baiern 74 Elisabeth v. Nassau-Saarbrücken ı4[£.,
Albrecht III. ı6 141
Alfons X. 9 Endter 33
Anna v. Braunschweig 74 Erasmus ı29
Aristoteles 54, 103, 111 Eusebius 34
Aurifaber 116 Everaerts 46
Avicenna 354
Ayrer 19, 21,71 Feyerabend ı8, 30, 34, 35, 58, 61,
66, 67, 68, 78, 79
Bämler 23 Fickler 63
Bebel 37, 52, 118 Fiedler v. Reichenbach 45
Beer, F. 75 Fischart 6, 36, 61, 124
Bocard, J. 6 Flögel 7ı
Boccaccio 44, 80 Foltz, H. 5ı
Brant, S. 24, 25, 69, 117 Frank, $. 103, ı29
Brinkmann, J. 124. _ Frey 118
Brück 129 Frischlin, N. 5
Bruno, Chr. 38 Fritsch, L. 66
de Bry 25 Frölich, J. 20, 35, 45
‘Buchholtz 63 Fuchs 80
Füetrer, U, 6, ı2, ı22
Cammerlander 49, 55
Cardanus ı27 Galienus 54
Christoph v. Pisa 14 Gargi-Ordofiez de Montalvo 6ı
Christoph v. Württemberg ı4, 61 Geiler v. Kaisersberg 130
Cochem, M. 45 - Gengenbach, P. 49, 50, 52
Cölestin V. z Georg Schenk von Limburg 114
Couldrette 7ı Goethe 4ı
Cromwell g Görres 69, 72, 135
Gottsched 40, 5zı
Dante ı0 Grimmelshausen 49
Dasypodius, P. 117 Grüninger ı5, 24, 43
Mackensen, Die deutschen Volksbücher 10
146 Register
Gruppenbach 63 Lüders, L. 68
Gryphius, A. 7ı Lukas v. Leyden 70
Gülfferich 2ı, 55, 66, 67, 68, 79 Luther 28, 29, 36, 63, 70, 71, 73, 94
96, 98, 117, 129
Harder 53, 66, 67, 68, 69, 78, 79
Hartlieb, J. ı6, ı9, 74 Makropedius 70
Hebel 32 Marbach 33
Heinrich der Löwe 55 Margarethe v. Frankreich ı5
Heinrich v. Nördlingen 94 Marperger 77
Helbling, S. 56 Marquard v. Stein ı6, 56
Henrichmann v. Sindelfingen 52 Maximilian 6, 104, 130
Herbaray, Seigneur de 6ı Mechtild, Pfalzgräfin ı4ff.
Herbert v. Fritzlar 8 Montanus ı19
Hoffmann, A. 67, 68, 79 Moscherosch 38f., 66
Hondorff ıı7 Münster, S. 116
Honorius 56 Murner 47
Hulsius 25
Hupfuff 49, 54 Nas, J. 52
Huter, S. 66, 67, 68, 69, 78, 79 Nerlich 35
Hutten ı6 Nettitz 35
Neumann, J. G. 75, 76
Jean de Bourgogne 58
Jeanne d’Arc z Opitz 62
Jehan d’Arras 7ı Osiander 6
Jobst 116 Othmar 44
Johann v. Frankreich ı5 Otto v. Demeringen 59
Johann Friedrich v. Sachsen ı6, 63, 65
Johann de Mandeville s. Montevilla | Paschius 78
Johann v. Würzburg 43 Pauli, J. 70
Petrarka 44
Karl V. 15 Ä Pfister, A. 22f.
Karlstadt ı29 Pfitzer 76
Kirchhof ıı9 Polo, M. 9
Knoblauch ı9, 53, 59 Porta 127
Köbel, J. 50 Püterich s. Reicherzhausen
Königsberger 47, 49, 50
Konrad v. Würzburg 94 Rabe 35
Kornmann 7ı Rabener ı00
Rasch 52
Landschad ı6 Rauwolff 58
Langer, Chr, 118 Rebart-Hahn 35
Latini, Brunetto g | Regiomantus 47
Lauremberg 62 Reicherzhausen, Püterich v. 6, 15, 59
Leo 74 Ringoltingen ı4, 36, 71, 110, 112,123
Lercheimer 75 Rodler, J. 22, 72, 73
Littfas 33 Röhn, Kaspar v.d. 6, ı2
Register
Rollenhagen 4f.
Rößlin 54
Rothe, J. 107
Roussillon, G. de ı0
Rudolph. v. Hochberg-Neuenburg ı6
Sachs, H. 6, 65, 70, 73, 105, 117,
129, 138
Sachsenheim, H. v. 4, 6, 15
Sarcerius 37
Scharffenberg, A. v. 122
Schedel, H. ıı7
Scheid, K. 36, 119
Schickard, W. 75
Schill, H. 38f.
Schlegel, A. W. zıf.
Schobßer 2ı
Schönberg, H.F. v. ııı
Schönsperger ı5, 19, 21, 23, 78
Schott, M. ı8 '
Schottel 96
Schumann, V. 73, 119
Schupp 52
Schwab 33
Schweigger, S. 36, 70
Schwind, M. v. 72
Seuse 129
Sickingen ı6
Sigmund v. Tirol 15
Simrock 33
Sindelfingen, J. H.v. 52
Solbrigk 32, 33
Sorg, A. 20, 21, 23, 43, 55
Spalatin 5, 37, 73, 87
Spieß 37, 74 76
Steinberger 52
Steinhöwel 45
Suchnach 68
Tieck 66, 73, ı31
Türlin, U.v.d. 89
Uhland 33, 72, ı18, ı22
Vives 37
Waldis, B. 5
Wambach ıı7
Warbeck, V. 16, 19, 73, 110
Weigand 2ı, 35
Weise, .Chr. 99
Westphal, J. 2ı
Weyßenburger 79
Wickram 39, 68, 90, 96, 109, 144
Widmann 7ı, 75, 77
Wirnt v. Grafenberg ı6, 102
Wolf E. v. Stolberg 68
Zachariä 71
Zainer 21, 23, 3, 45
Zepffel, D. 68
Ziehenaus 67, 68
Ziely, W. 26, 36
Zigler, H.A.v. 5
Zurmgibel 33
2. Stoffe und Bücher
Ahasver 3, 57, 66, 68, 77f., 105
Albertusbüchlein 53
Alexander 9, ı8, 19, 34, 57, 58, 74
83, 85, 86, 90, 91, 102, 108, 109
Alexius 42 |
Altes Testament 58
Aluta 70
Amadis 3, ı0, 38, 39, boff., go, gı,
141, 144,
Anastasia, hlg. 142
Apollonius 45, 66
Aristarch (von Opitz) 62
ars moriendi 24
Artusroman 9; s. auch Olwier
Asiatische Banise 5
Barbarossa 66, 68, 7gf., 82, 102
Bauernkalender 48, 66
Bauernkompaß 50
Beispiele der alten Weisen ı6
Brandan 3, 20, 34, 44, 57, 65, 66, 83,
86, 102, 104, 132, 143
10?
148
Register
a —————————————— ee
Bruder Rausch 38
Buch der Liebe 24, 30, 34 35, 42
buch von der heiligen lebine 8, 421.
Christlich Meynender 32, 76
Der kleine Lucidarius 56
Der deutschen Sprache Ehrenkranz 39
Detektivromane 40
Dietrich v. Bern 3ı
Eckart, getreuer 37
Ehrenbrief 59
Einblattkalender 47
Elucidarius 55
epistolae obscurorum vivorum 68
Esel Tierkönig ı29
Eulenspiegel 3, ı1, 21, 22, 24, 26,
31, 36, 37, 38, 39, 40, 575 58, 59,
65, 66, 67, 69, 70f., 74 78, 80, 89,
90, 93, 98, 100, 101, 105, 108, 112,
ı13f., 120, 124f., ızıf., 133, 135,
ı36f., 140, 142
Eulenspiegel reimensweis 124
Euryalus und Lukretia 37
ewiger Jude s. Ahasver
Fabel 5
Faust 3, 28f., 32, 34, 375 38, 57, 58»
63, 68, 74ff., 78, 80, 81, 82, 86, 88,
95, 97, 98, 99, 100, 101, 103, 105,
106, 107, 108, ı11, 112, 114 f., 121,
124, ı26f., ı27f., 129, 131, 133
134 135, 137, 139, 142
Fazetie 6, ı18
Fierabras 67, 68, ı01, 106, 107, 109,
123, 139
Flore 6, 31, 37, 38, 8o
Fortunat 3, 11, 22, 30, 31, 39, 57;
65, 66, 67, 6gf., 75, 78, 8ı, 82, 85,
88, 90, g1, 92, 93, 97, 100, 101,
102, 103, 105, 106, 107, 108, ı12f.,
117, 120, 125, 127, 131, 135, 135,
139, 144
Froschmäuseler 4f.
Gartengesellschaft 39, 117
Geburtsbücher 54
Gedicht von der Tafelrunde 6
Gegenpraktiken zıf.
Genovefa 31, 45
Georg 42
Germaniae chronicon 103
Gregorius 42
Grillenvertreiber s, Lalebuch
Griseldis 20, 44f., 98 |
Grobianus ı19
Hans Clauert 108
Haymonskinder 22, 40, 65, 66, 72f.,
81, 82, 83, 84, 88, 89, 90, 91, 92,
93, 95, 97, 101, 102, 104, 105, 106,
109, 111, 128, 132, 134, 138, 141, 143
Heftkalender 47
Heldenbuch 69
Helene, die geduldige 45
Herzog Ernst 3, 21, 22, 23, 25, 27,
28, 34, 36, 39, 43, 44 57, 58, 65,
66, 79, 81, 83, 85, 86, 88, 92, 98,
100, 104, 111, 138, 139, 142, 143
Herzog Herpin ı8, 84, ı22
Hirlande 45
historia de preliis 44
Hugschapler 3, ı4, 37, 67, 68, 78,
128, 141
Hummeln s. Lalebuch
Lliias 72
Jud Süß 64
Kalenberger 26, 37
Kalender 32, 46ff., 141
Kalendersatire zıf.
Karlsbuch 43, 82, 90, 105, 117, 142
Kirchenlied, evang. 7
kleine Cosmographia 55
König Löw 38, 39; s. Ritter Leu
Königin Sibille ı4
Kriminalroman 40
Kunigunde 42
Lalebuch 20, 31, 58, 69, 78, 8ı, 83,
85, 86, 88, 91, 92, 95, 96, 97, 98,
Register
99, 104, 105, 106, 11, 118ff., ı21,
123, 125, 131, 134, 135, 136, 137,
140, 142
Lanzelot 6, ı0, 2ı, 38
Laßtafeln, komische zı
Legenden 8, 42ff., 56, 58, 78, 80, 89
Lehrgedicht 5
Leo s, historia de preliis
Lied vom hürnen Seyfried ı22
Lob des Esels ı29
Lob der Narrheit ı29
Loher 3, 14, 29, 37, 67, 108, 123
Losbücher 39, 63
Lucidarius ı0, ı1, 18, 34, 50, 55f.,
67, 116
Magelone 3, 5, 16, 22, 27, 29, 37, 38,
39, 66f., 7ı, 73f., 78, 79, 83, 8sf.,
88, 92, 95, 100, 106, 128, 134, 138,
139, 141.
Magiebücher 63
Marienleben 42
medizinische Volksbücher 352
Meistergesang 27, 70, 75
Melusine ıı, ı2, ı6, 27f., 31, 36, 37,
38, 39, 65, 66, 67, 7ıf., 81, 83, 85,
87f, 88, 90, 95, 96, 97, 98, 100,
102, 103, 104, 105, 106, 107, ı11,
123, 124, 128, 132, 134, 140, 143
Merlin 6
Montevilla 58, ı01
Möhrin 4
Narrenschiff 69, 117
naturwissenschaftliche Volksbücher 52
Neithard Fuchs 80
Novelle 7
Ogier 65
Oktavian 31, 37, 39, 66, 67, 109, 123
Olwier 26, 36, 37, 79, 101,108, 123,139
' Orendel 44, 92, 97, 98
Oswalt 42, ı22
Parzival 6
Passionale s. Legenden
Pestbücher 53
|
ı4g
Peter Leberecht (Tieck) 66
Peter Squenz 7ı
Philander v. Sittewald 38
Philoconio und Eugenia 80, 86, ı02,
122, 145
Piotr Jatorski 70
Pontus und Sidonia 4, 15, 21, 37, 38,
39, 65, 66, 67, 7ı
Praktiken 46 ff.
Predigt 5, 8
Predigtmärlein 8
Prognostiken 46ff.
Punktierbücher 63
Puppenspiel 46
Pyramus und Thisbe 38
Rätselbücher 39
Reinhard Fuchs 38, 110
Reinhart und Gabriotto 37
Reisebeschreibungen 56 ff.
Reisesammlungen 25, 57, 58
Rheinischer Hausfreund 32
Ritter Galmi 2ı, 37
Ritter Leu 38
Ritter v. Turn ı6, 37, 56
Ritterromane ııff.
Robert der Teufel 26
Rollwagenbüchlein 39, 68
Roßschwanz, Dr. 26, 51
Runenkalender 46
Salomon und Maukolf ı9, 21, 37, 66
Scherzpraktiken 51
Schildbürger s. Lalebuch
Schimpf und Ernst 39, 70
Schwank 7, 60
Seelentrost 42
Seifried de Ardemont ı22
Sieben weise Meister 4, 26, 31, 102,
ı20f., 123, 138, 140
Siegfriedbuch ı9, 26, 28, 29, 33, 40,
66, 82, 85, 91, 100, 101, 104, 105,
106, 108, 109, 121, 123, 127,. 128,
132, 158, 143
Simplizissimuskalender 49, 51
Skeireins 46
Br %
Register
Spottkalender 5ı
Sprichwort 39, 69, 96, ı20
Streit- und Schmähschriften ı7, 36, 47
Summa all meiner Gedicht 6, 138
Täo bö Cuüalnge 9
Testament, Altes 58
Teuerdank 6, 25
Teufelsliteratur 96, 98
Titurel 6
Traumbücher 39
Tristrant ı0, ı1, ı2, ı8, 2ı, 22, 23,
25, 26, 27, 30, 31, 32, 37, 38, 39,
65, 67, 78, 86, 89, 90, 91, 93, 95,
96, 97, 99, 101, 102, 103, 105, 106f.,
107, 109, 110, 122, 127, 128, 134,
137, 138, 140, 143
Trojabuch 9, ı8
Türkenkalender 47
Valentin und Namelos ı0
Valentin und Orso 37
Virgilius teutsch 68
Volkslied 7
Volksroman ııff., 65 ff.
volkstümlicher Roman ııff., 65 ff.
Wagnerbuch 28, 32, 34, 76f., ı08,
111, 117
wahrhaftige Historien 63.
Weißer Ritter 3
Wenzelpassional 8, 42
Wigoleis 6, ı1, ı2, ı6, ı9, 20, 21,
24, 26, 27, 29, 30, 31, 37, 67, 78,
86, 89, 96, 102, 104, 106, 107, 109,
111, 123, 139
Wilhelm v. Orange ıı7
Wilhelm v. Orleans 6
Wilhelm v. Österreich 43, 80
Wunderliteratur 84
Zauberbücher 38, 63
Zimmernchronik 75, 105, 129
Zirkelbücher 39
3. Kulturelles
Abenteuersucht 66, 73, 74
Abenteurertum 3
Aberglauben 53
Adel 2, ıı, 13, 39, 60, 66, 104, 144
Alamodezeit zoft.
antikatholische Tendenz 76
Aufklärung 32, 76
Äußerlichkeit 107
Autoritätssucht ı00f.
Ballett 46
Bauern als Publikum 39
Bibel, sprachl. Einfluß 73
Bürgertum ı, 4, 60, 69
Demokratischer Zeitgeist 3
Dreißigjähriger Krieg 29
Empfindsamkeit 62
Entdeckungszeitalter 57
Epigonengeist 6
epische Veranlagung der Deutschen ı3
Erotik 54, 56, 60, 62, 73, 80, 86,
139f.
Fabulierlust 59
Feste 107
französischer Einfluß 2, 8f., ı5, 31,
58, 60, 99
Frauen, Stellung der 106
Frauenideal 8ı
Frömmigkeit 44 5% 57, 59: 79, 80,
87, 103
Fürsten ı3f., 6ı
Geldsucht 8ıf., 103
Gelehrsamkeit ı02f£., ı11
Gemeinschaftsgefühl 3
Genußsucht 8of.
Geschmacksvergröberung 2, ı28f.
Geselligkeit ı103f.
Gespensterglauba 84
Grobheit 106
Register
Handelsbeziehungen 57
Hausbackenheit 5s, 8ı
Hexenwahn 84
Humanismus ı, 5, 17, 30, 35, 99
Humor ı29ff.
Index librorum prohibitorum 38
italienischer Einfluß 47
Kalendersteuer 48
Katholizismus 26ff., 37
Kaufmannsstand 69
Kleiderluxus 104
Kraftgefühl z
Kreuzzüge 56
Kulturgut, gesunkenes 14
Lehrhaftigkeit 56, 62, 75, 76, 91, 92,
101
Liebe, Darstellung der 62
Märchen 59
Materialismus 2ff., 104
mäze ıo0zf.
Moralsucht 46, 57, ıoıfl., 125
Musik 6
Mystik 8, 94, 98
Narrensucht ı104f., 130
Naturwissenschaften 103
niederländischer Einfluß? 10
Nützlichkeitsprinzip 4, 62, 87
Obszönes 60
151
Pest 52f.
Pointensucht 7
Protestantismus 26ff., 37, 55
Publikum ı4, 60, 65 ff.
Punktierlehre 63
Reformation ı, 7, 17, 26f., 35, 36, 55
Reisesucht 84
religiöse Bedürfnisse 2
Renaissance ı, 17, 27, 94
ritterliche Kultur ıf., 103.
Romantik 32
Schelten 106
Schwankmotive 60
Sexualleben 54, 60, 139f.
Spanien 61
Speiseluxus 104
Sturm und Drang ı2
Träume 144
Trunksucht 8ı
Turniere 82, 104, 107, 130
Unritterlichkeit ı03
Wundersucht 59, 66, 73, 74, 84
Wunschdinge 82
Zauberglaube 83, 103
Zaubermittel 53
Zeremoniell 107
Zoten 56, 60, ı41f.
4. Formales
Almanach 47
Anpreisungen, buchhändlerische ı8
Anrede 107
Aposiopese 85
Augsburg als Druckort ı8
Ausstattung 64, 72, 79
Breite 61, 75, 79
Briefprosa 8, 98, 107, 130
Buchdruck ı7
Charakterschilderung ı136ff.
Dialoge 90
direkte Rede 8gft.
Einband ı7£.
Format ı7f., 2ıf., 48, 50, 79
- Formelhaftigkeit g4ff.
Frankfurt als.Druckort ı8
französische Prosa 8f.
Fremdwörter 95, ggf.
152
Gedruckt in diesem Jahr 20
Geschichtsprosa 8
Handschriftenverbreitung ı7
Holzschnitte 23
Illustration 22 ff.
indirekte Rede go
irische Prosa 9
Jahrmarktsausgaben ı9
Kapiteleingänge ı20f.
keltische Prosa 9
Kirchenlatein 8
Komödie 70
Kürze 7, 66, 76, 77, 79, 84ff.
Mundartliches 95
Nachdruck ı7, 20
Parallelismus 96
persönliches Hervortreten des Er-
zählers gıf.
Register
Prosa 7ff., 44, 55
Prunkdrucke 7, 79
Bahmenerzählung ı23
Rechtsprosa 8
Reden 87ft.
Reimform 6, 50
Reimprosa 97ff.
Rhetorik 79
Satire 5ı, 69, 129
subjektiver Stil gıf.
Synonymik 95
Typisierung ı38ff.
Übersetzungen 11, 13, 59, 61, 71, 72,
80, 97, 112
Übertreibungen 93, 105, 128
Ulm als Druckort ı3
Verfasserfrage ı11
Verse 49, 50
Vorleser 25f.
Weitschweifigkeit 61, 75, 87
Digitized by Google
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THE UNIVERSITY OF MICHIGAN
GRADUATE LIBRARY
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Form 9584
UNIVERSITY OF MICHIGAN
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